Du und ich

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2012, Titel: 'Du und ich', Seiten: 160, Übersetzt: Michael Hartmann

Couch-Wertung:

86
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Wolfgang Franßen
Im Keller

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jun 2012

Niccolò Ammaniti ist ein Kabinettstückchen gelungen. Auf knapp 140 Seiten beschwört er eine Kindheit herauf, dir wir alle nur zu gut kennen. Am liebsten wären wir in jungen Jahren vor uns selbst davon gelaufen. Entweder waren es die Haare, die Pickel, wie waren zu klein, zu dünn, zu dick oder nur der Schatten von einem guten Freund, neben dem wir so tun konnten, als wären wir jemand anderer.

In dem schmalen Roman beschwört Ammaniti den Bate’schen Mimikry. Der besagt, dass harmlose Tierarten, um sich selbst zu schützen,  durch Färbung der Haut oder vorgetäuschtes Verhalten sich in eine ihnen überlegene Tierart verwandeln, um so im Schutz der Natur unterzugehen.

Der Ich-Erzähler besitzt nichts, außer dass er aus gutem Hause stammt und eine Mutter sein eigen nennt, die ihn vor allem Unwillen der Welt beschützen will. Viel Raum, um sich zu entwickeln bleibt ihm da nicht. Er würde lieber wie seine Mitschüler sein. Was liegt näher, als sich durch Kleidung, Frisur, Gang und beredtes Schweigen ihnen anzuverwandeln. Das gelingt ihm so gut, dass er sich selber vorzugaukeln beginnt, tatsächlich dazu zu gehören, beliebt zu sein.

Als er von der eigenen Dreistigkeit berauscht hört, wie seine angeblichen Freunde einen gemeinsamen Skiurlaub planen, lädt er sich in seinen Träumen mit dazu ein. Zuhause erzählt er munter, dass er mit ihnen in die Berge fährt. Was natürlich nicht stimmt und dazu führt, dass er Vorkehrungen treffen muss, um seine Lüge zu stützen. Er richtet sich im Keller des elterlichen Hauses ein heimliches Quartier ein, in dem er den Urlaub verbringen will. Davon wissen wir zu Anfang nichts. Wir sehen einen Jungen, der seine Mutter loswerden will, weil es nicht cool genug ist, von ihr zum Treffen gefahren zu werden.

Ammaniti erzählt dies mit einem leichten Augenzwinkern. Die Tragik weicht der Bewunderung, dass der Junge sich nicht einfach geschlagen gibt, sondern so viel Raffinesse aufbringt, sein Leben in die Hand zu nehmen und sein eigenes Spiel zu treiben. Er bunkert Essen, Trinken, ein paar Videospiele und drei Bände von Stephen King. Vom Mief des Kellers lässt er sich nicht abschrecken. Alles geht anfangs gut. Selbst die Anrufe der Mutter übersteht er.

Dann taucht seine Halbschwester Olivia auf. Ihr ist es nicht gelungen, für sich ein Schlupfloch im Leben zu finden. Sie ist drogenabhängig, hasst sich selbst dafür, hat keine Unterkunft und es scheint da ein düsteres Familiengeheimnis zu geben, das den Vater betrifft. Sie ist ein Wrack, eine Geschlagene, die nicht mehr weiter weiß und sich selbst belügt, indem sie glaubt, für sich allein einen Entzug durchstehen zu können.

Ammaniti erzählt in diesem Keller von einer Geschwisterliebe, die es so nie gab. Von der Bewunderung der Schwester für einen Bruder, der die Frechheit besitzt, sich gegenüber den Eltern etwas herauszunehmen, wozu sie in ihrer ganzen Rebellion nie die Kraft besaß. Er erzählt aber auch von einem Jungen, der plötzlich spürt, dass er im Leben nicht immer weglaufen kann.

Die Bate’sche Mimikry zeigt immer nur dann Wirkung, wenn man feige genug ist, stets den Kopf einzuziehen. Ohne dass der Junge es wahrscheinlich weiß, ändert sich in den Stunden mit Olivia sein Leben.

Niccolò Ammaniti ist auf unterhaltsame Weise gelungen, eine Geschichte über das Scheitern und Überwinden des Überlebens mit sich selbst zu erzählen. Wenn der Junge nach zehn Jahren den Zettel seiner Schwester auffaltet und die Nachricht noch einmal liest, die sie ihm damals im Keller hinterlassen hat, als sie am morgen verschwunden ist, haben sie sich seitdem nicht wiedergesehen.

Eine Geschichte, die in ihrer Verlorenheit kaum zu ertragen ist, aber die doch so viel Hoffnung in sich trägt, dass auf das Miteinander am Abgrund Verlass sein kann. 

Du und ich

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