Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : S. Fischer, 2012, Titel: 'Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen ', Seiten: 399, Originalsprache

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Christine Ammann
Ansichten einer Angestellten

Buch-Rezension von Christine Ammann Jun 2012

´Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen’ beginnt für Renate Meißner am 1. Oktober 2008, kurz nach der Lehmann-Pleite, dem dramatischen Höhepunkt der Finanzkrise. Sie tritt eine neue Stelle als Versicherungsmittlerin an. Die Versicherung trägt den lateinischen Namen Cavere, was im Deutschen einerseits ´Vorsorge treffen’, aber auch ´du werdest ausgehöhlt’ bedeutet. Die Versicherung und ihr doppeldeutiger Name lassen sich als tragende Metapher in Thomas von Steinaeckers Roman verstehen: Renate Meißners Job besteht darin, Risiken zu erkennen und zu versichern, aber ihre eigenen Ängste nimmt sie ebenso wenig wahr wie ihre physischen und psychischen Bedürfnisse, die sie mit Tabletten jeder Art betäubt.

Der epische Titel legt die Vermutung nahe, dass sich das Leben der Protagonistin im Verlauf des Jahres zum Besseren wendet. Eigentlich kann es auch nur besser werden. Renate Meißner, 42 Jahre alt, kinderlos, befindet sich in einer Lebenskrise. Gerade hat sich ihr Chef nach zweieinhalbjähriger Affäre doch für seine Frau entschieden und dafür gesorgt, dass die unbequeme Geliebte von der Frankfurter Zentrale nach München versetzt wird, ihre Mutter ist vor kurzem gestorben und nun stellt sich auch noch heraus, dass ein Controller in den nächsten drei Monaten entscheiden wird, welche Mitarbeiter abgewickelt werden. Aber bis Renate Meißner aufhört, sich Sorgen zu machen, muss noch einiges geschehen.

Die Ich-Erzählerin, die sich mit der Niederschrift des Buches über sich selbst klar werden will, reagiert in dieser Situation mit einer beängstigenden Funktionstüchtigkeit. Renate Meißners Leben ist die Arbeit. Daneben gibt es nicht viel. Auch die Kinderfrage hat sie einem Rationalisierungskalkül unterworfen: ´Heute erschien mir eine Adoption ... als gangbarer Weg. Ich hätte mir ein dreijähriges schwarzes Mädchen aus Afrika ausgesucht. Ab circa drei Jahren setzen beim Durchschnittsmenschen die frühesten Erinnerungen ein. Zugleich fallen all diese Ängste um das Kind weg ... am schlimmsten: das Thema Behinderung....Diese Überlegungen sind nicht abstrus, sie sind realistisch.’

Im täglichen Überlebenskampf scannt die Protagonistin unablässig Kollegen und Kunden, prognostiziert ihr Potenzial, analysiert Situationen, unterfüttert ihre Wahrnehmung mit Studien, Statistiken, die in ihrem Kopf stets abrufbereit sind. Auf Krisenanzeichen an sich selbst reagiert sie mit Methoden der Selbstmotivation und Selbstoptimierung, die ihr aus zahlreichen Firmenseminaren geläufig sind. Doch zunehmend wird sie von Misstrauen und Paranoia beherrscht, die schließlich auch die Beziehung zu ihrer einzigen Freundin Lisa unterminieren. Lisa, die Aktionskünstlerin, hat augenscheinlich ein anderes Lebensmodell gewählt, und Renate Meißner spürt eine große Sehnsucht, Lisa nahe zu sein. Aber ihre Freundin entschwindet immer wieder in Parallelwelten, die an Haruki Murakami erinnern, und als es schließlich zum Streit kommt, zeigt sich, dass auch Lisas scheinbar so unabhängiges Leben kein anti-kapitalistisches Alternativmodell ist.

Im Laufe des Romans begegnet Renate Meißner verschiedenen Lebensmodellen, die gern als Restnischen in unserer kapitalistischen Welt gelten. Ihr Bruder Erich etwa arbeitet als Forscher an einem Marsroboter, doch auch die hehre Welt der Forschung entpuppt sich als leidenschaftsloses, enervierendes Bürokratentum. In der Schilderung von Lebenswirklichkeiten, die als Realitätsschnipsel mit hohem Wiedererkennungswert in Renate Meißners Welt hineinblitzen, entfaltet Thomas von Steinaecker eine geradezu meisterhafte Leichtigkeit und Ironie. Einfach wunderbar die Passagen, in denen Renate Meißner mit den Eskapaden ihrer männlichen Kollegen konfrontiert wird, die nicht wenige Leser an eine andere, real existierende Versicherung mit lateinischem Namen erinnern dürften. 

Eine Wende nimmt Thomas von Steinaeckers Roman, als die Ich-Erzählerin nach gut der Hälfte des Buches ins russische Samara reist, um die potenzielle Kundin Sonja Wasserkind kennenzulernen, die den Bau eines Vergnügungsparks plant. Renate Meißner hegt den Verdacht – und die Hoffnung, dass die 97-jährige Frau ihre angeblich längst verstorbene Großmutter ist.

Die Reise in das verschneite Samara, in die Traumwelt der Vergnügungsparks wird eine Reise zu sich selbst, die in ihren surrealen Elementen an Hayao Miyazakis Film "Chihiros Reise ins Zauberland" erinnert. Aber es ist der hohen Kunst von Thomas von Steinaecker zu verdanken, dass der Schluss nicht zu romantisch daherkommt. Der zweite Teil des Buches mag zunächst etwas langatmig wirken, aber der 1977 geborene Autor spielt hier geschickt mit Traum und Wirklichkeit, unterlegt seinen Roman mit feiner Ironie und hintertreibt seinen versöhnlichen Schluss auf überraschend perfide Weise. 

Thomas von Steinaecker ist mit "Das Jahr in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen" ein raffinierter, wunderbar leichter und ironischer Roman über die Befindlichkeiten der deutschen Mittelschicht, über ihre Abstiegsängste und Arbeitswelten gelungen, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen

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