Wir zwei allein

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Nagel & Kimche, 2012, Titel: 'Wir zwei allein', Seiten: 192, Originalsprache

Couch-Wertung:

70

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

1 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:93
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":1,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Britta Höhne
Irokese im Schwarzwald

Buch-Rezension von Britta Höhne Mai 2012

Selten erscheinen Bücher auf dem Markt, die inhaltsarm sind und doch schwer wiegen. Matthias Nawrats "Wir zwei allein", ist zweifelsohne einer dieser Romane. Da ist der dreißigjährige Ich-Erzähler, der sein Studium unterbrochen hat, um Gemüse zu fahren. Da ist Theres, die junge Frau, die er abgöttisch zu lieben scheint. Da ist sein Arbeitsutensil, ein Fahrzeug der Marke Sprinter, da ist der Schwarzwald, dem die eigentliche Liebesgeschichte gehört und abschließend das Sinnieren über eine Generation der offensichtlich Unentschlossenen.

Streckenweise liest sich der Text unglaublich gut. Dann etwa, als der Ich-Erzähler, der, wie so oft in der modernen Literatur namenlos bleibt, über Gemüse sinniert. Gelungen sind diese Passagen, schön formuliert und witzig: "Gemüsesorten unterscheiden sich durch Status, Aussehen und Moral, sage ich. Für Ersteres spricht zunächst der Geruch. Man findet adelige Formen: Artischocke etwa oder Fenchel. Sie riechen nach Blüten, Frühling, Herrschaftshaus. Blumenkohl hingegen oder Kohlrabi stinken wie ein totes Tier und sind eher in der Gemüsegosse anzutreffen." Weiter bedenkt der Ich-Erzähler allerdings, dass gerade der Blumenkohl doch sehr dem menschlichen Gehirn ähnle oder auch Fraktaten aus Sonnenlicht. Noch edler, schreibt Nawrat, seien hingegen Knollengewächse, wie Ingwer oder die Kartoffel, sie machen sich gar nicht erst die Mühe, schön zu sein – sie sind einfach.

Großartig! 

Auch um das Sein, den Sinn des Lebens, des Liebens, geht es in Nawrats Buch. Um das Begehren, abgewiesen werden, Angst vor der eigenen Courage zu haben und davor, mit seinen auf dem Silbertablett präsentierten Gefühlen kläglich zu scheitern. Herr "Ich" scheitert. Kläglich. Ist Theres doch für ein paar Monate verschwunden, kommt zurück und schwatzt dem Erzähler an, gemeinsam ein Haus im Nirgendwo des Schwarzwaldes zu mieten. Er stimmt zu, alles wird renoviert und dann erfährt er, dass Theres schwanger ist. Wohl nicht von ihm.

"Wir zwei allein" schubst großartige Gedanken an, wie den über das Existieren des Zufalls, ein beliebtes Thema bei Max Frisch, oder dem Mann, der ein "Über-die-Brücken-Geher" ist, was Gedanken an Heinrich Bölls Kurzgeschichte "An der Brücke" (von 1950) aufkommen lässt.

Wenngleich die blumige Sprache zuweilen irritiert, ist die Geschichte schlüssig: Im Ganzen. Wenn nur der Irokese nicht wäre, als den sich der Ich-Erzähler immer wieder bezeichnet. Was hat der im Schwarzwald verloren? Ist es nur eine Macke? Hat es tiefere Gründe, oder muss das Buch einfach anders gelesen werde, als andere Liebesgeschichten zum Beispiel? 

Dabei geht es um nichts anderes, als um die Liebe. Die erfrischend naive Theres lebt in einem Wechselbad der Gefühle, kann sich nicht entscheiden. Liebt, lebt – oder eben auch nicht. Sie ist es, die dem Roman – trotz oder wegen ihrer Leichtigkeit – eine gewaltige Schwere verpasst. Wegen ihr entstehen Gedanken über das Sein und sein lassen.

Die gedanklichen Sprünge, die Nawrat seinen Protagonisten andichtet, sind dabei streckenweise sehr gelungen und komisch: "...Und Gefühle sind bloß Formeln, die der Mathematik noch nichts sagen. Rost, sagt Ecki am Morgen. Er liegt auf dem Boden der Halle und blickt unter den Sprinter.

Wenngleich der Plot schnell erzählt ist und wenig Unerwartetes zu Tage fördert, hat Matthias Nawrat, geboren 1979 in Polen, ein schönes Buch geschrieben. Nur manchmal lässt sich der Gedanke, dass der Autor sich lieber der Lyrik als der Romanschreiberei hingeben sollte, nicht weg wischen – der überaus blumigen Sprachwahl wegen. 

Ein schöner Roman. Mit Schwachstellen zwar – aber schön. 

Deine Meinung zu »Wir zwei allein«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
12.11.2014 07:15:43
SabrinaK1985

"Ich will ihre Hand nehmen, aber sie zieht sie zurück.
Die können nicht anders, sagt sie. Es gibt keine Medikamente. Man kann ihnen nicht helfen. Sie müssen sich damit abfinden. Sie müssen sich in ihrem Leben einrichten.
Ich will sie küssen. Ich will sie ganz einschließen in meine Umarmung.
Sie werden es nie können, sagt sie.
Verstehst du das?"
(S. 127)

Der Ich-Erzähler verliebt sich in eine junge Frau - Theres - die er bei Rudi, in seiner Stammkneipe, kennengelernt hat. Am Anfang ist sie sich nicht sicher, ob sie eine Beziehung mit ihm will, doch dann überzeugt der Erzähler sie und das Elend beginnt. Eine Liebe, die noch nicht einmal die Chance hatte sich zu entfalten, bevor sie schon wieder verblüht...

Ein Buch, das eine wirklich traurige Geschichte erzählt. Eine Geschichte vom Verliebtsein in die Liebe, von der Tatsache einer Beziehung nicht gewachsen zu sein. Sich zwischenmenschlich nicht aufeinander einlassen zu können.
Eine Geschichte, die berühren muss. Die mich aber eigentlich nicht so sehr berührt hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Den Protagonisten konnte ich mich nähern - sie bleiben mir mit ihren ganzen Problemen und Gedanken so unendlich fern.

"Wir zwei allein" zeigt auf wie zerbrechlich der Mensch und seine Psyche ist. Wie viel Arbeit eine Beziehung ist, an sich selbst und vor allen Dingen an- und miteinander. Theres und der Erzähler müssen das wichtigste noch lernen - miteinander zu reden, wenn einem etwas auf dem Herzen liegt. Und nicht einfach alles Tod zu schweigen.

"Wir zwei allein" zeigt uns genau das auf, wie es nicht laufen sollte - eine Anti-Liebesgeschichte, wie ich sie bisher noch nicht gelesen habe.

15.10.2014 18:02:27
ferkel

Er hat sein Studium abgebrochen und fährt nun Gemüse durch den Schwarzwald. Er ist schon fast dreißig und reist im Geiste weiter als ein Kind. Und er ist verliebt in Theres. In Gedanken ist er längst bei ihr, doch sie weist ihn ab, nimmt ihn und lässt ihn wieder fallen. Ihre Beziehung ist Liebe. Ein bisschen. Vielleicht.

Ich muss zugeben, am allerbesten hat mir an "Wir zwei allein" das Cover gefallen, das wirklich großartig gut zur Geschichte passt. Daneben ist der Stil wirklich toll, aber von den Figuren ist kein Funke übergesprungen. Er, von dem wir ganz nebenbei ein einziges Mal irgendwann erfahren, dass er Benz heißt, dient als Paradebeispiel seiner Generation der Unentschlossenen. Er lebt nicht nur in der Realität, sondern vor allem in seinen Träumen. Diese Grenzen sind im Roman stark verschwommen bis unsichtbar. Er könnte alles, kann aber doch gar nichts. Im Klappentext wird er als Außenseiter beschrieben, warum, ist mir nicht klar. Er hat einen normalen Tagesablauf und pflegt - wenn auch wenige - soziale Kontakte. Theres arbeitet in einem Schuhladen, ist aber eher die Künstlerin, wenn sie auch gern alles hinschmeißt und etwas anderes ganz neu beginnt. Sie ist untreu und wahrscheinlich eine größere Träumerin als er. Rückblickend nach dem Lesen ist Theres mir sogar unsympathisch.

Matthias Nawrat ist einer von diesen Autoren, die mit ihrem Schreiben Lebensgefühl heraufbeschwören. Am ehesten fühlte ich mich durch seinen Stil an Sven Regeners "Herr Lehmann" erinnert, aber vergleichbar sind beide Romane nicht. Nawrat ist Poet und spielt gern mit seinen Worten. Auch die Sprache trägt ihren Teil dazu bei, dass weite Teile des Romans surreal erscheinen. Dass er gänzlich auf Anführungszeichen in der wörtlichen Rede verzichtet, gefällt mir außerordentlich gut.

Ein Liebesroman ist das Buch nicht. Dafür zeigt es viel zu eindringlich, dass der Liebe im Leben doch so viel entgegensteht, was zur Selbstverwirklichung und zum Selbstverrat beiträgt. Was "Wir zwei allein" (oder: zu zweit und doch allein!) eigentlich sein will außer einer psychologischen Studie, bleibt offen - wie vieles in der melancholischen Geschichte.