Wir zwei allein

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Nagel & Kimche, 2012, Titel: 'Wir zwei allein', Seiten: 192, Originalsprache

Couch-Wertung:

70
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Britta Höhne
Irokese im Schwarzwald

Buch-Rezension von Britta Höhne Mai 2012

Selten erscheinen Bücher auf dem Markt, die inhaltsarm sind und doch schwer wiegen. Matthias Nawrats "Wir zwei allein", ist zweifelsohne einer dieser Romane. Da ist der dreißigjährige Ich-Erzähler, der sein Studium unterbrochen hat, um Gemüse zu fahren. Da ist Theres, die junge Frau, die er abgöttisch zu lieben scheint. Da ist sein Arbeitsutensil, ein Fahrzeug der Marke Sprinter, da ist der Schwarzwald, dem die eigentliche Liebesgeschichte gehört und abschließend das Sinnieren über eine Generation der offensichtlich Unentschlossenen.

Streckenweise liest sich der Text unglaublich gut. Dann etwa, als der Ich-Erzähler, der, wie so oft in der modernen Literatur namenlos bleibt, über Gemüse sinniert. Gelungen sind diese Passagen, schön formuliert und witzig: "Gemüsesorten unterscheiden sich durch Status, Aussehen und Moral, sage ich. Für Ersteres spricht zunächst der Geruch. Man findet adelige Formen: Artischocke etwa oder Fenchel. Sie riechen nach Blüten, Frühling, Herrschaftshaus. Blumenkohl hingegen oder Kohlrabi stinken wie ein totes Tier und sind eher in der Gemüsegosse anzutreffen." Weiter bedenkt der Ich-Erzähler allerdings, dass gerade der Blumenkohl doch sehr dem menschlichen Gehirn ähnle oder auch Fraktaten aus Sonnenlicht. Noch edler, schreibt Nawrat, seien hingegen Knollengewächse, wie Ingwer oder die Kartoffel, sie machen sich gar nicht erst die Mühe, schön zu sein – sie sind einfach.

Großartig! 

Auch um das Sein, den Sinn des Lebens, des Liebens, geht es in Nawrats Buch. Um das Begehren, abgewiesen werden, Angst vor der eigenen Courage zu haben und davor, mit seinen auf dem Silbertablett präsentierten Gefühlen kläglich zu scheitern. Herr "Ich" scheitert. Kläglich. Ist Theres doch für ein paar Monate verschwunden, kommt zurück und schwatzt dem Erzähler an, gemeinsam ein Haus im Nirgendwo des Schwarzwaldes zu mieten. Er stimmt zu, alles wird renoviert und dann erfährt er, dass Theres schwanger ist. Wohl nicht von ihm.

"Wir zwei allein" schubst großartige Gedanken an, wie den über das Existieren des Zufalls, ein beliebtes Thema bei Max Frisch, oder dem Mann, der ein "Über-die-Brücken-Geher" ist, was Gedanken an Heinrich Bölls Kurzgeschichte "An der Brücke" (von 1950) aufkommen lässt.

Wenngleich die blumige Sprache zuweilen irritiert, ist die Geschichte schlüssig: Im Ganzen. Wenn nur der Irokese nicht wäre, als den sich der Ich-Erzähler immer wieder bezeichnet. Was hat der im Schwarzwald verloren? Ist es nur eine Macke? Hat es tiefere Gründe, oder muss das Buch einfach anders gelesen werde, als andere Liebesgeschichten zum Beispiel? 

Dabei geht es um nichts anderes, als um die Liebe. Die erfrischend naive Theres lebt in einem Wechselbad der Gefühle, kann sich nicht entscheiden. Liebt, lebt – oder eben auch nicht. Sie ist es, die dem Roman – trotz oder wegen ihrer Leichtigkeit – eine gewaltige Schwere verpasst. Wegen ihr entstehen Gedanken über das Sein und sein lassen.

Die gedanklichen Sprünge, die Nawrat seinen Protagonisten andichtet, sind dabei streckenweise sehr gelungen und komisch: "...Und Gefühle sind bloß Formeln, die der Mathematik noch nichts sagen. Rost, sagt Ecki am Morgen. Er liegt auf dem Boden der Halle und blickt unter den Sprinter.

Wenngleich der Plot schnell erzählt ist und wenig Unerwartetes zu Tage fördert, hat Matthias Nawrat, geboren 1979 in Polen, ein schönes Buch geschrieben. Nur manchmal lässt sich der Gedanke, dass der Autor sich lieber der Lyrik als der Romanschreiberei hingeben sollte, nicht weg wischen – der überaus blumigen Sprachwahl wegen. 

Ein schöner Roman. Mit Schwachstellen zwar – aber schön. 

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