Uhr ohne Zeiger

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

  • Boston: Houghton Mifflin, 1961, Titel: 'Clock without hands', Seiten: 241, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 1962, Seiten: 356, Übersetzt: Elisabeth Schnack
  • München; Zürich: Droemer Knaur, 1965, Seiten: 207
  • Berlin: Volk und Welt, 1966, Seiten: 323
  • Zürich: Diogenes, 1972, Seiten: 336
  • Zürich: Diogenes, 1974, Seiten: 220
  • Zürich: Diogenes, 2011, Seiten: 405
  • Zürich: Diogenes, 2012, Seiten: 408

Couch-Wertung:

71
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Birgit Borloni
Von Rassisimus, Größenwahn und Sterben

Buch-Rezension von Birgit Borloni Mai 2012

J.T. Malone führt in Milan, einer beschaulichen Kleinstadt in Georgia, ein unaufregendes Leben. Er ist Apotheker, kümmert sich gewissenhaft um seine Patienten, manchmal besser als die Ärzte, hat zwei Kinder und sich in seiner Ehe arrangiert, auch wenn er seine Frau schon lange nicht mehr liebt. Zusätzlich zu den Medikamenten verkauft er auch Cola und Eis und im Hinterzimmer schenkt er auch schon mal den ein oder anderen Whiskey aus.

Doch Malones Leben ändert sich schlagartig, als er eines Jahres an fortdauernder Frühjahrsmüdigkeit leidet und schließlich doch zum Arzt geht. Die Diagnose kommt aus heiterem Himmel und zieht Malone den Boden unter den Füßen weg: Leukämie! Laut seinem Arzt hat er nur noch ein Jahr zu leben. Nur noch ein Jahr, nur noch jede Jahreszeit, jedes größere Fest noch einmal erleben!

Sehr gut geschildert ist gleich die Szene am Anfang, in der Malone seine Diagnose erhält, seine Fassungslosigkeit angesichts dieses unerwarteten Schlags sowie die Hilflosigkeit des Arztes, der sich in Professionaliät zu retten versucht, da er nicht weiß, wie er mit den Emotionen – denen von Malone und seinen eigenen – umgehen soll. Auch im weiteren Verlauf kann man die Reaktionen, Gedanken und Gefühle des Apothekers gut nachvollziehen. Er möchte sich zunächst nicht seiner Frau anvertrauen, aus Angst, das Gleichgewicht seiner Ehe, das er als angenehm empfindet, zu stören, sucht einen Schuldigen, schwelgt in Erinnerungen, überdenkt sein Leben, lockert bisher unumstößliche Regeln und akzeptiert schließlich irgendwann das Unausweichliche.

Doch trotzdem ist Malone nicht die alleinige Hauptfigur dieses Romans. Seine Geschichte bildet eine Art Rahmen, sein Kampf mit der schrecklichen Wahrheit ist immer wieder eingestreut, aber oft nur angedeutet, fast wie nebensächlich erwähnt.

Weitere Protagonisten sind ein alter Richter, der nach einem Schlaganfall einen linken gelähmten Arm hat, aber ansonsten noch sehr fit ist (oder sich zumindest dafür hält) sowie sein Enkel Jasper und der Neger Sherman.

McCullers entwirft anhand dieser drei Personen und ihren Beziehungen untereinander sowie ihrer Gedanken und Taten ein deutliches und detailreiches Gesellschaftsbild. Der Süden der USA ist Ende der 50er Jahre noch tief verwurzelt in althergebrachten Vorstellungen, besonders was die Trennung von Weiß und Schwarz angeht, die Rassentrennung hat noch ihren festen Platz in der Gesellschaft.

Die Ansichten des alten Richters lassen einem beim Lesen Schauer über den Rücken laufen, so unvorstellbar sind sie heute: Die Tatsache, dass farbige und weiße Kinder zusammen in einem Klassenraum unterrichtet werden sollen, ist ihm ein Graus, er möchte das Konföderiertengeld, das am Ende des Bürgerkriegs abgeschafft wurde, wieder einführen und am besten sollen die Südstaaten noch eine Entschädigung dafür erhalten, dass ihnen damals die Sklaven weggenommen wurden. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Schlaganfall nicht doch mehr Schäden als die gelähmte linke Hand zurück gelassen hat.

Das führt zu Konflikten mit seinem Enkel Jester, der ganz andere Ansichten hat, sehr viel toleranter ist oder es zumindest versucht und sich bemüht zu dem Neger Sherman eine Freundschaft aufzubauen, was dieser aber brüsk zurück weist und kurioserweise stattdessen eher die Anerkennung des alten Richters sucht.

Carson McCullers hat mit "Uhr ohne Zeiger" einen sehr ruhigen Roman geschaffen, der aber trotzdem sehr eindrücklich ist und ein fesselndes Gesellschaftspanaroma der späten Fünziger Jahre in den Südstaaten der USA entwirft. Nur leider tritt das am Anfang aufgenommene Thema über Malones Krankheit und seinen drohenden Tod viel zu oft in den Hintergrund, dabei wäre auch dieser Handlungsstrang sehr interessant und hätte mehr Raum verdient. Eine andere Gewichtung der Themen wäre wünschenswert gewesen.

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