Zwischen den Flüssen

  • Diaphanes
  • Erschienen: Januar 2012
  • Zürich: Diaphanes, 2012, Seiten: 256, Übersetzt: Sven Koch & Andrea Stumpf
  • Boston: Little, Brown, 1959, Titel: 'The bottom of the harbor', Seiten: 243, Originalsprache
Zwischen den Flüssen
Zwischen den Flüssen
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Lutz Vogelsang
55

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2012

Die Fischer vom Hudson River

Joseph Mitchell hat sich als Journalist vor allem mit seinen Reportagen einen Namen gemacht, die in namhaften Magazinen wie dem New Yorker publiziert wurden. In "Zwischen den Flüssen" sind sechs dieser Reportagen aus den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zusammengefasst, die den Big Apple aus einer ungewöhnlichen Sicht beschreiben – New York als Hafenstadt.

Laserpointer statt Suchscheinwerfer

Die Skyline, die Wallstreet oder die gelben Taxis – jeder hat bei dem Begriff "New York" Bilder von einer modernen Metropole aus Stahl und Beton vor Augen. Die wenigsten können sich vorstellen, dass noch vor 60 Jahren – die Stadt zählte damals schon fast acht Millionen Einwohner – kleine Kutter auf dem Hudson River gefischt haben oder Muschelbänke im Familienbesitz bewirtschaftet wurden. Genau darauf lenkt Mitchell den Blick des Lesers, aber immer nur auf kleine Mosaiksteinchen. Es dreht sich immer um eine besondere Person oder ein scharf abgegrenztes Thema. Wo andere mit einem Suchscheinwerfer arbeiten, benutzt Mitchell einen Laserpointer.

"Die New Yorker Ratten sind alle flohverseucht, und zwar mit der Spezies Xenopsylla cheopis, welche die Pest mit Abstand am häufigsten überträgt. Benjamin E. Holsendorf, der als Berater in Diensten des Gesundheitsamts steht, hat in mehreren Studien das Vorkommen des Rattenflohs in der Stadt untersucht. Mr. Holsendorf, ein älterer Herr aus Virginia, ist pensionierter pharmazeutisch-technischer Assistent aus dem Gesundheitsministerium und eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet des Rattenschutzes von Schiffen und Gebäuden. Kürzlich überwachte er eine Maßnahme, bei der mehrere tausend Ratten in der Gegend zwischen der Thirty-third Street und der Südspitze von Manhattan in die Falle gegangen sind, und stellte fest, dass sie von durchschnittlich acht Rattenflöhen befallen waren."

Liebe zu wirklich jedem Detail

Diese Passage ist durchaus symptomatisch für seine Reportagen. Die Amerikaner haben ein Akronym für diese Form der Informationsüberflutung: TMI – too much information. Stellenweise listet er einfach alles auf, was ihm vor die Augen oder in den Sinn kommt: Pflanzen, Fischarten oder historische Zusammenhänge. Nicht die kleinste Information will er dem Leser vorenthalten und wirkt dabei mitunter wie ein Dozent auf dem Gebiet der Stadtgeschichte. Diese Liebe zum Detail, für die Mitchell bekannt ist, kann den besonderen Reiz dieses Buches ausmachen – viele Leser wird sie wohl eher ermüden.

Sklaverei, Weltkriege, Börsenkrach oder die McCarthy-Ära: Die großen Themen interessieren Mitchell nur am Rande. Immer ist es der einzelne Mensch, der ihn fasziniert und dessen Lebensgeschichten er auf wenigen Seiten festzuhalten versucht. Und die ungewöhnlichen, zum Teil skurrilen Personen, die er an den Ufern der Flüsse trifft, sind auch das größte Plus des Buches. Es sind allesamt liebevoll porträtierte "Originale", die man wohl kaum erfinden könnte. Sie sind alle für sich "vom alten Schlag", lebensklug, genügsam und tüchtig, aber durchweg fast tragische Gestalten. Überall spürt man Wehmut, das Zurückerinnern an bessere Tage.

"`Ich lese den Mist der in der Zeitung steht`, sagt er, `und manchmal, zum Beispiel wenn ich in einem Lokal was esse und nicht anders kann, höre ich Radio, und dann kommt´s mir so vor, als führten Blinde die Blinden vom Regen in die Traufe, von Ewigkeit zu Ewigkeit.`"

Man möchte Joseph Mitchell dafür danken, dass er die Geschichten und Anekdoten dieser Menschen festgehalten hat, für die im modernen New York kein Platz mehr zu sein scheint. Besonders Leser, die an der Geschichte New Yorks oder an maritimen Themen Interesse haben, sollte das Buch zu Recht ansprechen. Den unbedarften Leser allerdings droht Mitchells Detailversessenheit leicht zu ermüden.

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