Das Seil

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2012, Seiten: 180, Originalsprache

Couch-Wertung:

68
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Rita Dell'Agnese
Die perfekte Verführung

Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2012

Ein Strick ohne Ende, eine aus ihrem gewohnten Trott gerissene Dorfgemeinschaft, Menschen in Ausnahmesituationen: Die Zutaten zu seinem Roman "Das Seil" hat Stefan aus dem Siepen perfekt gewählt. Es sind banale Alltäglichkeiten, auf die der Autor seine Geschichte aufbaut. Eine Geschichte, die – so abstrus sie sich auch ausnimmt – zur perfekten Verführung des Publikums wird. Es ist nicht das atemlose, aus der Spannung heraus gewachsene Drängen, unbedingt weiterzulesen, das sich hier zu einer Obsession auswächst. Im Gegenteil. Die Spannung bewegt sich auf einem bemerkenswert tiefen Niveau. Bemerkenswert deshalb, weil es trotzdem nicht leicht fällt, den Roman aus den Händen zu legen.

176 Seiten lang folgt der Leser einer Geschichte, weitab von jedem gängigen Erfolgsrezept, ohne sich davon lösen zu können. Die Ausgangslage ist unspektakulär. Irgendwo in einem verschlafenen Nest in der Weite des Landes findet sich der Anfang eines Seils, das in den Wald hinein führt. Die Bauern sind erstaunt. Kein Fremder wurde im Dorf gesichtet und es lässt sich auch niemand ausmachen, dem das Seil gehören könnte. Also wollen sie es unter sich aufteilen. Denn eine erste kurze Exkursion in den Wald hat ergeben, dass das Ende weit entfernt an einen Baum geknüpft sein muss. Weiter, als zunächst angenommen. Die Männer machen sich also auf, das Ende – oder den Anfang – des Seils zu suchen. Was eine kurze Sache scheint, wird zu einer Reise zu sich selber. Jeder der Männer lernt nicht nur seine eigenen Grenzen kennen, sondern sieht seine Nachbarn und Freunde plötzlich mit anderen Augen. Unvermittelt müssen sie erkennen, dass eine Rückkehr zur bisherigen Normalität nicht mehr möglich ist. Sie haben eine unbekannte Grenze überschritten.

Vom Publikum zunächst fast unbemerkt, hält Stefan aus dem Siepen den Lesenden einen Spiegel vor Augen. Je länger der Leser sich mit der aufgeregten Bauernschar durch den verwilderten Wald quält, desto deutlicher wird, dass er demselben Phantom nacheilt, wie die Protagonisten im Buch. So wenig wie die Dorfgemeinschaft das Seil unbeachtet lassen kann, sowenig kann der Leser die Geschichte ignorieren. Obwohl sich das Ergebnis der Suche bald abzeichnet, entwickelt sich eine Art Besessenheit – sowohl bei den Figuren im Roman als auch bei den Lesern. Hier zeigt sich, dass Stefan aus dem Siepen die Kunst der perfekten Verführung beherrscht. Mit einer Parabel, die von – im besten Falle – etwas seltsamen Figuren bevölkert ist, vermag der Autor seine Leser bei der Stange zu halten. Und er vermittelt ihnen just jene Gefühle, die seine Protagonisten durchleben. Auch wenn die Personenzeichnung letztlich nicht mal die Stärke diese Romans ist.

Ein genialer Schachzug also? In gewissem Sinne bestimmt. Immerhin spielt sich auf den 176 Seiten ein Drama ab, das skurriler kaum sein könnte. Und in dem sich herzlich wenig zuträgt, das zu erzählen sich tatsächlich lohnte. Es ist ein gedankliches Experiment, mit dem der Autor sich als eine Art Rattenfänger von Hameln erweist: Ohne sich darüber im Klaren zu sein, folgen ihm die Leser auf einem Weg durch Abgründe, vorbei an bröckelnden Fassaden. Zurück bleibt das Gefühl von mentaler Erschöpfung. Kein positiver Ansatz, keine Atem verschaffende Auflösung, kein befreites Lachen lassen den Leser in seine Welt zurückkehren. Er bleibt, nachdem die letzte Zeile gelesen ist, noch eine ganze Weile in der Absurdität des Gelesenen verstrickt und versucht, die Bilder einzuordnen. Ohne dass dies je gelingen dürfte.

Wer sich für die Kunst der Verführung interessiert, Gefallen an  psychologischen Betrachtungen hat und bereit ist, sich auf eine ganz und gar von der Norm abweichende Geschichte einzulassen, wird mit diesem Roman ein wunderbar konzipiertes Stück Absurdität in den Händen halten. Wer jedoch eher Unterhaltung auf hohem Niveau sucht, wird diesen Roman mit einem Kopfschütteln beiseitelegen. Zwar ohne sich ganz von der Geschichte lösen zu können, aber auch ohne bereit zu sein, sich noch länger damit zu befassen. So sollte jeder, der diesen Roman zur Hand nimmt vorher wissen, worauf er sich einlässt – sonst könnte "Das Seil" zu einer grenzenlosen Enttäuschung werden.

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