Schwarzes Schilf

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2012, Seiten: 410, Originalsprache

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Lutz Vogelsang
Geschichte und Geschichten

Buch-Rezension von Lutz Vogelsang Mai 2012

Matthias Wegehaupt hält sich nicht lange mit Vorreden auf: Erstes Kapitel, Überschrift "Freigesetzt". Seinem Protagonisten Sonntag – den Vornamen erfährt der Leser nicht – werden zehn Minuten gewährt, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Er wird von dem skrupellosen Wirtschaftssystem, das er lange Jahre als Manager mitgeprägt hat, einfach ausgespuckt. Die vermeintliche Gewissheit, nicht mehr gebraucht zu werden, zieht Sonntag den Boden unter den Füßen weg. Von Schwindelanfällen übermannt taumelt er zum Bahnhof. Dort verstaut er seine Habe in einem Schließfach und wirft den Schlüssel dazu in einen Gulli. Mit seinem Aktenkoffer, der nunmehr nur noch Hochglanzmagazine enthält, in der Hand besteigt er einen Zug.

"Wollt ihr wissen, was wirklich gespielt wird?", flüsterte er. Nein, niemand würde wissen wollen, was gespielt wird. Alle wollten weitermachen wie bisher. Immer so weitermachen, solange es irgendwie ging, weitermachen.

Sonntag will nicht mehr weitermachen, er will "in den Wald gehen"; eine Reise ohne Wiederkehr. Zu eilig hat es Sonntag mit seinem fatalen Entschluss aber nicht; Nur zu gern lässt er den Zufall die Zügel übernehmen, der ihn schließlich an seine Geburtsstätte führt, die Insel Usedom. Dort chartert er sich ein Sportboot, auf dem er in Ruhe seinem Hass und seinem Ekel gegen die Welt nachgehen will. Schon zu Anfang seines Törns gerät er in einen Sturm, in dem er um sein Leben kämpfen muss. Nun gesellt sich zum seelischen auch noch physischer Schmerz – Sonntag hat sich mehrere Rippen gebrochen. Auf der anderen Seite muss er feststellen, dass er wohl doch an seinem Leben hängt, oder anders: Sein Leben hängt noch an ihm.

"Verdammt noch mal genießt! Nur darum geht es! Die Welt der Verführer.

Das ganze Buch liest sich wie eine einzige Kritik an der modernen Gesellschaft und – vor allem – der Wirtschaft. Wegehaupt spricht durch Sonntag von den "Menschenwölfen", die mit ihrem "Hasardspiel die Welt um den Verstand bringen"; von Geld als "Waffe in einem Krieg, der weder Kriegsrecht noch Moral kennt". Durch seine Sprache macht er deutlich, wie sehr Sonntag von sich selbst entfremdet ist: "Der Mann, der Sonntag war, ging." Ganz er selbst ist er nur noch in seinen  verworrenen Träumen, die er nachts aufschreibt, nur um sie am nächsten Tag als Anzünder für seinen Gaskocher zu benutzen. "Im Schlaf bin ich offensichtlich ein anderer, dachte er, im Traum scheint mich die Welt immer noch zu interessieren."

"Nun will man uns einreden, dass wir uns zu allen Zeiten in Schweine verwandelt haben: erst in Nazischweine, dann in Kommunistenschweine und nu in Jammerschweine."

Martin Walser hat in "Ein fliehendes Pferd" die Geschichte mit einem Gefolterten verglichen, der immer nur das preisgibt, wonach er gefragt wird. Man muss also die richtigen Fragen stellen. Obwohl sich "Schwarzes Schilf" ,genau wie sein Vorgänger "Die Insel", sehr stark auf die Vergangenheit der DDR bezieht, fragt er nie nach der Geschichte, sondern immer nach Geschichten. Fast beiläufig und trotzdem bemerkenswert eindringlich streift er Ereignisse, die in Usedom ihre Schatten hinterlassen haben: der große Luftangriff auf Swinemünde, Krieg, Vertreibung bis hin zum kontinuierliche Verfall. Er lässt die Menschen am Ufer für einige Seiten zu Wort kommen, um ihre Anekdoten und Ansichten zu schildern. Dabei geht es nie um Schuld, sondern immer um Schicksal.

Schwarzes Schilf ist ein Buch, das nachdenklich macht. Wegehaupt schreibt in klarer und stellenweise poetischen Schrift über das Unsagbare und über stetigen Wandel. Leider ist sein Protagonist zu einer Figur geraten, dessen Wandel sich nur quälend langsam vollzieht. Irgendwann stellt man als Leser fest, dass Sonntags ständige Litanei über die Sinnlosigkeit allen Seins arg strapaziert.

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