Spiegelbild im goldnen Auge

Erschienen: Januar 1958

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2011, Seiten: 182
  • Boston: Houghton Mifflin, 1941, Titel: 'Reflections in a golden eye', Seiten: 182, Originalsprache
  • Stuttgart: Goverts, 1958, Titel: 'Der Soldat und die Lady', Seiten: 146, Übersetzt: Richard Moering
  • München: dtv, 1963, Titel: 'Der Soldat und die Lady', Seiten: 135, Übersetzt: Richard Moering
  • Zürich: Diogenes, 1966, Seiten: 193
  • Zürich: Diogenes, 1974, Seiten: 94

Couch-Wertung:

90
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Wolfgang Franßen
Soldatenleben

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mai 2012

Der Roman "Spiegelbild im goldnen Auge" gehört zu den vier Romanen von Carson McCullers, die der Diogenes Verlag zusammen in einer Box heraus gebracht hat und die wir in loser Folge vorstellen wollen, um an eine große Autorin zu erinnern.

"Es gibt in einem der Südstaaten ein Fort, wo vor einigen Jahren ein Mord geschah. An dieser Tragödie waren beteiligt: zwei Offiziere, ein Soldat, zwei Frauen, ein Filipino und ein Pferd."           

Mehr braucht es an Inhaltsangabe nicht. Selbst die berühmte Verfilmung von John Huston mit Marlon Brando und Elisabeth Taylor beginnt mit diesem Vorspann. Der Film ist in braunen Tönen gehalten und betreibt ein Spiel mit Spiegeln und dem Blick durch Fenster. Während McCullers literarische Vorlage unter dem Vorwand einer nüchternen Erzählung sich den sexuelle Vorlieben, sadistische Erniedrigungen, Impotenz, Spannertum, wie der Kunst des verbalen Seitenhiebs übt.  Eigentlich kann diese Militärbasis im Süden überall sein. Auch in Rammstein. Das militärische Leben unterliegt bei McCullers einem anderen Blick als in Norman Mailers "Die Nackten und die Toten" oder in H. Richard Hookers "MASH". Abseits des Kampfeinsatzes tun sich hier hausgestrickte Abgründe auf.

Der 1950 zum ersten Mal erschienene Roman beschreibt das Camp als einen der langweiligsten Orte auf der Welt, der gerade dazu reizt, ihm seinen Frieden zu entreißen. Weder Major Penderton noch seine Frau Leonora oder das befreundete Paar Colonel Langdon und seine Frau Alison finden sich damit ab, dass das wahre Leben nicht irgendwo anders stattfindet. Leonara und Langdon unterhalten eine geduldete Affäre, Penderton schließt sich ein, um sich homoerotischen Phantasien hinzugeben, während Alison zusammen mit ihrem Diener sich in die Kunst und Poesie flüchtet.

Ein Arrangement, das hätte gut gehen können. So hangeln sich Ehen durch, aus denen man nicht flüchten kann. Solange man sich nur gegenseitig gewähren lässt. Zumal in den 50er. Doch dann taucht Private Williams auf. Das schwächste Glied in dieser Kette der Verklemmungen und Halbwahrheiten. Eines Nachts sieht er Nora nackt in ihrem Wohnzimmer und verfällt ihrem Anblick. Obwohl sein Vater ihm eingebläut hat, dass es nichts Schlimmeres auf der Welt gibt, als mit einer Frau zusammen zu sein. Nach dieser Nacht wird er sich heimlich ins Haus schleichen, um an Leonoras Wäsche zu schnüffeln und stundenlang an ihrem Bett zu wachen.

McCullers erzählt von den Machtverhältnissen in der Army, als seien sie gottgegeben. Es gibt die oben, es gibt die unten und jeder kennt seinen Platz. Wenn auch nicht gerade die laszive Leonara, die eine diebische Freude darin verspürt, ihren Major Penderton zu demütigen, ihm gar mit der Peitsche ins Gesicht zu schlagen. Nach außen hin werden Ausflüge zu Pferd gemacht, Abendessen gegeben, wird der tagtägliche, militärische Trott absolviert. Hinter verschlossener Tür jedoch treffen sich nicht erst seit Jean Paul Sartres "Geschlossener Gesellschaft" die seelischen Verwerfungen, um einer des anderen Hölle zu sein.

Der Moment, in dem Penderton seinen Zorn an Leonoras Pferd auslässt, zeigt McCullers bildhafte, erzählerische Wucht. Indem er auf das Pferd einprügelt, prügelt Penderton auf sich ein. Allerdings besitzt er nicht den Mut, sich selbst zu geißeln, um sich dafür zu bestrafen, dass er nicht Manns genug ist, seiner Frau ein Mann zu sein. Er verrichtet sein Werk lieber an etwas Schwächerem, er tritt nach unten. Und so kommen sie miteinander aus. Diese Menschen in diesem Fort im Süden.

Das alles wird kein Gutes Ende nehmen. Zu viel innerer Stau will nach draußen platzen. Die Langeweile ist ein gefährlicher Feind. Nur Stoiker halten sie aus. Carson McCullers Figuren brennen innerlich angesichts ihres festgezurrten Lebens lichterloh.

Eine große Autorin. Mit einer Sprache, die nie mehr erzählt, als sie unbedingt muss. Eine Menschenkennerin.

Spiegelbild im goldnen Auge

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