Und Nietzsche weinte

Erschienen: Januar 1994

Bibliographische Angaben

  • München: btb, 2008, Seiten: 448, Übersetzt: Uda Strätling
  • New York: Basic Books, 1992, Titel: 'When Nietzsche wept', Seiten: 306, Originalsprache
  • Hamburg: Kabel, 1994, Seiten: 379, Übersetzt: Uda Strätling
  • München: Goldmann, 1996, Seiten: 442
  • München; Zürich: Piper, 2001, Seiten: 442
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 463, Bemerkung: mit einem neuen Nachwort des Autors
  • München; Zürich: Piper, 2005, Seiten: 463
  • München: btb, 2009, Seiten: 631

Couch-Wertung:

94
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Werde, wer du bist!

Buch-Rezension von D. Sl. Apr 2012

Auf welch gewagtes Spiel hat Yalom sich da eingelassen! Er stellt eine Beziehung von Figuren her, die sich im wirklichen Leben nie getroffen haben. Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Lou Salomé und Josef Breuer sind die Protagonisten in Yaloms Werk, wobei Erster und Letzter die zentrale Rolle spielen.

Breuer und Nietzsche begeben sich in diesen Roman in ein psychoanalytisches Sprachduell, das es so nie gegeben hat. 

"Die Hoffnung ist das übelste Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert."

Dies ist nur eines der wenigen Zitate Nietzsches in der schwierigen und äußerst intelligent aufbereiteten Diskussion mit Breuer. Kenner von Nietzsches Werken stoßen hier laufend über Aussagen, Zitate, Thesen und Annahmen Nietzsches.

Zweifelsfrei hat Yalom sich mit der hypothetischen Begegnung Nietzsches und Breuers weit aus dem Fenster gelehnt, hat aber diese Gratwanderung mit einer Bravour gemeistert, die seinesgleichen sucht. So zweifelt man nicht einen Moment daran, dass die tiefgründigen Gespräche der oben erwähnten Figuren, und im Speziellen zwischen Nietzsche und Breuer, so gewesen hätten sein können, wie hier dargestellt.

Yalom beschreibt nicht einfach Szenen, er schafft regelrecht ein Kammerspiel, in dem sich zwei hervorragende Rhetoriker einmal ein Wortgefecht liefern, dann in tiefer Harmonie den beinah selben Weg beschreiten, sich einigen, nur um kurze Zeit später ihre Gedanken wieder auseinanderfließen zu lassen, dann der eine beim anderen Unverständnis bis Verwirrung auslöst und sich dennoch stets gegenseitig auf besonderer Weise respektieren.

Man gewinnt alleine durch die Gespräche zwischen Breuer und Nietzsche intime Einblicke in deren Leben; aber dem nicht genug, lässt Yalom die Redestunden der beiden nochmals Revue passieren, in dem er Breuer das Gesagte nochmal mit Freud diskutieren  lässt. So wird alles nochmals von einem anderen Blickwinkel beleuchtet und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Nietzsche, der zeitlebens unter quälenden Kopfschmerzen, Angstzuständen und schon manischen Depressionen leidet, öffnet sich Breuer jedoch in ganz bemerkenswerter Weise. Nach und nach gibt er diesem zu verstehen, dass er für diese Blicke in sein Seelenleben auch von ihm etwas erwartet, nämlich, dass Breuer, "besessen" von einer Frau, der ehemaligen Patientin Bertha Pappenheim, sich im Gegenzug von Nietzsche helfen lässt.

Eine befremdende und ungewöhnliche Konstellation, die man auf diese Art und Weise noch nicht gelesen hat.

Ganz nebenbei und scheinbar ohne großes Augenmerk darauf gelegt zu haben, gewährt Yalom auch noch einen Spaziergang durch das Wien des auslaufenden 19. Jahrhunderts. So spaziert man an der Seite Breuers und Freuds nicht nur durch ein Wien am Beginn des die Stadt prägenden Jugendstils, sondern bekommt auch Kostproben, der typisch wienerischen bzw. österreichischen Ausdrucksweise. Hat Yalom (oder eher die Übersetzerin?) sich äußerst bemüht, stets gewisse Idiome mit einfließen zu lassen, stolpert man dennoch über Wörter bei denen dies wohl vergessen oder übersehen worden ist, was vielleicht etwas schade, aber im Grunde absolut vernachlässigbar ist.

Das Bemühen, auch um sprachliche Authentizität, gibt dem Ganzen nochmal ein ganz besonderes Flair.

Gerade bei übersetzen Büchern ist es stets äußerst schwierig gerecht und objektiv zu werten, hat der Übersetzer einen nicht unerheblichen Anteil daran, welche Qualität von Stil und Sprache vom Autor transportiert werden. Um da exakt urteilen zu können, müsste man jedoch stets auch das Original gelesen haben, das wohl selten der Fall ist. Tatsache bei diesem Buch jedoch ist, dass man der Übersetzerin Uda Strätling Respekt zollen muss, hat sie dieses Werk doch in einer Weise übersetzt, die das Lesen zum Vergnügen macht.

Dieses Buch ist ein kleines Einod, sowohl sprachlich als auch stilistisch. Es spielt in diesem Fall keine Rolle, dass Nietzsche und Breuer sich nie begegnet sind, denn alleine die hypothetische Annahme, dass dem so gewesen sein könnte, macht es zum Vergnügen, den beiden großartigen Männern, dem Arzt und – heute würde man sagen, Psychologen – Breuer, und dem Philosophen Nietzsche, bei ihren Gesprächen lauschen zu dürfen.

Und Nietzsche weinte

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