Feuerwagen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Tokio: Shinchosha, 1993, Titel: 'Kasha', Originalsprache
  • Berlin: be.bra, 2012, Seiten: 397, Übersetzt: Ralph Degen

Couch-Wertung:

82
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Carsten Germis
Bilder der japanischen Konsumgesellschaft

Buch-Rezension von Carsten Germis Mär 2012

Miyuki Miyabe ist eine Vielschreiberin und eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Japans. Sie liebt Manga, die populäre japanische Form des Comic, schreibt selber welche, Kurzgeschichten, Science-Fiction – und Kriminalromane. "Kasha" ist der Originaltitel des Romans, mit dem die 1960 im Osten der japanischen Hauptstadt Tokio geborene Schriftstellerin ihren Durchbruch in der japanischen Literatur schaffte. "Kasha", Feuerwagen in der deutschen Übersetzung, ist ein Kriminalroman. Weil in anderen Ländern aber nicht so dogmatisch zwischen sogenannter U- und E-Literatur unterschieden wird wie in Deutschland, erhielt Miyabe für diesen Roman beides, Preise für einen der besten Romane und Preise für einen der besten Krimis.

Es ist dem be.bra-Verlag in Berlin hoch anzurechnen, dass er diese Autorin mit ihrem international beachteten Werk nun endlich auch in Deutschland bekannt macht. Während viele ihrer Bücher bereits ins Englische übersetzt worden sind, blieb Miyabe deutschen Lesern bislang unbekannt. Jetzt erscheint der Kriminalroman in der von Eduard Klopfenstein herausgegebenen Japan-Edition des auf Literatur aus dem ostasiatischen Land spezialisierten Berliner Verlags. Schon die Reihe verrät, dass Miyabes Buch mehr ist als ein Thriller. Es ist auch ein Roman, der das Leben im Tokio der frühen 90er Jahre beschreibt. Wer moderne japanische Gegenwartsliteratur erwartet, wird dennoch enttäuscht sein. Miyabes Roman ist ein klassischer Krimi, linear erzählt und in einer eher einfachen Sprache geschrieben, die alle Werke der Autorin auszeichnet. Miyabe ist keine Intellektuelle. Sie hat sich als Bürokraft hochgearbeitet, fühlte sich unterfordert, besuchte Kurse über kreatives Schreiben – und hat es so geschafft, schon mit Ende 20 vom Schreiben zu leben. "Feuerwagen" ist die wörtliche Übersetzung des japanischen Titels. Schon in alten japanischen Texten wird der Feuerwagen mit Schulden in Verbindung gesetzt. Und um Verschuldung in einer Gesellschaft, die sich nur über Geld und Konsum definiert, geht es auch in diesem Krimi. Bisweilen ein bisschen weitschweifig werden da auch schon mal über einige Absätze die Besonderheiten des japanischen Schuldrechts ausgebreitet.

  "Feuerwagen" in Japan bereits 1997 erschienen, schildert ein dem Konsum nachjagendes Japan der Boomjahre Ende des vergangenen Jahrhunderts. Miyabe, die in ihren Büchern die Sympathie für die sogenannten einfachen Menschen nicht verbirgt, hat mit diesem, ihrem bislang erfolgreichsten Buch das geschrieben, was in Deutschland gerne als sozialkritischer Krimi bezeichnet wird. Die Handlung ist schnell erzählt. Eine junge Frau verschwindet plötzlich und lässt ihr gesamtes Leben hinter sich – einschließlich ihres Verlobten, der sie schon bald heiraten wollte. Der junge Mann wiederum ist der Neffe eines Polizeibeamten, der sich gerade von einer Schussverletzung auskuriert. Was liegt also näher, als den Onkel zu bitten, das unerklärliche Verschwinden der geliebten Frau aufzuklären? Die Suche nach der Frau führt den Onkel, Homma Shunsuke, immer tiefer in die soziale Wirklichkeit Japans der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Identität der Frau wird immer unklarer, niemand erkennt sie auf den Bildern. Je länger Shunsuke sucht, desto tiefer blickt er in einen Sumpf aus Schulden, aus dem am Ende – wir haben es schließlich mit einem Krimi zu tun – nur Gewalt einen Ausweg zu bieten scheint. In einer Gesellschaft, die sich Glück vor allem aus Konsum erhoffte – und immer noch erhofft – haben sich in den Boomjahren in Japan mehr und mehr Bürger verschuldet. "Ich weiß auch nicht so recht, wie es zu den Schulden kommen konnte. Ich wollte doch nur glücklich sein", meint die junge Frau an einer Stelle. Opfer und Mörderin tauchen während der Handlung kaum auf, Miyabe hält eisern an der Perspektive des mit viel Sympathie geschilderten Kommissars fest. Das führt zu manchen Weitschweifigkeiten, zu Betrachtungen über die Zeit, die dem Leser heute überflüssig erscheinen. Weil der Konflikt der jungen Frau, Geldverleihern in die Hände geraten zu sein, nicht aus der Perspektive der Opfer geschildert werden kann, gibt es manche Passage in diesem Buch, in dem allgemein über die japanischen Regelungen des Kreditrechts räsoniert wird. Vielleicht ist die Autorin dabei auch der Versuchung erlegen, zu viel aus ihrer Zeit als Rechtsanwaltsgehilfin oder aus der Inkassoabteilung eines großen Unternehmens in den Roman einfließen zu lassen. 

Seit ihrem 29. Lebensjahr ist Miyabe eine so erfolgreiche Autorin, dass sie von ihrem Schreiben leben kann. "Feuerwagen" ist ein gut konstruierter Krimi und hätte es verdient, auch auf den Krimi-Bestenlisten seinen Platz zu finden. Er ist aber auch ein Stück Gegenwartsliteratur, das Japan in den Boomjahren schildert, als Konsum, Geld – und eben Verschuldung den Alltag bestimmten. Es ist gefährlich, wenn man vorgegaukelt bekommt, Glück sei mit Konsum zu haben – und Geld ist überall scheinbar leicht zu leihen. Die japanische Krimiautorin Natsuo Kirino, die viel früher als Miyabe ins Deutsche übersetzt worden ist, hat sich des gleichen Themas in ihrem Erfolgsroman "Out" (auf Deutsch unter dem Artikel "Die Umarmung des Todes" erschienen) zur gleichen Zeit ähnlich eindrucksvoll in einem Kriminalroman angenommen. Auch wenn manche Passagen über die Wirtschaftskrise nach dem Platzen der Immobilienblase 14 Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe überflüssig wirken, ist Miyabe mit "Feuerwagen" ein Porträt des modernen Japan gelungen. Zudem bekommt der Leser einen spannenden Krimi, in dem auch das "Whodunnit" nicht zu kurz kommt. Zu hoffen ist, dass auch die anderen Bücher der Autorin ihren Weg zu den deutschen Lesern bald finden – die 14 Jahre lang auf diesen Erstling warten mussten.

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