Die Nachmittagsvorstellung

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Tel Aviv: ´Am ´oved, 2008, Titel: 'Dirah ʻim kenisah ba-ḥatser : ṿe-sipurim aḥerim', Seiten: 211, Originalsprache
  • München: Luchterhand, 2011, Seiten: 269, Übersetzt: Barbara Linner

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Wolfgang Franßen
Von Vater und Sohn, lästigen Mitbewohnern und einem Viertel Pornofilm

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2012

Neun Geschichten, neun Variationen einer berühmten Idee Alfred Hitchcocks, von der in der Erzählung "Das Fest" berichtet wird und nichts anderes besagt, als dass der berühmte Filmregisseur sich lange Zeit mit der Idee zu einem Film herumschlug, in der jeder Schritt bei der Montage eines neues Fahrzeuges abgefilmt werden sollte, um, sobald der Wagen vom Band läuft, festzustellen, dass bereits eine Leiche im Kofferraum liegt. So ähnlich ergeht es einem, wenn er Jehoschuas Kenaz Welt des Moschavs betritt. Jenes alteingesessene Viertel, das nicht gerade zu den angesagten Bezirken der Stadt gehört, aber in der die Nachbarschaft noch intakt zu sein scheint.

Die Leichen in diesen Alltagsgeschichten sind nicht wirklich ermordet worden. Sie spielen sich als Polizisten auf und wollen gleich alles zur Anzeige bringen, was nicht nach ihren Vorstellungen verläuft. Sie kommen als lästige Verwandte an, die von sich behauptet, dass sie fremdes Fleisch unter ihrem eigenen Fleisch mit sich herumtragen, eine Spätfolge des Holocaust, und die am besten gleich verkuppelt werden, damit die Familie ohne sie nach Tel Aviv umziehen kann. Oder jemand will partout seine Post nicht aus dem Briefkasten nehmen und bringt einen Querulanten dazu, seine Mitbewohner zu nötigen.

Es wimmelt nur so von umtriebigen Störenfrieden im Erzählband "Die Nachmittagsvorstellung" des in Israel äußert erfolgreichen Schriftstellers Jehoschua Kenaz. Sie klingeln und beschweren sich über den Unrat im Treppenhaus. Sie fordern Solidarität für einen Soldaten ein, der sonst aus der Armee flieht. Sie hausen gar in einem Wäldchen und spuken als böser Geist herum. Oder sie drängen sich einem als Freund auf, wollen einen unbedingt in die Kunst der Selbstverteidigung einführen und schlagen einem in den Magen, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen.  Als Theaterkritiker kennt sich der Autor mit den Gesetzen der Dramaturgie aus. Er weiß, wie er seine Geschichten auf einen Höhepunkt hin spannt, um sie oft genug mit leichtem Befremden zu beenden.

Die unterschwellige Verstörung ist hausgemacht. Der 1937 in Petach Tikwa geborene Autor versteht sich vor allem auf die Schilderung von Kindern und Ehefrauen. Wenn er sich ihren Empfindungen überlässt, dringt viel von dem hilflosen Chaos ans Licht, dass seine Helden irgendwie beherrschen, in Bahnen lenken wollen, und doch restlos überfordert sind. Die große Tragik bricht nie aus. Das Leben, egal ob ein toter Mann den Zugang zum Bad versperrt, indem er direkt vor der Tür liegt, oder ein Junge sich in einen Wagen setzt und gegen eine Mauer rast, erscheint mysteriös und wird hingenommen.

"Bei jedem Spiel gibt es einen der verliert. Diesmal hat der Junge bezahlt."

Warum mehr Worte über etwas sagen, was sich nicht ändern lässt?

Jehoschua Kenaz versammelt leicht ironische Geschichten aus dem israelischen Alltag und verknüpft sie teilweise untereinander. Der Junge, dessen Name in der einen Geschichte von der Mutter so laut geschrien wird, dass es die Nachbarn stört, taucht in der nächsten Geschichte unter seinen Schulfreunden auf. So schließt der Autor einen Kreis um das Moschav. Die Tragödie darf nie zu tief reichen. Sie wird weggeredet, überspielt. Es ist eher ein Hadern als ein Verzweifeln.

Das Leben findet bei Kenaz entlang des Abgrunds ohne Wertung statt. An ihre Zeit dort werden sie sich alle erinnern, wohin es sie auch zieht. Die schlimmsten Vorfälle dort werden sie nach Jahrzehnten noch aufwärmen, als seien sie gestern erst geschehen. 

Kenaz erzählt von ihnen, als habe er unter ihnen gesessen.

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