35 Tote

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2011, Seiten: 545, Übersetzt: Marianne Gareis

Couch-Wertung:

95
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Lutz Vogelsang
Grausame Realität statt `Magischem Realismus´

Buch-Rezension von Lutz Vogelsang Mär 2012

Die 35 Tote, die Sergio Álvarez in seinem Buchtitel ankündigt, würden für so ziemlich jeden veritablen Western ausreichen. Hier sind sie nur die Spitze des Eisberges! Bereits im ersten Kapitel schildert der Autor ein wildes Feuergefecht zwischen dem Banditen Botones und dem kolumbianischen Militär, das erst das Leben von 300 Soldaten fordert und schließlich auch das des Banditen. Ein unglaubliches Blutbad, dem der namenlose Ich-Erzähler indirekt seine Existenz verdankt. Denn unter den Toten findet sich auch Nidias Verlobter Rubén. Um den Schmerz ihres Verlustes zu betäuben, gibt sie sich noch in der selben Nacht dem erstbesten Verehrer hin. Neun Monate später gebiert sie einen Sohn und stirbt kurz nach der Entbindung.

"Danke, Botoncitos, der Teufel möge dich behüten, damit Gott lernt, was es heißt, ein guter Vater zu sein; trink ordentlich Schnaps und genieße das Totsein, denn hier auf Erden geht’s uns immer noch beschissen. Amen."

Nach einer kurzen Zeit, die der Erzähler noch mit seinem Vater verbringt, bevor dieser sich in den Tod stürzt, beginnt für den Erzähler eine beispiellose Odyssee, die ihn durch Jahrzehnte kolumbianischer Geschichte und kreuz und quer durch das Land führt. Ein paar Jahre, die er mit seiner Tante in einer marxistischen Kommune verbringt, ein paar Jahre als Student, einige Zeit als linker Guerillakämpfer und später als rechtsgerichteter Paramilitär... Der Erzähler lebt sich durch jede Schicht der kolumbianischen Gesellschaft und wird doch nirgends heimisch. Grund dafür ist nicht nur seine fehlende Lebensklugheit oder seine zweifelhafte Moral, sondern vor allem die allgegenwärtige Gewalt, die ihm Freunde und Geliebte gleich reihenweise aus den Händen reißt.

"Wer in diesem Land niemanden getötet hat, der hat keine Zukunft."

Schon fast 50 Jahre wütet in Kolumbien ein Konflikt zwischen so vielen Parteien, dass es schwer ist, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Die Polizei und die Armee sind seit Jahrzehnten in blutige Kämpfe gegen sowohl rechtsgerichtete paramilitärische Gruppen, als auch gegen linke Guerillas verstrickt. Zudem befehligt die Drogenmafia regelrechte Privatarmeen. Kaum eine Familie, die nicht einen der unzähligen "desaparecidos" vermisst, Menschen, die von heute auf morgen für immer "verschwinden". Gewalt ist in Kolumbien ein ständiger Begleiter 

Grausame Realität statt "Magischer Realismus"!

Sergio Álvarez schildert diese Gewalt. Schonungslos und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Lesers. So wird in einem der vielen Zwischenkapiteln, in denen verschiedenste Personen anonym zu Wort kommen, geschildert, wie man mit einem Schnitt in den Hals die Zunge eines Toten so aus dem Hals hängen lassen kann, dass sie wie eine Krawatte aussieht. Da bleibt nicht mehr viel von "100 Jahre Einsamkeit", das oftmals als Vergleich herhalten muss. Grausame Realität statt "Magischer Realismus"!

Trinken, Tanzen, Lieben...

Dennoch gelingt es dem Autor, "35 Tote" nicht in eine graue Chronologie des Schreckens ausarten zu lassen. Überall scheint Ironie und Witz durch. Meist recht derbe, mitunter aber auch fein und wohlmeinend. Zudem ist der Protagonist auch den Sinnesfreuden alles andere als abgeneigt. Trinken, Tanzen, Lieben – diese sinnliche und mitunter recht vulgäre (der sprichwörtliche lateinamerikanische "machismo" lässt grüßen!) Art passt schon eher zu Gabriel García Márquez. Die Hauptfigur, die wegen seiner Naivität und seines schlichten Gemütes als ein Simplicissimus der neuen Welt bezeichnet wurde (FAZ), wächst dem Leser schlicht ans Herz.

Vitalität und Tragik

Sergio Álvarez ist mit "35 Tote", für das er immerhin neun Jahre recherchiert hat, ein tolles Buch gelungen. Obwohl ihm die kritische Distanz als gebürtigem Kolumbianer (er ist wie seine Hauptfigur mittlerweile nach Spanien ausgewandert) schwer gefallen haben dürfte, will er weder beschönigen noch belehren. Vor der grausamen Kulisse alltäglicher Gewalt breitet er eine bunte und laute Welt voller Vitalität und Tragik aus, die für den Leser fast greifbar scheint. Lesen! 

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