Ein Wiederkommmen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Paris: Seuil, 2011, Titel: 'L´esprit de retour', Seiten: 155, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2012, Seiten: 190

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Wolfgang Franßen
Ein Schwarzfahrer des Schicksals

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2012

Wann gibt es das schon Mal: ein Buch, das gleich auf Französisch und auf Deutsch geschrieben wurde? Es gibt Autoren, die im Ausland leben und dazu übergehen, in der Sprache ihrer Wahlheimat zu schreiben. Oder auch wie bei Henry Miller der Versuch, sich einer Sprache zu nähern, indem man eine Erzählung in einer gleich klingenden Phantasiesprache verfasst. Was also hat Georges-Arthur Goldschmidt dazu veranlasst, die Geschichte um sein Alter Ego Arthur Kellerlicht gleich zweimal anzugehen?

Wer Übersetzungen vergleicht, wird nicht selten die sprachlichen Veränderungen darauf zurückführen, dass der Übersetzer Vorlieben pflegt, mehr am Fluss, mehr an der Bildhaftigkeit interessiert ist. Ein einiges Wort kann da schon zu sieben verschiedenen Bedeutungen führen. Was aber, wenn das eigene Leben nur auf diese Weise fühlbar wird? Wenn es erst im Französischen "esprit de retour", dann im Deutschen im befremdlichen "Ein Wiederkommen" auftaucht?

Wenn Arthur Kellerlicht noch mit Achtzehn gezüchtigt wird, bevor er das Internat endlich verlassen darf, um nach Paris aufzubrechen, ist das für sein Selbstbewusstsein, seine Seele nicht gerade förderlich.  Es plagt ihn vor allem die Scham. Er gibt sich auch selber die Schuld daran. Hätte er dies nicht getan, das nicht gelesen, hätte er nicht die Finger von sich lassen können, statt sich selbst zu befriedigen, würden die Menschen ihm dann nicht wohlwollender begegnen? Wäre er nicht aus dem eigenen Land vertrieben worden, in eine französische Erziehungshölle gestrandet, müsste er dann von sich erzählen?

Indem Goldschmidt sich erinnert, stellt er sich. Auch der Familie. Die Rückkehr, das "Wiederkommen" nach Deutschland wird zu einem seelischen Fiasko werden. Die Schwester lädt ihn nur ein, damit das Erbe, die Rechte am Elternhaus geklärt werden. Das Land, aus dem er stammt, ist nicht mehr sein Land. Ist es die Sprache noch?

Der 1928 in Reinbek bei Hamburg geborene Georges-Arthur Goldschmidt, kann und will nicht von seinem Leben lassen. Über Florenz kommt er 1939 in ein Internat bei Nancy. Die seelischen Leiden, die er in dieser Obhut durchleiden muss, sind immer wieder Thema seiner schriftstellerischen Arbeit. Seine Mutter stirbt am Kummer. Der Vater überlebt Theresienstadt gerade mal um zwei Jahre. Goldschmidt selbst wird in einem Waisenhaus aufwachsen. Frankreich nicht nur zu seiner neuen Heimat, das Land wird ihm auch ein Gefühl für Sprache und Kultur vermitteln und somit einen Leitfaden an die Hand geben, wie er seinem Schicksal trotzen kann.

Die Erzählung "Ein Wiederkommen" erinnert an Julien Greens innere, katholischen Abgründe, aus denen heraus das Leben wie eine Kulisse betrachtet wird. Indem der Autor erneut Stationen seines Lebens zum Gegenstand  einer Entblößung macht, sagt er auch: Alles ist besser als schweigen.

Der junge Goldschmidt wird ausgesetzt, ohne das innere Rüstzeug dafür zu haben. Was die Frage aufwirft: Wie schütze ich mich vor meinem eigenen Leben? Am besten, indem ich davon erzähle? Das Grauen in Poesie verwandele, ihm ein Gesicht in Gestalt von Sätzen außerhalb von mir verleihe und autofiktionale Geschichten schreiben: "Die Absonderung", "Die Aussetzung", "Die Befreiung". Er sagt:

            "Ich bin ein Autist, der sprechen gelernt hat."

Einer, den seine Erinnerungen nicht ruhen lassen, weil es die Sprache gibt, um immer wieder vom Verlust und dem unverdienten Überleben zu erzählen. Im Französischen kann dies anders klingen, als in der Sprache der Täter.

Im Deutschen gilt es, die Worte genau zu wählen. Die Sprache ist am deutlichsten, wo sie am liebsten schweigen will. Warum sie nicht von zwei Seiten angehen. Erst im Französischen, dann im Deutschen, im Ringen um sich selbst.

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