Kümmernisse

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Paris: Stock, 2010, Titel: 'Les chagrins', Seiten: 203, Originalsprache
  • Berlin: Wagenbach, 2011, Seiten: 181, Übersetzt: Karin Uttendörfer

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Wolfgang Franßen
Fixiere einen Punkt. lass ihn nicht mehr los und du wirst nicht fallen.

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2012

Menschen ziehen Menschen nach sich. Davon lebt die Literatur. Wer glaubt, er komme auf die Welt und sein Leben beginne mit dem ersten Atemzug, wird das im Laufe der Jahre mehr oder weniger tragisch berichtigt sehen. Schriftsteller spinnen ihre Geschichten aus der übertragenen Schuld, der mangelnden Liebe, der abenteuerlichen Sehnsucht, lange bevor der Held einer Geschichte zu laufen begonnen hat. Die Guten unter Ihnen wissen, dass man sich der eigenen Schuld nicht entledigen kann, indem man herausfindet, was bei den Generationen vorher alles schief gelaufen ist. Es klärt nur manches und rückt mitunter ein Bild zurecht, das wir von jemandem geschmiedet haben.

Judith Perrignons Roman beginnt gleich mit einem starken Bild. Am 1. März 1973 steht "La Petite Roquette", ein Gefängnis, leer. Weil Vollzugsanstalten, aus denen Gefangene ausbrechen, nicht vertraut werden kann. Es wird also geschleift werden. Ein riesiges Bauschuttfeld entsteht. Die Bruchsteine der einstigen Haftanstalt werden in die "Ville nouvelle" transportieren, wo sie den Untergrund zu stabilisieren helfen sollen. Wer den Roman "Kümmernisse" gelesen hat, wird sich an dem schriftstellerischen Können einer Autorin erfreuen, gleich zu Anfang einen ganzen Roman in ein einziges Bild gesteckt zu haben.

Der Abbruch all dessen, was sich über Jahre an Gefühlen, Erinnerungen und Schuldzuweisungen in und außerhalb dieser Mauern aufgestaut hat, beginnt scheinbar damit, dass die zweiundzwanzigjährige Helena nach einem Raubüberfall für fünf Jahre in diesen Knast gesteckt wird. Sie weigert sich, ihren Mittäter zu verraten. Und sogleich beginnt eine Spurensuche nach einer Mutter, nach einem Kind, nach einem Vater, einem Liebhaber. Helena hüllt sich in Schweigen, muss während der Haft feststellen, dass sie schwanger ist, und nimmt dies wie eine Todgeweihte hin. Ihre Tochter Angèle wächst bei der Großmutter Mila auf, durch deren Briefe an die Tochter wir allmählich die Hintergründe erfahren und mit Schrecken erleben, wie Helena keine Bindung zu ihrer Tochter aufbaut, weil ihr Herz gebrochen ist.

Das könnte leicht zu einer Herz-Schmerz-Schmonzette verkommen, doch Judith Perrignon entgeht der Gefahr nicht allein dadurch, dass sie verschiedene Stimmen die Geschichte erzählen lässt, sie pendelt auch zwischen Briefroman, realem Geschehen und Erinnerungen hin und her und verleiht dem Roman einen Unterzug an Härte, der nichts anders besagen soll als: Man muss sein Leben durchstehen. Sei es im Hass, sei es im Schmerz, sei es innerlich gebrochen. Weil dass bisschen Liebe, das überraschend darin auftaucht, womöglich einfach über den großen Teich nach Amerika verschwindet und einen zurück lässt.

Ihre Tochter Angèle wird sich nach Helenas Tod auf die Suche nach ihrem Vater begeben. Einem Vater, der an dem Tag, als Helenas Urteil gefällt wurde, vor allem darüber trauert, dass sie im Radio mitteilten, dass John Coltrane gestorben ist. Ein passionierter Musiker ist dieser Vater, ein Mann, der vor seiner Vergangenheit in die Musik, auf das Schiff nach Amerika flüchtet. Ein Musiker, der sich nur spürt, wenn er Saxophon spielt. Selbst hier gelingt es Perrignon, die blanke Schuldzuweisung zu umgehen. Was für den einen Menschen, die einzige Möglichkeit bietet, sich ein wenig zu retten, stellt für den anderen den entscheidenden Nackenschlag dar, der sein Leben aus der Bahn wirft.

"Alle haben ein geheimes Leben, eine im Inneren durch die Vergangenheit und das, was sie versäumt haben, tief eingegrabene Spur."

Nach dem Roman fragen wir uns unweigerlich, welcher Lebensentwurf ist den nun der Richtige? Dass wir uns dem Kummer verschreiben und darin untergehen? Dass wir wie in der Gestalt eines Lehrers als Mittler und Retter anderer fungieren, indem wir Angèle mit dem uns anvertrauten Diebesgut eine einigermaßen glückliche Kindheit in einem Internat finanzieren? Oder dass wir einfach nur an uns denken, unseren Weg als Musiker unbeirrt gehen, weil wir wissen, dass wir niemanden retten werden?

Der ehemaligen Libération-Redakteurin Judith Perrignon ist mit "Kümmernisse", der im Original "Les Chagrins" heißt, ein feiner Roman der literarischen Entblößung gelungen. Es erschreckt fast, wie folgerichtig der Kummer des einen in den des anderen übergeht. 

So als besäßen wir alle keine Chance dagegen. Auch wenn das Ende der Geschichte versöhnlich klingt.

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