Im Tal des Vajont

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Mondadori, 2005, Titel: 'L´ombra del bastone', Seiten: 272, Originalsprache
  • München: Graf, 2012, Seiten: 303, Übersetzt: Helmut Moysich

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Wolfgang Franßen
In Stein gemeißelt

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2012

Eines dürfen wir Mauro Corona sicher nicht vorwerfen, dass seine Geschichte blass vor sich hindümpelt. Liegt der Prolog erst einmal hinter einem, zieht der selbst in einem Bergdorf im Friaul aufgewachsene Autor einen sogleich in eine archaische Welt hinein, die ihn auf eine Stufe mit John Kittel und seinem berühmten Roman "Via Mala" hebt. Allerdings verschreibt sich Corona nicht allein dem Schicksal seiner Familie mittels des Zeugenberichts eines gewissen Servino Corona. Er lässt den Blick über die Täler, die Hänge bis hin nach Mailand schweifen. Wo sich die mittellosen Töchter der Bergbauern als Dienstmägde verdingen und sich weiterhin selbst überlassen sind.

Natürlich kommen einem viele der Geschichten von erschlagenen Vätern, denen die Frauen geneidet werden, von Frauen, die sextoll den Männern den Verstand verdrehen, bekannt vor. Es hagelt nur so Flüche, die auf Bergwiesen Bauern zu Opfern von Nattern, dem Blitz oder der Spitze des Mähdrechels des Nachbarn verdammen. Doch entgeht Corona der Versuchung diese Melange aus Aberglauben und Gottesfurcht dem Mainstream entsprechend zu einer Bestseller-Suppe aufzukochen. Er vertraut seinen Wurzeln, seine Kenntnissen über das harte Leben zu jener Zeit. Er sammelt die Geschichten auf und steckt sie zu einem grausamen Strauß der vortouristischen Alpenwelt zusammen.

Es ergeht uns wie dem schriftstellerischen Ich im Prolog. Auch wir werden von dem ersten Satz des in "zylinderförmigen, in Zeitungspapier eingewickelten Manuskripts" fasziniert:

            "20. Juli 1920. Draußen ist es sehr heiß, aber ich fühle nur Kälte, und ich spüre Schnee, überall Schnee."

Hier macht sich jemand auf, um sich zu stellen, zu berichten, womöglich zu beichten. Im ersten Drittel des Romans erscheint Severino Corona, auch Zino genannt, wie ein Opfer. Als Waise um Vater und Mutter gebracht, schlägt er sich mit seinem Bruder Bastiano durchs Leben. Sie flüchten aus dem Tal, das ihnen nur Kummer bereitet und kehren doch wieder zurück. Weil die Heimat nun mal die Heimat ist. Der Autor Corona versteht es geschickt, das Hineinwachsen in die eigene Schuld zu bebildern. Eine Chronik dessen, was Menschen Menschen antun, wenn sie sich das nehmen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht.

Als Zino sich mit der Frau seines Freundes Raggio einlässt, mit dem er zusammen eine Käserei aufgebaut hat, ist er längst ein Teil des abgestumpften, durch am eigenen Körper und Seele erlittenen Unrechts,

das das Leben Anfang des 20. Jahrhundert "Im Tal des Vajont" mit sich bringt. Stände einer auf der Kanzel und predige, würde er ausrufen, der Teufel steckt in allen und die Versuchung lauert überall. Coronas Menschen sind Geschlagene, die wüten, klagen, sich selbst hinabreißen.

Natürlich ist Zinos Bergwelt eine männliche. Das Weib stellt die Versuchung dar und wäre es nicht aus der Rippe eines Mannes entsprungen, es gebe weniger Leid in dieser muskelbepackten Welt. Diese simple Weltsicht entspringt der Wahnwelt eines Mannes, der sich wie zwangsläufig seinem Schicksal ausgeliefert sieht. Er könnte widerstehen und tut es nicht. Er könnte weggehen und tut es nicht. Er könnte einen einmal begangenen Fehler nicht wiederholen und tut es nicht. Familie bildet bei Mauro Corona einen weiten Verbund, der gerade dazu ausreicht, dass man sich gegenseitig begräbt oder zum Sterben nach Hause kommt.

So erscheint Zino wie ein Mann, dem trotz all seiner Kraft schon längst das Rückgrat gebrochen worden ist. Er weiß um die Gerechtigkeit. Er entflieht der Versuchung, indem er nur mit sich sein will und herrenlos herum streunt. Er glaubt zwar, sich auflehnen zu können, indem er sich entzieht, doch er hat längst genauso gelebt, wie alle jene Männer in seinem Tal, die ihn ins Leid gezogen haben. Der Wahnsinn, der Verrat, die Sehnsucht wohnt hier Tür an Tür mit der Armut, die einem nur eine Freiheit zugesteht, sich selbst und andere zu zerstören.

Die erschütternde Geschichte eines wortkargen Lebens, dessen Sinne dem Wind, dem Wetter, der Lust und dem Herrgott ausgeliefert sind.

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Letzte Kommentare:
28.12.2015 12:25:01
Michel

Herbe Menschen, eine herbe Sprache und vor allem eine herbe Landschaft. Das Buch ist nichts für Leute, die von heiler Bergwelt träumen. Es geht um Armut, Heimtücke und Tod. Bei der Episode mit dem großen Käse und seinem Inhalt stockt einem schon der Atem. Auch bei der "Höllenfahrt" zum Ende des Buches. Sehr eigensinnig, sehr gut!

12.07.2012 19:31:29
FrankBurkhardt

Gegen den Segen des Herrn

Das Buch von Mauro Corona scheint mir etwas für einen fünzigjährigen Mann der geschiden und abgekämpft gerne ein Gläschen zu viel trinkt wie auch die Helden des Buchs. Es rollen die Köpfe geradezu fast gerecht. Und das inklusive des Tod´s des Zino der Hauptfigur.
Man muss lernen das man im Leben einen Feind oder Rivalen nicht durch Gewalt besiegt und auch nicht in den Selbstmord treiben kann. Verbal ist eine Situation zu lösen oder mit Verstärkung. Jetzt aber endlich kann man sich auch mal treiben lassen bis zu Zinos tot der doch wirklich immer alles falsch gemacht hat was man falsch machen kann. Zwei Abtreibungen und dann bekommt die dritte Frau ein Kind und bringt es auf die Welt. Segnet neu was schon zu tief im verhängnis den Tod sucht. Er hat seinen Freund auf dem Gewissen den er betrogen hat mit einer die von der Schwalbe zum Brett erstarrte.
Doch zurück zum Wahnsinn. Das Buch ist eine reine Erfindung der Dinge wie die Menschen in den Bergen leben. Ein Angriff fast auf den Papst der aus den Bergen kommt.
So wird dem Pfarrer in die Hoden getreten und er bekommt ein neugeborenes in einem Käse konserviert serviert. Was das Buch bringt für einen Lebensabschnitt eines gescheiterten Mannes wiegt der Frevel der Kirche beiweitem nicht auf.
Man stelle sich doch auch den Frieden der Berge vor wenn die Familien sich treffen und musiziren bei einem Apfelwein oder die Mädchen und Frauen Hausarbeit machen sticken oder nähen. Gemeinsames Zwiebelkuchenbacken und vieles mehr.
Es wird doch der Mensch nicht wie ein teuflisches, einsames in ein Haus in den Bergen gestopft und vom Herrn gequält um eines Tages Blut oder Wein zu kotzen oder sich selbst den Garaus zu machen. Man spricht mal von einem Teufelskind das eine Orgel bauen will und maßlos Natur erlebt. Hier haben wir eine ganze Seifenoper der (Pilz) oder Tollkirschen Tollwut.

Frank Burkhardt

09.07.2012 16:07:40
Frank Burkhardt

Das Buch des Zinos,erzählt sich zwischen Prolog und Epilog die dem Roman eine Einbettung in die moderne Realität geben.Der Prolog lädt ein auf einen kleinen Wein zum schmökern und bestaunen.Die Geschicht des Bergbauern landet bei einem Schriftsteller der sich sehr interresiert, weil auch das Heft das die Geschichte innehat auf spannende Art zu ihm kommt.
Die Begegnung endet in einem Umtrunk bis am nächsten Morgen das Buch sich zu schreiben beginnt.
Das Buch arbeitet sauber wenn es zu einem Erlebnis führt das meist mit einem toten endet und einer Ahnentafel des Unglücks der verflochtenen Beziehungen.
Das Leben ist nicht gerecht aber es rächt sich fast gerecht. Man kann reißen wie man will man schafft es wahrscheinlich nur bis zur Hälfte des Buch´s. Wenn dann der Schädel brummt kommt die Erinnerung an den feinen Abend zurück die Erinnerung an den typischen Männerabend mit einem Steak und Toast dem Wein und dem typischen Männerbuch. Jetzt am morgen nochmal den Prolog und den Epilog lesen zum klären der Personen und den Rest des Buch wieder auferstehen lassen und dann gegen abend zu ende bringen oder aufheben.f.b. 09.07.2012

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