Madame Hemingway

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

65
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Kathrin Plett
Aus dem Schatten in ein anderes Leben

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mär 2012

Madame Hemingway? Wer soll das sein? Ernest Hemingway ist den meisten Lesern ein Begriff, schließlich ist er einer der erfolgreichsten und berühmtesten Schriftsteller der USA und unter anderem bekannt für seine Novelle "Der alte Mann und das Meer", für die er 1954 den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Aber Madame Hemingway? Vielleicht die Ehefrau von Ernest Hemingway? Richtig - genauer gesagt die erste Ehefrau Hemingways, die er im Jahr 1921 heiratete.

An dieser Stelle setzt die Geschichte ein. Paula McLain lässt Hadley Hemingway, geborene Richardson, ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Liebe, die nicht so verlief, wie es sich die junge Frau vorgestellt hatte. Eine Liebe, die voller Hoffnung und Leidenschaft beginnt, sich aber dann in der Routine des Alltags und der Untreue des Ehemanns, seiner mangelnden Bereitschaft, sich an eine Frau zu binden, scheitert. 

McLain beginnt ihren Roman mit einem Prolog, in dem der Leser bereits durch Hadleys rückblickende Ansprache erahnen kann, dass die erzählte Geschichte keine Romanze mit klassischem Happy End sein wird. Das Ende wird bereits am Anfang eingeleitet, sie gibt den Lesern eine Aufgabe: "Gebt auf das Mädchen acht, das auftauchen wird, um alles zu zerstören."

Liebe auf den ersten Blick, so scheint es, als sich die beiden Protagonisten kennen lernen. Schnell wird klar, dass aus der anfänglichen, gegenseitigen Zuneigung eine Beziehung entsteht, die trotz äußerer Schwierigkeiten und räumlicher Distanz immer inniger wird. Da Ernest beruflich viel unterwegs ist, beschließen die beiden schnell zu heiraten, auch um mehr Zeit miteinander verbringen zu können. Ständige Reisen und Umzüge folgen. Von Chicago geht es nach Paris, wo schon bald der erste - nicht geplante - Sohn geboren wird.

Die Ehe beginnt sich zu verändern. Ernest geht beruflich durch schwierige Zeiten, ist viel unterwegs, während Hadley ihn wegen des Babys nicht mehr begleiten kann. Was Hadley am Anfang noch  geflissentlich zu übersehen versucht: Zwischen ihrer langjährigen Freundin Pauline und Ernest gibt es mehr als reine Freundschaft. Eine Ehe zu dritt beginnt, in der es nur Verlierer geben kann.

McLains Roman gewährt dem Leser Einblicke in das gesellschaftliche Leben der 1920er Jahre. Die High Society bleibt unter sich, es wird gefeiert, Beziehungen bauen weniger auf Sympathie, als auf Klassenzugehörigkeit. Aus heutiger Sicht, mit der zeitlichen Distanz, scheint es schwer vorstellbar, diese Art von Maskeradenspiel so weit zu verinnerlichen, dass sie bis in das Privatleben hineinreicht. Dennoch: So wie McLain ihre Protagonistin erzählen lässt wird deutlich, wie normal diese Art von Leben seiner Zeit empfunden wurde. Gleichzeitig wird auch klar, wie asynchron Beziehungen geführt wurden, welche Abhängigkeit und welches Machtgefälle zwischen Ehefrau und Ehemann bestand. Der Leser bekommt den Prozess, den Hadley Hemingway durchlebt, hautnah mit. Im Gegensatz zur restlichen Story, die durch Hadley erzählt wird, fügt die Autorin - in kursiver Schrift hervorgehoben - die außerehelichen Abenteuer des untreuen Ehemanns hervor. Doch auch Hadley entwickelt sich weiter.

Sie ist nicht mehr bereit, die Augen zu verschließen, was die Autorin auch dadurch erkennen lässt, dass keine Einschübe mehr stattfinden und nur noch Hadleys Perspektive ausreicht, um das ganze Geschehen zu schildern. Duldet sie die Dreierbeziehung zunächst noch, aus Angst um ihre eigene Beziehung, fühlt sich verletzt und gedemütigt, beginnt sie langsam sich von ihm zu lösen und nicht sie ist es, die nach der Scheidung als Verliererin dasteht.

McLain ist es in ihrem Roman gelungen, durch die Augen Hadley Hemingways eine Sicht auf den Schriftsteller Ernest Hemingway darzustellen, die es in vergleichbarer Form nicht gibt. Die Mischung aus Fiktion und Realität (der Roman verfügt über einen ausführlichen Anhang, der eine  Kurzbiografie Hemingways und Quellennachweise enthält), ermöglicht ein Bild der Privatperson Ernest Hemingway, die von der Öffentlichkeit sonst kaum wahrgenommen worden wäre. Der Schriftsteller als Mann, der unstet auf der Suche ist, sich auf der Suche nach der einen Liebe immer wieder am Ziel glaubt und doch nur seinen Trieben folgt und nicht in der Lage ist, dauerhafte Bindungen einzugehen. Sein Selbstmord kennzeichnet das Ende eines herausragenden Schriftstellers auf der einen Seite und der gescheiterten Privatperson auf der anderen.

Der Roman liest sich fließend, die Story ist einfach erzählt, kommt allerdings stellenweise etwas langatmig daher. McLain hat eine fiktive Biografie geschaffen, die das Leben des Schriftstellers plastisch ausgestaltet, indem sie der gemeinsamen Zeit zwischen Hadley und Ernest eine Handlung verleiht.

Die Figuren selbst bleiben dabei etwas flach.

Dennoch: Ein aparter Roman, der nicht nur das Leben der Hemingways, sondern auch die 1920er Jahre lebendig werden lässt.

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