Die Unermesslichkeit

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Harper, 2011, Titel: 'Caribou Island', Seiten: 293, Originalsprache
  • Berlin: Parlando, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Christian Brückner

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Wolfgang Franßen
Männer sind wie diese Pastete, nur hat Gott die Füllung vergessen.

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2012

Wer sich gerade überlegt, sich scheiden zu lassen, der ist gut beraten, zu David Vanns neuem Roman zu greifen. In ihm wird in einem leicht lakonischen Unterton von einem Paar erzählt, dass den Zeitpunkt der Trennung  verpasst hat. Sei es, weil es gegenseitig an die ewige Liebe geglaubt hat, sei es, weil jeder für sich ohne den anderen alleine gewesen wäre. David Vann steht mitten in der Erzähltradition eines Philip Roth, eines Charles Simmons oder auch Jonathan Franzens. Er ist wie Raymond Carver imstande, mit einem Dialogfetzen ein ganzes Leben aufzureißen.

Ehepaare geben nur allzu gerne an, die andere Hälfte genau zu kennen, zu wissen, wie der andere tickt. Was mitunter heißt, ich habe gelernt, mit seinen/ihren Fehlern zu leben, habe mich arrangiert. Kein Wunder, dass Irene ihrem Mann Gary auf die Insel folgt, wo er eine Holzhütte errichten will, um der Natur und sich näher zu sein. Die beiden sind auf der Suche nach dem wahren Leben in Alaska gestrandet. Sie haben eine Familie gegründet, Irene als Lehrerin gearbeitet und Gary seine Träume ausgelebt, indem er neben vielem anderen, Schiffe baute, die keiner kaufen wollte.

Es gibt Romantitel, über die stolpert man sogleich. Sie schaffen es, dass wir ein Buch aufschlagen und die erste Seite lesen wollen. Dann gibt es genügend Titel, die alle gleich lauten und lauthals verkünden, um welches Genre es sich handelt. Wer "Die Unermesslichkeit" auf dem, Einband liest, fragt sich eher, was hat sich der Verlag dabei gedacht, einen Roman, der im Original "Caribou Island" heißt, "Die Unermesslichkeit" zu nennen? Was wird hier vermessen und warum? Ist es wirklich die Absicht des Autors das Leben seiner Helden nach Maßeinheiten einzurichten?

Folgen wir der Geschichte jedoch in die scheinbar seichten Untiefen, die der familiäre Alltag so mit sich bringt, bekommen wir ein Gefühl dafür, dass sich hier ein Autor tatsächlich vorgenommen hat, die Entfernung zwischen Sehnsucht, Traum und Wirklichkeit zu vermessen. Vann vermerkt auf der Skala der Entfremdung ein letztes Aufbegehren. Bei Irene, die unter merkwürdigen Kopfschmerzen leidet, die kein Arzt zu diagnostizieren versteht, und die ihr Mann als Heischen um Aufmerksamkeit abtut. In Garys manischer Fixierung auf ein in Holz manifestiertes Freiheitsgefühl, indem er Stämme durchs Wasser zieht und bei dem Bau fast vergisst, Platz für eine Tür oder ein Fenster zu lassen.

Wir sind in Alaska. Und da gibt es nicht nur Irene und Gary. Die nächste Generation Ehe steht bereits am Start. Ihre Tochter Rhonda ist mit dem Zahnarzt Jim zusammen, der das Leben mit ihr zwar genießt, aber bei der ersten Versuchung durch die wunderschöne Monique in ein anderes Bett steigt. Männer in der Krise bauen sich Hütten oder brauchen Sex. Frauen in der Krise bekommen Migräne oder verschließen die Augen vor der Wirklichkeit, um später Migräne zu bekommen. Das dreiundzwanzigjährige Lustobjekt Monique wird Jim später erpressen, Garys Holzhütte nie fertig gestellt werden.

"Die Unermesslichkeit" ist ein  Roman über das, was man mal gehabt hat und plötzlich nicht mehr hat.  Über den Trug, dass jeder für sich fest davon überzeugt ist, das Leben zu kennen. Die Liebe ist hier getrimmt auf das Durchhalten, um nicht alleine zu sein. Jim wird seiner Rhonda einen Heiratsantrag machen, nachdem er hat spüren müssen, wie gefährlich es sein kann, sich außerhalb der abgesicherten Bahnen zu bewegen. Und so wird sich Rhonda wie ihre Mutter einen Mann nehmen, der mehr an sich interessiert ist als an ihr.

Man gibt vor, sich zu kennen. Man versteht sich. Man will miteinander alt werden. Selbst die Loser am Rand träumen davon. Jemanden wie Clarc, der schnöde von Monique auf dem Campingplatz zurückgelassen wird, weil sie bei einem Zahnarzt ein bisschen Geld gemacht hat. Clarc wird in einer Fischfabrik landen, wo er schon am ersten Tag alles hinwirft und seine Mutter anruft, damit sie ihm Geld schickt und er nach Hause kommen kann. Auch hier lebt die Geschichte von Vanns Können, dem Schicksal einen ironischen Unterzug einzuflechten. Er tritt nicht die große Depression los. Er verleiht dem Scheitern ein Schmunzeln über sich selbst, weil ja alles so schrecklich ist.

So erzählt der Autor letztlich, trotz des deutschen Romantitels nur eines: Dass das Leben ist, wie es ist. Nämlich nicht messbar. Irgendwie wollen sich die Maßeinheiten dieser Welt nicht fügen, wenn es darum geht, die Liebe am Köcheln zu halten. Während die einen in Alaska bleiben, brechen andere nach New York, Seattle oder San Diego auf. In Alaska setzen sie sich währenddessen weiter dem Wind aus, fangen Lachse und erzählen von Bären.

Und überstehen jedes Unwetter. Irgendwie.

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Letzte Kommentare:
23.12.2014 07:24:09
spaddl

Unser tägliches Leben ist von Beziehungen geprägt - zu unserer Familie, Partnern/Partnerinnen, Arbeitskollegen, selbst zu der netten Bedienung beim Bäcker. Dass solche Beziehungen häufig Schwierigkeiten beherbergen und hohes Streitpotential bieten, kann jeder aus seiner eigenen Erfahrung bestätigen. David Vann hat mit "Die Unermesslichkeit" ein Roman geschrieben, der sich einem Ehepaar auf 351 Seiten widmet, die eine Beziehung führen, die durch Abneigung und Zwietracht geprägt ist.

Irene und Gary sind seit langer Zeit verheiratet, haben zwei Kinder, Rhoda und Mark, leben an einem großen See in Alaska und wollen sich einen letzten Traum verwirklichen: auf der gegenüberliegenden Insel "Caribou Island", so auch der Originaltitel des Romans, soll eine Holzhütte mit eigener Kraft erbaut und der Winter dort verbracht werden. Bereits der Beginn der Arbeiten wird durch schlechtes Wetter und tosenden Regen gestört. Irene erkältet sich schwer und der Kreis des Elends beginnt...

David Vann kreierte mit "Die Unermesslichkeit" einen Roman über das Scheitern und über den Verlust der eigenen Identität in einer Ehe auf Grund einer vermeintlich gut gemeinten Kompromissbereitschaft, die schlussendlich zu purem Hass führt. Der Bau dieser Hütte avanciert zu einer gigantischen Metapher des letzten Aufbäumens gegen den Verlust der eigenen Würde und des Stolzes. In der Vergangenheit und Gegenwart der Protagonisten ist das Scheitern einer immerwährender Bestandteil, für den sich Irene und Gary gegenseitig verantwortlich machen. Irene weiß, dass ihr Mann sie verlassen möchte, sie ahnt es, und aus Angst verlassen zu werden, unterstützt sie Gary bei der Errichtung dieses Bollwerks und hasst sich und ihn Tag für Tag intensiver.

Der Autor schildert die Geschehnisse um Caribou Island aus unterschiedlichsten Perspektiven. Hier ist leider auch der einzige Schwachpunkt des Romans zu finden. Der Perspektivenwechsel von Gary und Irene ist nachvollziehbar und für das Fortschreiten der Handlung unumgänglich, aber die starke Präsenz des Lebensgefährten Rhodas, Jim, im Mittelteil ist nach Beendigung der Geschichte meines Erachtens lediglich als Lückenfüller zu verstehen. Dass sich Rhodas Leben in eine ähnliche Richtung wie das ihrer Eltern entwickelt, hätte man nicht mit dem seitenlangen Ausschmücken von Jims Situation erläutern müssen.

Alaska entpuppt sich jedoch für alle Beteiligten zu einer herzlosen Mutter, die ihre Kinder mürbe macht und vernichtet. Dabei schafft David Vann eine archaische, beinahe alttestamentarische Welt, in der die Empathie längst verschwunden und beißendem Zynismus und der Trostlosigkeit gewichen ist. Die bildgwaltige Sprache voller Doppeldeutigkeiten gepaart mit der Atmosphären des kalten Alaskas, der rohen Natur und der hasserfüllten Spannung zwischen den Protagonisten schafft einen packenden Roman, der nicht von Lesern genossen werden sollte, die einen Urlaub in Alaska planen.

Die Dialoge sind direkt und fließend in den Text eingebaut, so dass auf Anführungszeichen verzichtet wurde. Es ist also Konzentration vom Leser gefordert. Besonders eindrucksvoll waren für mich die Sequenzen, in denen David Vann Irenes körperliches Leid skizzierte und der Leser förmlich spüren konnte, wie sehr sie sich durch die Kälte, die Ehe und ihr Leben quält. Mit dem Satz "In der Reglosigkeit sammelt sich der Schmerz" (S. 140) beschließt der Autor eines dieser Irene-Kapitel und schafft damit ein Zitat, das für den gesamten Roman stehen könnte. Es ist eine Allegorie auf das gesamte Leben, das Weglaufen vor Problemen, vor der Realität, das Flüchten vor der Qual und dem Eingestehen, dass man sich verlebt hat.

"Die Unermesslichkeit" ist unermesslich deprimierend, pessimistisch und lässt zu keinem Zeitpunkt einen Hoffnungsstrahl aufleuchten. "Die Hoffnung stirbt zuletzt,...aber sie stirbt" wäre ein Leitsatz, an dem sich der Autor beim Schreiben entlang gehangelt haben könnte. Es ist ein Roman über Hassliebe, innere sowie äußere Abhängigkeit und die Konsequenzen aus dem fehlenden Mut aus der Spirale der verhassten Gewohnheit auszubrechen. Dunkel, böse und abgrundtief.

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