Unendlichkeiten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Picador, 2009, Titel: 'The infinities', Seiten: 299, Originalsprache
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012, Seiten: 318, Übersetzt: Christa Schuenke

Couch-Wertung:

95
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Christine Ammann
Der Tod als Lustspiel

Buch-Rezension von Christine Ammann Mär 2012

Der irische Autor John Banville macht in seinem neuesten Roman "Unendlichkeiten" den geflügelten Götterboten Hermes zu seinem Erzähler. Erstaunt, verblüfft und amüsiert beobachtet Hermes, auch Gott der Gauner und Diebe, was im verwinkelten Landhaus der Familie Godley so los ist – und treibt manchen Schabernack mit den ´Kleinen da unten’.

 

Viel kann Hermes an diesem Tag nicht berichten: Der Mathematiker Adam Godley, der mit seiner Theorie der Unendlichkeit berühmt geworden ist, liegt im Sterben, und seine Familie ist zusammengekommen, um von ihrem Oberhaupt Abschied zu nehmen.

Man wartet auf den Tod. Man hat Zeit. Im Plauderton erzählt Hermes, wie die schöne Helen, Adams Schwiegertochter, ein morgendliches Schäferstündchen mit Zeus verbringt, der sich ihr in Gestalt ihres Ehemanns nähert.

Als Gott sieht Hermes naturgemäß mehr als die Menschen dort unten, die in ihrer persönlichen Sicht gefangen sind. ´Wie doch alles zusammenhängt, wenn man die Dinge aus der richtigen Perspektive sieht’, bemerkt Hermes – nicht ohne Augenzwinkern. Sein Götterblick verleiht dem Roman einen besonderen Humor, eine große Leichtigkeit, die Christa Schuenke vollendet ins Deutsche übertragen hat. Nur Hermes kann über Zeus wohl sagen: ´Der Göttervater ist vergrätzt’. Und nur ein Gott kann so überaus detailliert und ohne falsche Scham über ´die Kleinen da unten’ plaudern. Wunderbar die Szene, wenn Helen sich aufs Klo setzt, wo sie sich wie ´eine große weiche weiße Henne’ fühlt und ´entsetzt dem Strudeln und Plumpsen unter ihr lauscht’.

"Unendlichkeiten" beginnt nicht nur wie das Lustspiel "Amphitryon" von Heinrich von Kleist, es folgt auch dessen Verwicklungen um Liebespaare, Götter und Identitäten. Vor allem in der Parallelhandlung um Diener, Dienerin und Hermes selbst versprüht der Götterbote seinen Witz. Genüsslich berichtet er, wie die Dienerin Ivy Blount im Laufe des Tages ungerührt ein Huhn seinem aristotelischen Zweck zuführt. Es wird getötet und gerupft, zubereitet und tranchiert, beim mittäglichen Gastmahl aufgetragen und seelenruhig verspeist. Man macht den Abwasch.

Banville versteht es meisterhaft, mit Assoziationen zu überraschen. So denkt etwa Ursula, die alkoholkranke Ehefrau des Sterbenden, beim Anblick des gerupften Huhns an einen Männerrücken. Und als ihre psychisch angeschlagene Tochter Petra fürchtet, das tote Huhn würde im nächsten Moment losflattern, wirft Hermes spontan ein: ´Das Geheimnis des Weiterlebens, das ist Schwachsinn’, und erläutert, was die Götter von den Menschen unterscheidet: ´Gerade die Unfähigkeit der Sterblichen, sich die Dinge so vorzustellen, wie sie sind, ist es ja, die ihnen überhaupt erst erlaubt zu leben ... Wir sehen all dies jeden Moment in all seiner Schrecklichkeit, doch es ficht uns nicht an, das eben ist’s, was uns zu Göttern macht.’

Wer als Leser nun aber geglaubt hat, die gelangweilten Götter hätten es besser als die Menschen, sieht sich getäuscht. Als die schöne Helen Zeus nicht erkennt, blickt der Göttervater voll Ärger und Neid auf die Menschen herab, weil sie ohne Zutun der Götter die Liebe erfunden haben, die die Götter so wenig kennen wie den Tod.

Aber es ist nicht nur die Liebe, die den Menschen, trotz aller Fallstricke, das Leben versüßt. In "Unendlichkeiten" laben sich die Menschen an den Schönheiten der Natur. ´Von all den Dingen, die zu ihrem Troste wir ersannen, ist doch das Einzige, was funktioniert, die Morgendämmerung’, sagt Hermes gleich zu Beginn des Romans. Banville, der irische Autor, ist ein Meister der lyrischen Schilderung von arkadischen Landschaften, Schäferszenen und Stillleben mit Flora und Fauna, immer mal wieder zwitschert ein Vöglein durchs Buch.

Mindestens ebenso virtuos beherrscht der 1945 geborene Autor das Spiel der wechselnden Erzählperspektiven. Am Ende wird sogar Hermes Teil eines Vexierspiels, in denen die Identitäten gefährlich schwanken. In seiner Virtuosität und ästhetischen Schönheit lässt "Unendlichkeiten" an Peter Greenaways Filmkunstwerk "Der Kontrakt des Zeichners" denken.

Mit "Unendlichkeiten" ist John Banville, der 2005 den renommierten Booker-Preis erhielt, ein überaus leichtes, luftiges und lyrisches Werk gelungen, das prall gefüllt ist mit klugen Beobachtungen, tiefsinnigen Gedanken und Anspielungen an Aristoteles, Shakespeare oder Kleist. Ein Buch, das man mit Vergnügen mehrmals lesen wird, weil es immer wieder neue ´Aha’-Erlebnisse bereithält.  

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