Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012, Seiten: 242, Originalsprache

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Britta Höhne
Unbedenklichkeitserklärung

Buch-Rezension von Britta Höhne Mär 2012

August Engelhardt ist, mit Verlaub, ein Spinner. Er ernennt die Kokosnuss zur heiligsten aller Früchte, weil sie "von allen Pflanzen dem Kopf des Menschen am meisten ähnelt". Mehr noch: Die Kokosnuss nährt, gibt – kaum geknackt – eine weiße schmackhafte Milch frei, Öl wird aus ihr gewonnen, Matten, Fasern – die Palme bietet Material für den Bau ganzer Häuser. Grund genug also für August Engelhardt, dem Wilhelminischen Diktat seiner deutschen Heimat Ade zu sagen, um sich in Richtung Westpazifik auf den Weg zu machen.

So skurril wie die Geschichte des Veganers und Nudisten Engelhardt auch auf den ersten Blick klingen mag, so skurril ist die Debatte, die um Christian Krachts neuestem Roman "Imperium" entbrannt ist. Kaum war das Südsee-Epos auf dem Markt, wurde es wechselseitig verrissen oder in höchsten Tönen gelobt. Dabei ist Kracht – und eben hier scheiden sich die Geister vieler Feuilletonisten und Schriftstellerkollegen – ein großartiger Roman gelungen. Der beste aus seiner Feder – sagen viele.

Die eigentliche Geschichte um den kauzigen Engelhardt entstammt nicht Krachts Fantasie. August Engelhardt hat es wirklich gegeben. Angewidert von den Zeichen seiner Zeit, kehrt Engelhardt um die Jahrhundertwende des vorvergangenen Jahrhunderts seiner fränkischen Heimat den Rücken, um in der Ferne ein neues Leben zu beginnen. Auserkoren hat er sich eine Insel, die zur damaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea zählte. Engelhardt erwirbt von der  zwielichtigen, aber äußerst geschäftigen Emma Forsayth, genannt "Queen Emma", das Eiland Kabakon. Fortan dreht sich alles um die Gottesfrucht. Engelhardt erntet gemeinsam mit den Eingeborenen die Nüsse, presst deren Öl und lässt es Richtung Hauptstadt Herbertshöhe verschiffen, um es dort zu Geld zu machen.

Zu Beginn seiner Ankunft scheint Engelhardt im wahrsten Sinne des Wortes angekommen zu sein: Bei sich, seinen Ideen, seinen Idealen, seiner Vorstellung eines neuen Lebens im Sonnenorden. So nämlich benennt er sich – und er bleibt bei sich, weil Interessierte kommen und gehen. Wer ihm bleibt? Makeli, ein junger Eingeborener. Engelhardt liest ihm vor, bringt ihm die großen Schriftsteller nahe, denn nichts hat er auf seiner langen Reise mehr gehütet, als seine zahlreichen Buchkisten. Doch auch Makeli hisst das Segel, verlässt die Insel, um zweier Finger beraubt und wohl der Ansicht, dass Engehardt ein Freund sei.

Engelhardt indes wird – aufgrund seiner Lebensweise – zunehmend ein Schatten seiner selbst. Er magert ab, erkrankt. Wegbegleiter kommen, gehen, sterben. Auf dem Eiland des Kokosapostels gelten andere Regeln. Während der echte Engelhardt 1919 tot auf seiner Insel aufgefunden wird, lebt Krachts imaginärer Protagonist weiter. Zumindest bist 1945. Und da liegt einer der Kritikpunkte, die sich Kracht in der Vergangenheit hat anhören müssen. Wird er doch als Wegbereiter für neonazistisches Gedankengut beschimpft, als unliebsamer Autor, der sich totalitär gibt und darüber hinaus ein Schnösel sei.

Richtig ist, dass Krachts historischer Abriss sich an einer Zeitleiste entlang hangelt und nicht vergisst mitzuteilen, dass es sich bei Engelhardt um einen Romantiker handelt, "der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent."

Kracht spielt mit den Figuren. Kracht spielt mit der Sprache und letztendlich wohl auch mit seiner eigenen Person. Er bringt sich ein in die Geschichte. Erzählt beständig von "unserem Freund", womit Engelhardt gemeint ist. Er nimmt Anteil, leidet mit – aber nie zu sehr, was auch damit zusammen hängen mag, dass der schweizer Autor konsequent in der indirekten Rede schreibt. Überhaupt ist sein Stil gefällig, locker zuweilen und überaus humoristisch an anderer Stelle. Der Roman liest sich wie eines der großen Aussteiger-Romane eines Joseph Conrad oder Somerset Maughan – nur mit mehr Satire gespickt. Und mit Ekel.

Beginnt der Kokovare Engelhardt doch damit, nicht nur seine Exkremente zu verspeisen, sondern auch den Daumen seiner Hand abzutrennen, diesen in Salzwasser einzulegen, um ihn sich schließlich einzuverleiben. Fast noch abartiger mutet die Szene an, in der Kracht beschreibt, wie Hautfetzen des an Lepra erkrankten Inselhäuptlings an der Tastatur des Klaviers hängen bleiben und Engelhardt sich selbige – Macht der Gewohnheit – in den Mund schiebt. Vermutlich, lässt der Schreiber wissen, hat Engelhardt sich so selbst mit Lepra infiziert. Er wird allerdings, wie durch ein Wunder, geheilt und mit Cola und Hotdogs von den Amerikanern wieder aufgepäppelt.

Christian Kracht erzählt nicht "die" deutsche Geschichte, sondern einen Teil deutscher Geschichte, wie es geschehen sein könnte. Engelhardt ist der Protagonist und um ihn dreht sich alles. Er ist der Mensch, der in "Imperium" die wohl größte Wandlung durchzustehen hat. Wird er doch vom Kokovare zum Verzehrer seiner selbst, gar zum Kannibalen. Der ehemalige Menschenfreund wird deren Feind. Mordet vermutlich und entwickelt sich zum Antisemit. Selbst die Natur, die er einstmals so geliebt, wird sein Feind – nebst seiner eigenen Ideologien, die ihn nahezu des Hungertodes sterben lassen. Und da liegt die Crux: Engelhardt überlebt, am Rande der Geschichte zwar, aber überlebt. Und all jene, die wesentlich fanatischer versucht haben, auf seinen Zug aufzuspringen, haben vorab das Zeitliche gesegnet.

Ungeachtet dessen, was gerade über Christian Kracht durch die Medien geistert, "Imperium" ist ein  interessanter Roman. Der 1966 geborene Autor erzählt geschickt, spielt mit der Sprache. Die Geschichte, wenngleich zum Großteil geliehen, ist rund, schlüssig – auch wenn sie zuweilen puren Ekel hochkommen lässt. Kracht vereint alles: Liebe und Hass, Glück und Trauer, Wut und absolute innere Ruhe. Der Roman ist sicher nicht frei von Ideologien, aber was er ganz sicher nicht macht, ist, Imperialismus und Rassismus zu verharmlosen. Und noch was: "Imperium" wird weder der neonazistischen Szene helfen, sich ins Gespräch zu bringen, noch wird sich eine Gruppe finden, die sich zur Aufgabe macht, die Kokosnuss zum heiligsten aller Güter zu ernennen.

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