Sommertöchter

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 2000
Sommertöchter
Sommertöchter
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Daniela Loisl
90

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2012

still und leise, aber unüberhörbar

Juno erhält einen Brief aus der Bretagne, in dem sie aufgefordert wird, doch endlich ihr Erbe anzutreten und ihr Haus in Besitz zu nehmen. Ihre Mutter, darauf angesprochen, gibt vor, davon  nichts zu wissen. So macht sich Juno auf nach Frankreich, mit dem Brief und einem Polaroidfoto.

Feine Zwischentöne

Man sollte zwischen den Zeilen lesen und zwischen den Worten hören, soll sich einem die ganze Tragweite dieser Geschichte erschließen.

Lisa-Maria Seydlitz´ Sprache ist ungewöhnlich, gewöhnungsbedürftig und dennoch perfekt geschliffen. Der beinah prosaisch anmutende Erzählstil hat etwas Nüchternes, Amusisches und ist für die ausgewählte Geschichte Seydlitz` dennoch formvollendet.

Die Autorin erzählt die Geschichte Junos und ihres Vaters, den sie auf für sie dramatische Weise verloren hat. Nicht der Tod des Vaters an sich hat sich in Junos Kopf manifestiert, sondern die Umstände rund um das Geschehen, die Reaktion ihrer Mutter, das komplett aus den Fugen geglittene Leben danach. Ihre Mutter schön und distanziert will mit der Vergangenheit abschließen, wirft alles Geschehene weg und versperrt die Tür hinter sich. Da es die Vergangenheit nicht mehr gibt, ist dieses Thema auch für Juno von Seite der Mutter nicht existent. Bis zu dem Tag an dem Juno den Brief erhält.

Seydlitz lässt ihre Protagonistin selbst erzählen und obwohl Juno zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringt, erzählt sie irritierender Weise stets im Präsens. Stakkato artige Sätze gehören zum Sprachgestus der jungen Autorin und sind gewagt und raffiniert zugleich.

Juno berichtet abwechselnd von ihrer Reise in die Bretange und kehrt oft schlagartig zurück in ihre Kindheit; wie Erinnerungsfetzen mit eingeflochten sind Bilder aus der Vergangenheit und auch innerhalb der Rückblende gibt es Zeitsprünge. Der Leser bekommt keine einfache, bequeme Geschichte präsentiert, sondern ist gefordert, selbst zu analysieren, zusammenzusetzen und zu diagnostizieren. Seydlitz wirft Fragmente aus Junos Leben ein, vermittelt auf scharfsinnige Weise die enge Beziehung zu ihrem Vater der schwer krank zu sein scheint. Die Worte ihrer Mutter, wenn die Entlassung des Vaters aus der Klink bevorsteht, sind ständig dieselben "Jetzt wird alles besser werden, du wirst sehen.". Als junges Mädchen lässt sie die Worte der Mutter an sich vorbeirauschen, freut sich nur, den Vater wiederzusehen. Die enge Verbundenheit der beiden liegt nicht auf der Oberfläche, man muss sich einlassen auf die Erzählung, zuhören, hinhören.

Kaum Luft zum Atmen 

Als Juno in der Bretagne ankommt und ihr Haus in Augenschein nimmt, merkt sie schnell, dass sie nicht alleine ist. Eine junge Frau, Julie, hat sich in dem Haus eingenistet und wohnt wie selbstverständlich jeden Sommer darin.

Sukzessiv, aber gemächlich offenbart sich nicht nur für Juno die Vergangenheit, sondern auch dem Leser.

Dominiert lange Zeit die Vergangenheit, verlagert sich nun nach und nach alles in die Gegenwart und lüftet so für Juno viele verschleierte Begebenheiten aus der Kindheit. Als Leser hat man stets das Gefühl, dass die Figuren gar nicht richtig durchatmen können, zu viel Unausgesprochenes, Verheimlichtes lastet nicht nur auf der Protagonistin. Wenngleich sich vieles klärt, ist man dennoch gefordert seine eigenen Schlüsse zu ziehen, die Geschichte nochmals zu überdenken, die Puzzlestücke zusammenzusetzen und alles nochmals mit Abstand zu betrachten.

Lisa-Maria Seydlitz hat mit ihrem Romandebut einen ungewöhnlichen, aber äußerst interessanten Weg beschritten. Die Messlatte ist hoch, die sie sich selbst gelegt hat und man darf gespannt auf ihr nächstes Werk sein.

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