Acht Wochen verrückt

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Eva Lohmann
  • München: Piper, 2012, Seiten: 208, Originalsprache

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Andreas Kurth
Erholung finden in der Freakshow

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2012

Kaputt. Ausgebrannt. Defekt. Einfach nicht mehr funktionsfähig. Milena Winter sitzt an einem beliebigen Arbeitstag im Büro, starrt auf ihren Computer – und schaltet ihn dann einfach ab und geht nach Hause. Ihren vorerst letzten Arbeitstag – was sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt – beendet sie ohne schlechtes Gewissen. Den Rest des Tages erlebt sie wie in Trance, am Ende steht die Einweisung in eine psychosomatische Klinik.

Der Erstlingsroman von Eva Lohmann schildert den Alltag in dieser Klinik, denn Milena Winter, genannt Mila, ist ihr "Alter Ego" in diesem Buch. Aber es geht nicht nur um die Klinik und ihre Mitpatienten, sondern vor allem um Milas Gefühle und Empfindungen. Die Autorin geht mit der ungewöhnlichen, skurril anmutenden Ausgangslage auf ganz eigene Weise um. Sie verwendet einen zuweilen mehr als flapsigen Tonfall, wohl auch deshalb, um die Erfahrungen so besser verarbeiten zu können.

Schon der Titel Acht Wochen verrückt signalisiert dabei ihre Art des Umgangs mit dem Thema. Denn die Frage stellt sich, ob das überhaupt treffend ist? Ist man verrückt, wenn man wegen eines Burnouts in eine Klinik kommt, um dort Ruhe zu finden und nach den Ursachen zu suchen? Verrückt, psychisch ausgelaugt, gestört – was auch immer. Die sprachliche Beschreibung ist zweitrangig, das lernt Mila in der Klinik ziemlich schnell. Dabei kam ihr Kollaps keinesfalls aus heiterem Himmel, sondern deutete sich über die Monate und Jahre bereits an. Die Amphore war an diesem Tag einfach voll, angesammelt hatte sich schon länger mehr als genug. Die Diagnose Depression/Burnout ist nur das Ende einer langen Spirale, die immer schneller in dunkle Tiefen führte. 

Der Roman liefert dem Leser eine ebenso unterhaltsame wie nachdenklich machende Beschreibung der neuen Lebensumstände in der Klinik. Abgeschnitten von den Sorgen des Alltags – Arbeit, Haushalt, Sorgen, Freunde – lernt Mila viele Menschen mit ähnlichen Problemen kennen. Da ist ihre Mitbewohnerin Clara, magersüchtig und nur noch Haut und Knochen. Und es gibt Ron, ein Familienvater mit zuweilen geschminkten Lippen und Frauenkleidern. Er fühlt sich als Frau im Körper eines Mannes. Noch skurriler wirkt Maria auf Mila, denn in ihrem Körper stecken gleich mehrere Persönlichkeiten.

Im Zuge der tränenreichen Therapie-Sitzungen bei Milas  persönlichem Therapeuten Dr. Hennings beschreibt Eva Lohmann akribisch die ersten Symptome, die bereits vor Jahren auftauchten. Freunde waren nervig, wurden Mila gleichgültig. An Partys hatte sie keinen Spaß mehr, eine Beförderung mit verbundener Gehaltserhöhung löste keine echte Freude aus, war Mila ebenfalls eher gleichgültig.

Während in ihren Gesprächen mit dem Arzt so langsam die Ursachen für ihre Erkrankung an die Oberfläche geholt werden, erlebt Mila den Klinikalltag scheinbar aus der Beobachterrolle. In den Gruppensitzungen gibt es merkwürdige Eifersüchteleien, es wird unter den Patienten getratscht was das Zeug hält, und besonders unterhaltsam sind immer wieder die bizarr anmutenden Begegnungen mit Menschen außerhalb der Klinikwelt.

Die Autorin verarbeitet mit ihren zum Roman gewordenen Tagebuchaufzeichnungen nicht nur das Erlebte und ihre eigene Erkrankung, sondern will Betroffenen eine Stimme geben, und allen Gesunden zeigen, dass man vor Menschen mit einer psychischen Krankheit keine Angst oder Scheu haben muss. Denn Lohmann hat die Erfahrung gemacht, dass man in einer psychosomatischen Klinik auf im Grunde recht normale Menschen trifft. Es ist nur etwas aus dem Lot geraten, es gibt  Blockaden, die es zu lösen gilt. Bei Mila führt die Suche nach den Ursachen ihrer Krankheit weit in die Vergangenheit. Der Klinikaufenthalt wird so zu einer Reise in die eigene Psyche. Das Ganze ist durchaus eine Grenzerfahrung, vor allem die Gruppentherapie ist ein absoluter Gegensatz zu den Einzelsitzungen. Zu ihrem Therapeuten baut Mila schnell ein Vertrauensverhältnis auf, in der Gruppe fühlt sie sich eher unwohl.

Ansonsten zeigt sich die Klinik als eine Art "Käseglocke", deren besondere Situation von den Patienten höchst unterschiedlich genutzt wird. Einige fühlen sich unwohl, andere sehen den Aufenthalt als Chance zur Genesung. Eine Gemeinsamkeit zwischen vielen Patienten findet Mila ziemlich schnell heraus: Fast alle behalten ihre Erkrankung, welcher  Art auch immer, im persönlichen Umfeld für sich. Da werden komplette Legenden gestrickt, um den Aufenthalt in der Klinik zu verheimlichen. So hat Mitpatientin Katharina ihren Freunden erzählt, sie sei beruflich in Paris unterwegs. Und jetzt macht sie sich Sorgen, weil viele Freunde eine Postkarte von ihr erwarten.

Die wichtigen Fragen kommen schließlich auch irgendwann auf den Tisch. Was macht der Aufenthalt in der Klinik mit mir? Wie geht es danach weiter? Wie wirkt sich das alles auf meine Beziehung aus? Eva Lohmann legt viele Karten auf den Tisch, aber sicher behält sie einige persönliche Details auch für sich – oder gibt Mila nicht alle Einzelheiten ihrer Geschichte mit auf den Weg. Die Autorin will nach eigener Aussage mit ihrem Buch anderen Menschen Mut machen. Sie hat einen Roman geschrieben – kein Sachbuch. Das ist Eva Lohmann schon wichtig, denn an einigen Stellen hat sie aus dramaturgischen Gründen eben auch ihre dichterische Freiheit genutzt. Die Botschaft, dass man den Aufenthalt in einer Klinik als wichtige Auszeit begreifen und nutzen sollte, kommt gut rüber. Die Geschichte ist unterhaltsam, authentisch und macht doch auch nachdenklich. Das gut lesbare Erstlingswerk wird demnächst auch als Kinofilm zu sehen sein, vorher kommt im Herbst 2012 der zweite Romane von Eva Lohmann in die Buchhandlungen. Man darf gespannt sein.

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Letzte Kommentare:
29.11.2014 18:54:55
Media-Mania

Milena Winter ist 27 Jahre alt, erfolgreich im Job und mit einem Mann liiert, von dem sie denkt, dass er gut zu ihr passt. Doch plötzlich ändert sich alles. Der einst so lebenslustige Frau wird es zu viel, Freunde zu treffen, auf Partys zu gehen oder ihren täglichen Job zu verrichten. Immer mehr kapselt sie sich ab, vergräbt sich auf der Couch vor dem Fernseher oder geht früh ins Bett. Und eines Tages ist es dann soweit. Mit einem lähmenden Gefühl im Kopf und einem Betonklotz auf der Brust schleppt Milena sich ins Büro, erledigt ein paar Dinge, starrt zwei Stunden auf den Bildschirmschoner und verlässt ihren Schreibtisch mit der Gewissheit, dass dieser Arbeitstag für lange Zeit der letzte sein wird.
Sie funktioniert nicht mehr.

Drei Tage später wird Milena in einer psychosomatischen Klinik aufgenommen. Erleichtert die Verantwortung abgeben zu können, darf sie in den nächsten Wochen einfach nur krank sein. Sie darf hemmungslos weinen, sich in ihren Depressionen vergraben, Therapien besuchen und zu der Erkenntnis gelangen, zukünftig mehr auf ihr Herz zu hören. Acht Wochen, die das Leben der jungen Frau verändern und die Wertigkeit ihrer Entscheidungen ein Stück weit verrücken. Aber nicht nur die Auseinandersetzung mit ihren eigenen Problemen hilft Milena, in ein neues Leben schlüpfen zu können. Auch viele Gespräche mit Mitpatienten, ein neues Verständnis für die Schwierigkeiten anderer und die Abnabelung von den Ansprüchen der eigenen Familie ermöglichen es, an eine glückliche Zukunft zu denken.

"Acht Wochen verrückt" ist ein nachdenkliches, aber auch Mut machendes Buch, in der es die Autorin Eva Lohmann auf humorvolle Art und Weise versteht, sich mit dem Problemen einer psychischen Krankheit auseinanderzusetzen. Ohne den Finger zu heben oder vehement anzuprangern, macht sie dem Lesern klar, dass Menschen mit psychischen Problemen nicht etwa verrückt sind, sondern einfach nur krank.

"Was ist schon normal?"
Eine zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht und bewusst werden lässt, dass jeder Mensch ein wenig verrückt ist. Schauen wir beim Verlassen des Hauses mehrfach nach, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist, oder beschäftigen wir uns damit, Kaffeeflecke nachzuzeichnen? Kleine Ticks gehören zum Leben und haben nichts damit zu tun, dass plötzlich der Körper versagt, die Seele ausgebrannt ist und der Alltag zu einer Last wird, die nicht mehr bewältigt werden kann. Doch anstatt zu klagen, weißt Eva Lohmann einen Weg, in dem sie den täglichen Wahnsinn in einer Psychosomatischen Klinik aufs Korn nimmt und beweist, dass es keine Schande ist, eine Auszeit zu nehmen. Im Gegenteil. Hilfe annehmen zu können, ist wichtig.

Fazit:
"Acht Wochen verrückt" ist der humorvolle Versuch, mit den Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken aufzuräumen, die in den Köpfen von uns "Normalen" herumgeistern. Gleichzeitig aber ist es eine Botschaft an die, die sich noch immer scheuen Hilfe anzunehmen, wenn es einmal zu viel wird. Ein Buch, das mehr bezweckt, als nur gut zu unterhalten.

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