Vergewaltigt

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Carroll & Graf, 2003, Titel: 'Rape: A Love Story', Seiten: 128, Originalsprache
  • : Fischer, 2012, Titel: 'Vergwaltigt', Seiten: 165, Übersetzt: Uda Strätling

Couch-Wertung:

83
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Rita Dell'Agnese
Oates lässt keine Luft zum Atmen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Feb 2012

Es ist der Widerspruch, der als erstes ins Auge sticht: Vergewaltigt – eine Liebesgeschichte. Selten sagt ein Cover so viel über die zu erwartende Geschichte aus, wie dieses. Doch davon weiß der Leser noch nichts, wenn er den gerade einmal 170 Seiten umfassenden Roman der US-Amerikanerin zur Hand nimmt. Empfangen wird der Leser von einem szenischen Einstieg. Ein dunkler Park, leicht herunter gekommen, eine gegen die 40 gehende Frau und ihre zwölfjährige Tochter – und eine Gruppe Männer, die auf Speed sind. Und die ihren Spaß haben wollen mit den beiden Frauen. Teena Maguire und ihre Tochter Bethel überleben – doch ist nichts mehr so, wie es vor diesem verhängnisvollen 4. Juli war. Das auch – und genau hier liegt bei näherer Betrachtung eine Grausamkeit, die selbst jene der Gruppenvergewaltigung zu übertreffen mag – weil die Gesellschaft Teena vom Opfer zur Täterin stempelt. Eine Frau, die es doch wollte. Eine Nutte, ein Flittchen, das mit seiner Anschuldigung das Leben der jungen Männer zerstört.

Wo aber bleibt bei all diesem Irrsinn nun die Liebe? Joyce Carol Oates flicht sie wie einen kaum wahrnehmbaren Seidenfaden in die Geschichte hinein. Nur ganz selten blitzt der Faden auf, wird für einen kurzen Moment sichtbar, um gleich wieder im düsteren Gewebe von sinnloser Gewalt, Drogenrausch, Anschuldigungen und unseligen Seilschaften zu verschwinden. Es ist die Liebe, die zwar nicht die seelischen Wunden verheilen lässt, aber für eine spezielle Form von Gerechtigkeit steht. Eine Gerechtigkeit, die nur über Rache entstehen kann, was sich grundsätzlich ausschließen würde. Doch nicht hier, nicht in dieser Geschichte, nicht bei Teena Maguire und Bethel.

Die Sprache von Joyce Carol Oates ist gewöhnungsbedürftig. Und doch gibt es keine Worte, die das Geschehen passender beschreiben würden. Das offenbart sich aber erst im Verlauf der Geschichte. Dann, wenn man sich bereits an den ungewohnten Rhythmus und die Wiederholungen gewöhnt hat. Denn durch ihre Erzählweise schafft es die Autorin, den Leser mitten im Geschehen stehen zu lassen. Sie lässt keine Luft zum Atmen, umklammert mit ihrer Geschichte das Denken und Fühlen, macht benommen und betroffen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass sie dem Leser kaum eine Möglichkeit gibt, näher an Teena oder Bethel heranzukommen – obwohl gerade die aus Bethels Sicht geschilderten Szenen ausgesprochen intensiv sind.

Durch ihren Erzählstil bringt Joyce Carol Oates Tempo in den Roman, fast stroboskopartig gibt sie den Blick frei auf die Ereignisse unmittelbar vor und vor allem auch nach der Vergewaltigung. Dadurch, dass sie keine Nähe zu den beiden Opfern zulässt, konfrontiert die Autorin die Leser mit der Frage, wo sie selber stehen, welche Einstellung sie persönlich zur Sache haben. Durch den wortkargen Polizisten Dromoor, dessen Gerechtigkeitssinn ihn – den gewaltbereiten Waffennarren – zum Gesetzeshüter gemacht hat, bringt Oates eine weitere, schwer fassbare Komponente ins Spiel. In Fragmenten und dennoch so ausführlich, dass keine Fragen offen bleiben, schildert die Autorin die Ereignisse und die anschließenden Ermittlungen. Sie bringt es dabei fertig, den Leser Ohnmacht fühlen zu lassen angesichts der geschickten Verteidigungsstrategie. Letztlich macht Oates den Leser gar für einen Moment zum Opfer. Nicht aber zum Opfer der Gruppenvergewaltigung sondern zum Opfer der Justiz.

Sind die 170 Seiten gelesen, beginnt der Roman zu wirken. Wohl tatsächlich erst dann. Denn Oates zwingt durch ihren Schreibstil dazu, ein flottes Lesetempo anzuschlagen, ohne über die einzelnen Passagen nachzudenken. Erst, wenn die Geschichte Zeit gehabt hat, sich vollständig zu entfalten, wird ihre Wucht auch tatsächlich spürbar. So sehr, dass kaum jemand nach dieser Lektüre bereit sein wird, eine Abkürzung durch einen dunklen oder einsam gelegenen Park zu nehmen. Auch nicht bei Tageslicht.

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