Für den Rest des Lebens

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Maria Schrader
  • Jerusalem: Keter, 2011, Titel: 'Sheʼerit ha-ḥayim', Originalsprache

Couch-Wertung:

94
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Christine Ammann
Großes Gefühlskino

Buch-Rezension von Christine Ammann Feb 2012

Für den Rest des Lebens. Der Titel verrät, worum es in dem neuen Roman von Zeruya Shalev geht: Um die Lebenszeit, die einem noch bleibt, angesichts des Todes.

In ihrem Generationenroman erzählt die 52-jährige Autorin, die mit "Liebesleben" weltberühmt wurde, von Menschen, die an einem Wendepunkt ihres Lebens angekommen sind und Bilanz ziehen. Welche Entscheidungen habe ich getroffen? Welche Träume nicht gelebt? Lohnt es sich für den Rest des Lebens noch, meine Träume zu verwirklichen? Wie in anderen Werken der israelischen Autorin auch, träumen ihre Romanfiguren vor allem von einer erfüllten Liebe, davon, geliebt zu werden.

Da ist Chemda, über 80 Jahre alt, die kaum noch gehen kann und dem Tod entgegendämmert. "Ist das Zimmer gewachsen oder ist sie es, die geschrumpft ist?", fragt sie sich zu Beginn des Romans und kehrt damit die Wahrnehmung um, die wohl jeder einmal gemacht hat, der als Erwachsener die Orte seiner Kindheit aufsucht und überrascht einer Zwergenwelt begegnet.

Chemda ist in den Anfängen der Kibbuzbewegung groß geworden, als man glaubte, familiäre Strukturen überwinden zu müssen. Ihre Mutter ist kaum greifbar, ihr Vater unbarmherzig und fordernd. Chemda verweigert sich, erst spät lernt sie das Laufen. Lieber träumt sie sich an den See in der Nähe, in die Wogen, die Wellen, lässt sich vom See zu Geschichten inspirieren. Auch am Ende ihres Lebens kann Chemda kaum mehr gehen und wähnt sich am See. Es scheint, als verweigere sie sich am Ende noch einmal den Zumutungen des Lebens, das ihr die Liebe vorenthalten hat. 

Chemdas seelische Verletzungen setzen sich, wie die Glieder einer endlosen Kette, in ihren Kindern fort. Die Geschichten der Mutter Chemda, ihrer Tochter Dina und ihres Sohnes Avner verknüpft Zeruya Shalev zu einem Reigen, der sich ewig dreht: eben noch lag das Kind Dina im Bett, und schon wartet ihre Mutter Chemda im selben Bett auf den Tod. Traum, Erinnerung und Wirklichkeit, Raum und Zeit verdichten sich zu einem eng verwobenen Geflecht.

Die Autorin erzählt dabei dicht an ihren Figuren, die sich (fast) hemmungslos ihren Gefühlen hingeben. Avner, Chemdas Sohn, flüchtet sich vor der übergroßen Liebe der Mutter in eine lieblose Ehe, in der ihn nur noch die Angst vor der Einsamkeit hält, und sehnt sich nun verzweifelt nach einer neuen Liebe. Dina, die Erstgeborene, leidet unter der fehlenden Liebe der Mutter, die den Bruder immer vorgezogen hat. Als sich Dinas eigene Tochter abnabelt und Dina das Gefühl der Einsamkeit übermannt, wünscht sie sich nichts sehnlicher, als einen kleinen Jungen zu adoptieren. Ihr Wunsch entwickelt sich schließlich zur Obsession, Dina zu einer Rasenden. Mit einer wogenden, drängenden, überbordenden, bild- und metaphernreichen Sprache versteht es Shalev, ein Gefühlsgewitter zu entfachen, neben dem die Realität beinahe verblasst. Für den Rest des Lebens liest sich über weite Strecken als ein Klagelied von alttestamentarischer Wucht, als eine Klage an das Leben, keine Anklage, es gibt niemanden, den man anklagen könnte, es ist das Leben selbst, dem der Mensch seine Klage entgegenschleudert.

Aber Für den Rest des Lebens überzeugt nicht nur als expressives Gefühlskino, sondern auch als ein kluges Buch über Lebensentscheidungen, die jeder von uns trifft, und über Träume, die geopfert werden. Anders als in Clint Eastwoods Film Die Brücken am Fluss, in dem sich Meryl Streep gegen ihr Bauchgefühl und für ihren einmal festgelegten Lebensentwurf entscheidet, ist das Leben bei Zeruya Shalev ein Fluss, der in viele Richtungen mäandern kann, auf dessen Wogen man treibt, der zwar Entscheidungen erlaubt, deren Folgen aber für den Menschen kaum berechenbar sind.

An manchen Stellen des Romans mag man sich fragen, ob es denn kein Entrinnen aus den emotionalen Fesseln der Familienbande gibt. Kein Entkommen aus den frühkindlichen Bindungen, aus dem Unglück der Figuren, ihrer "unsicheren frühen Bindung", wie die Entwicklungspsychologie wohl sagen würde. Ist denn der Mensch gänzlich hilflos gegenüber der Macht der Gefühle? Aber dennoch sind es gerade diese Unausweichlichkeit, diese Unbedingtheit und ungebremste Wucht der Gefühle, die den 500 Seiten starken Roman zu einem überwältigenden Leseerlebnis machen. 

Für den Rest des Lebens

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