Nachts

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2011, Seiten: 130, Originalsprache

Couch-Wertung:

87
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Kathrin Plett
Lohnt das ganze Leben, oder nur der Moment?

Buch-Rezension von Kathrin Plett Feb 2012

Zwei Menschen, die sich im wirklichen Leben nie begegnet sind, die jedoch eine Gemeinsamkeit haben, die sie zusammenbringt: Beide sind schlaflos und weil sich einer von beiden verwählt, beginnt eine Telefonbeziehung, die beide so nicht erwartet haben. Und obwohl sie unterschiedlichen Geschlechts sind, sich sowohl im Alter als auch in ihren sozialen Situationen grundlegend voneinander unterscheiden, beginnt eine über Jahre andauernde Verbindung, die sie bis an die Grenzen des Aushaltbaren gehen lässt.

Gerlind Reinshagen beschreibt in ihrem neuesten Roman Nachts die Geschichte zweier Menschen, die im Dialog miteinander ihren eigenen Ängsten begegnen und Erinnerungen durchleben - die zuvor vergessen schienen. Ein Doktor und eine junge, alleinerziehende Schneiderin erzählen einander aus ihrem Leben. Gerade weil sie sich völlig unbekannt sind, ist die Hemmschwelle innerste Gedanken und Gefühle, Zweifel und Verzweiflungen mitzuteilen, zunächst gering. Es handelt sich schließlich "nur" um eine virtuelle Konversation, die jederzeit abgebrochen werden könnte und keine Auswirkungen auf das reale Leben hätte. Scheinbar: Denn mit der Zeit gerät das Spiel außer Kontrolle. Der Dialog wird immer mehr zum Monolog des Doktors, der die Jahre seiner Kindheit und Jugend durch seine eigene Erzählung neu durchlebt und sich nie verarbeiteten Erinnerungen ausgeliefert sieht.

Gerlind Reinshagen gelingt es in ihrem Roman, dem Leser die Ambivalenz der Situation beider Protagonisten zu vermitteln, indem sie den eigentlichen Dialog immer mehr zum Monolog werden lässt. Der Redeanteil des Doktors steht stark im Vordergrund und macht deutlich, wie sehr er selbst von seinen Gedanken und Erinnerungen mitgerissen wird. Er verliert sich in seiner Erzählung, die lange in ihm verborgen war. Der Autorin gelingt es, seine pure Verzweiflung darzustellen. Sie lässt ihn selbst reflektieren, seine Angst wird in den Fragen deutlich, die er seiner Telefonpartnerin stellt, in der Annahme, sie würde sie ihm stellen wollen, was deutlich macht, wie stark er mit seiner eigenen Vergangenheit hadert.

Der Tod ist in seiner Erzählung allgegenwärtig. Sein ganzes Dasein wird von ihm überschattet und zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, was die Autorin auf diese Weise auch den Leser spüren lässt, indem sie Tod und Verzweiflung immer wieder in den Vordergrund des Telefongesprächs rückt. Je länger die Korrespondenz andauert, desto tiefgründiger werden die Gespräche und auch die Beziehung der beiden ändert sich, was sich im Erzählfluss der Autorin widerspiegelt. Die Erzählung des Doktors wird immer drängender, verzweifelter und vom Leben ernüchterter, gleichzeitig wird die junge Frau immer stiller, bis der Kontakt abbricht. 

Die Schneiderin, die noch auf der Suche nach ihrem Lebensweg ist, fühlt sich immer mehr überfordert mit der Darstellung des nackten Lebens des Arztes. Alles wird in Frage gestellt: Was macht das  Leben lebenswert? Welchen Wert hat der Frühling? Alles nur eine Zwischenstufe bis zum Tod, oder lohnt der Moment? So wie der Leser mitgerissen wird, geht auch die Distanz zwischen den Beiden verloren. Da wo eigentlich nichts ist, keine gemeinsame Bindung sein kann, ist etwas, was mehr ist als jede Beziehung, jede Freundschaft aushält, etwas, wofür es keinen Namen gibt: Etwas, dass nur medial existiert. Beklemmende Fragen, die im Roman Nachts greifbar werden.

Gerlind Reinshagens Buch lässt sich nicht in eine Kategorie einordnen. Sie nimmt den Leser mit, indem sie ihn eins mit den Protagonisten werden lässt, dadurch, dass sie deren Gefühle und Gedanken bis ins Detail beschreibt und zur Sprache  bringt.

Ein bewegender Roman, der sich nicht mal eben nebenbei lesen lässt, einer, der zudem sehr nachdenklich stimmt.

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