Winesburg. Ohio

Erschienen: Januar 1958

Bibliographische Angaben

  • New York: B. W. Huebsch, 1919, Titel: 'Winesburg, Ohio', Seiten: 303, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Schöffling, 2012, Seiten: 309, Übersetzt: Mirko Bonné
  • Olten; Freiburg im Breisgau: Walter, 1963, Seiten: 562, Übersetzt: Hans Erich Nossack, Karl Lerbs & Helene Henze
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1958, Seiten: 193, Übersetzt: Hans Erich Nossack, Karl Lerbs & Helene Henze
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973, Seiten: 193
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, Seiten: 259

Couch-Wertung:

92
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Christine Ammann
Von heldenhaften Sonderlingen

Buch-Rezension von Christine Ammann Feb 2012

"Ich möchte, dass du dich vorsiehst. Möglicherweise hast du schon Träume im Kopf. Ich möchte sie zerstören."

Das sagt der Telegraphist Wash William zum jungen Zeitungsreporter George Willard, zu dessen beruflichen Pflichten es gehört, in dem Städtchen Winesburg umherzustreifen und sich anzuhören, was seine Bewohner zu sagen haben. Und sie haben viel zu sagen. Sie alle tragen eine Botschaft im Herzen, die sie bei George Willard loswerden können: ihre Essenz des Lebens, die ´Wahrheit, die sie sich zu eigen gemacht haben.’ Man könnte auch sagen, ihre "Anleitung zum Unglücklichsein".

In seinem locker gefügten Episodenroman "Winesburg, Ohio" von 1919 fächert der amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson 23 Lebensgeschichten vor dem Auge des Lesers auf. In einzelnen Short Storys skizziert er die verschrobenen Bewohner von Winesburg, erzählt von den ´Abenteuern’, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind, von den Narben, die ihnen das Leben zugefügt und aus denen sie ihre bitteren Lehren gezogen haben. ´Ich werde das Glück nie finden’, urteilt etwa Alice Hindman, als sie mit Mitte Zwanzig einsehen muss, dass sich ihre große Liebe wohl für immer davon gemacht hat. Doch sie zwingt sich, ´tapfer der Tatsache ins Auge zu sehen, dass gewiss viele allein leben und sterben, auch in Winesburg.

In lakonischem Ton, gleichnishaft und mit leisem Augenzwinkern führt Anderson uns starke Charaktere vor, die das Leben besiegt hat, in Würde gescheiterte Existenzen, die an ihrer Sprachlosigkeit und ihrer Einsamkeit heroisch leiden, große Schweiger mit einer unerfüllten Sehnsucht nach Liebe, nach einem anderen Leben. Menschen, die an Gemälde Edward Hoppers erinnern.

Anlass zur Hoffnung gibt einzig der junge George Willard, die geheime Hauptperson des erzählerischen Reigens, die in fast allen Geschichten auftaucht, die einzige Figur, deren Entwicklung man als Leser begleitet und die einzige, die ihr ´Abenteuer’, ihre Bewährungsprobe noch vor sich hat. Natürlich hat auch George Willard sein Kreuz zu tragen. Er ´fühlte sich alt und ein wenig müde’, als er schließlich erwachsen wird. Aber er und Helen White spielen gleichzeitig ´wie zwei herrlich junge Wesen in einer jungen Welt’. Er ist innerlich jung geblieben und vielleicht schützt ihn das davor, wie die anderen Bewohner von Winesburg einsam und verschroben zu werden.

Ebenso jung geblieben ist nur der alte Schriftsteller im ´Buch des Grotesken’, der den Erzählreigen eröffnet und einen Schlüssel zum Verständnis von "Winesburg, Ohio" bereithält. Er entpuppt sich als Alter Ego von George Willard – oder ist er George Willard als alter Mann? Die Antwort auf diese Frage bleibt dem Leser überlassen.

Anderson beherrscht die Kunst, seine Charaktere wie in einem Holzschnitt knapp zu umreißen. Wenn es über Alice Hindman heißt :

"Mit siebenundzwanzig war Alice hochgewachsen und ein wenig dünn. Ihr Kopf war groß und überschattete ihren Körper. Ihre Schultern waren ein wenig gebeugt und ihre Haare und Augen braun. Sie war still, doch unter einem sanften Äußeren gärte es unablässig",

dann gewinnt man eine recht genaue Vorstellung davon, was für ein Mensch diese Alice Hindman wohl ist. Am Ende des Buches fühlt man sich seltsam vertraut mit dem 1800-Seelen-Städtchen Winesburg und seinen einsamen Bewohnern, den Straßen der Stadt, denen man immer wieder begegnet, dem Bahnhof, an dem morgens und abends der Zug in die Welt da draußen abfährt, und der Landschaft, deren Schönheit Anderson in wenigen Sätzen zu schildern weiß.

Bei seinem Erscheinen rief ´Winesburg, Ohio’, das seinen Autor schlagartig berühmt machte, einen Skandal hervor. Unzüchtig, gotteslästerlich lauteten die Vorwürfe. Und die Sprache war unerhört knapp und kurz, ungeschliffen, häufig der Alltagssprache entlehnt. Den besonderen Rhythmus von Andersons Sprache hat der renommierte Übersetzer Eike Schönfeld jetzt wunderbar ins Deutsche übertragen.

Mit "Winesburg, Ohio" hat Sherwood Anderson einen amerikanischen Klassiker geschrieben, der Autoren wie Ernest Hemingway, William Faulkner und F. Scott Fitzgerald oder den italienischen Autor Cesare Pavese maßgeblich beeinflusste. Auch wem Ingo Schulzes "Simple Storys" gefallen hat, der dürfte "Winesburg, Ohio" lieben. Ein unglaublich berührendes, eindringliches Buch über unser Streben nach Glück, unbedingt zu empfehlen.

Winesburg. Ohio

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