Eine glatte Million

  • Diogenes
  • Erschienen: Januar 1972
  • New York: Farrar Straus Giroux, 1963, Titel: 'A Cool Million', Seiten: 180, Originalsprache
  • Zürich: Manesse, 2011, Titel: 'Eine glatte Million', Seiten: 224, Übersetzt: Dieter E. Zimmer
  • Zürich: Diogenes, 1972, Seiten: 269, Übersetzt: Dieter E. Zimmer
  • Zürich: Diogenes, 1975, Seiten: 269
Eine glatte Million
Eine glatte Million
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Christine Ammann
90

Belletristik-Couch Rezension vonFeb 2012

Lachen über die Krise

Wer in Zeiten von Finanzkrise, "Occupy Wallstreet" und Dauerthema Euro-Rettungsfond ein Buch sucht, das erheitert, aber nichts beschönigt, liegt mit Nathanael West ´Eine glatte Million’ genau richtig. Das 1934 veröffentliche Werk des US-Autors katapultiert uns mitten in die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, in eine Welt der kleinen Leute, wie sie uns ähnlich in Döblins Berlin Alexanderplatz oder Brechts Dreigroschenoper begegnen.

Voller Optimismus zieht der junge, gutgläubige Lemuel Pitkin aus der Provinz in die große Welt, um den amerikanischen Traum – vom Tellerwäscher zum Millionär – Wirklichkeit werden zu lassen. Glaubt man zu Beginn des Buches noch, man habe es mit einem schelmischen Till Eulenspiegel oder einem märchenhaften Hans im Glück zu tun, kann einem angesichts der absurd-grausamen Schicksalsschläge schon bald das Lachen vergehen. Spätestens wenn Lemuels Freundin in der ´lüsterner Umarmung’ ihres Vergewaltigers zurückbleibt, dessen ´Schweinsäuglein viehisch glänzten’.

In den 30 Kapiteln des knapp 180 Seiten-Buches schlägt das Schicksal unaufhaltsam zu. In immer rascherer Folge, die sich im Finale zur Nummern-Revue steigert, stolpert Lemuel Pitkin durch eine abgründige, absurde und aberwitzige Welt, in der der Gute immer nur der Dumme ist. In Slapstick-Manier – Charlie Chaplin oder Laurel und Hardy sind oft nicht weit – wird Lemuel unschuldig ins Gefängnis gesperrt und verliert alle Zähne, wirft sich einem durchgehenden Gaul ins Geschirr und verliert ein Auge, schließlich kommt ihm noch ein Bein abhanden und sogar sein Skalp muss dran glauben.

Alle Bösen dieser Welt haben dabei ihren Auftritt: Politiker, die nur an sich selbst denken, skrupellose Banker, Demagogen, Bordellbesitzer, gerissene Versicherungsvertreter, Spitzel, brutale Ordnungskräfte, Wildwestschurken und grausame Indianer, verlogene Intellektuelle, Scharlatane, Gauner und Betrüger, der Mob.

Nathanael West zerreißt den amerikanischen Traum in der Luft, und es bleibt gar nichts, aber auch wirklich gar nichts von ihm übrig. In Wests Welt gibt es keine Lösung, von Erlösung ganz zu schweigen. Noch Lemuel Pitkins Tod missbraucht Shagpoke Whippler, sein zum Nationalsozialisten gewandeter geistiger Ziehvater, für eigene Zwecke.

Lemuel Pitkin ist Voltaires ´Candide’ in modernen Zeiten. Unerschüttert von jeder Realität hält er am amerikanischen Traum fest. Als er seine abhanden gekommenen Körperteile nur ein einziges Mal bedauern will, spricht ihm seine Freundin noch Mut zu: ´Wo gehobelt wird, fallen Späne.’

Nathanael West lässt seine Personen nicht nur auf den verschiedensten Schauplätzen auftreten – Vermont, New York, Südkalifornien –, sondern zieht auch stilistisch alle Register – die Dieter E. Zimmer treffend ins Deutsche übertragen hat. Virtuos wechselt West zwischen der altertümlichen Sprache eines Horatio Alger, eines überaus erfolgreichen Trivialautors seiner Zeit, Wildwest-Jargon, Werbesprache, politischer Propaganda, verschiedenen Ebenen der gesprochenen Sprache. Aber immer geht es in heiter-flottem Ton voran. Hieraus entsteht großteils auch der Witz in "Eine glatte Million". Völlig ungerührt berichtet der Erzähler in lockerem Ton von den unglaublichsten Grausamkeiten.

Was nicht ausschließt, dass sich in mancher Szene überaus erhellende Einsichten auftun. So etwa, wenn der Bordellbesitzer sein Gewerbe dem neuen Trend anpasst und in den Räumlichkeiten seines Etablissements US-amerikanisches Volksgut repräsentiert – authentisch natürlich. Volkskultur als Ware im kapitalistischen Güterkreislauf. Dasselbe Schicksal ereilt die historische Tradition. So wird das verfallene Häuschen von Lemuel Pitkins Familie, noch im Stil der alten Aristokratie erbaut, von einem New Yorker Architekten aufgekauft, der es im wahrsten Sinne des Wortes ´entwurzelt’ und in seinem Laden zu Dekorationszwecken wieder aufbaut.

Nathanael West, der 1903 als Sohn litauischer Juden in New York zur Welt kam und 1940 im Alter von nur 37 Jahren bei einem Autounfall starb, schlug sich nach bewegten Jahren als Drehbuchautor in Hollywood durch. Sein literarisches Gesamtwerk, das nur vier schmale Romane umfasst, fand erst in den 1950er Jahren größere Beachtung. In "Eine glatte Million", seinem dritten Buch, erzählt Nathanael West eine bitterböse und dennoch komische Geschichte, die sich leicht und beschwingt liest. Relativ eigenständige Kapitel machen das Buch auch zur kurzweilige Zwischendurch-Lektüre für den termingeplagten Leser. Anmerkungen und ein informatives Nachwort von Dieter E. Zimmer ergänzen das schön aufgemachte Buch. Unbedingt lesenswert.

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