Durst

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Moskau: Eksmo, 2002, Titel: 'Zazda', Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2011, Titel: 'Durst', Seiten: 115, Übersetzt: Dorothea Trottenberg

Couch-Wertung:

95
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Lutz Vogelsang
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Buch-Rezension von Lutz Vogelsang Feb 2012

"Es passte einfach nicht der ganze Wodka in den Kühlschrank". Andrej Gelassimow hält sich nicht mit großen Vorreden auf. Er nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in die trostlose Wohnung des jungen Russen Kostja. Der ehemalige Soldat hat soeben eine Gelegenheitsanstellung abgeschlossen und richtet sich darauf ein, sein Gehalt der letzten Monate zu versaufen. Seit ihm ein Raketenangriff im Tschetschenienkrieg das Gesicht verbrannt und ihn für immer entstellt hat, scheut er jegliche Gesellschaft.

"Der Knall war so laut, dass ich aufsprang. Ich sprang auf und fiel sofort wieder hin. Von dem Aufprall dröhnte es in meinem Kopf wie in einer Glocke. Vor meinen Augen lag eine leere Flasche. Daneben noch eine." Kostja weiß nicht genau, wie viele Wochen seit dem Beginn seines Exzesses vergangen sind, als sein ehemaliger Armeekamerad Genka vor der Tür steht. Ein anderer Junge aus ihrer Kompanie, Serjoga, ist verschwunden. Eben der Soldat, der Kostja in Grosny aus dem brennenden Panzer geborgen hat. Zusammen mit Paschka, ebenfalls ein Kriegskamerad, machen sie sich auf die Suche nach ihrem Freund.

Für Kostja soll es aber vor allem eine Suche nach sich selbst werden. Es scheint, dass er mit seinem Gesicht auch seine Identität im Krieg gelassen hat. In den kurzen Kapiteln springt Gelassimow in Kostjas Leben hin und her. Er vermischt Erinnerungen an die Kindheit und die Jugend mit den brutalen Geschehnissen des Krieges. Der Leser wird Zeuge, wie Kostja seinem Vater, der die Familie schon früh im Stich gelassen hatte, besucht und seinen Frieden mit ihm zu machen scheint. In kurzen, prägnanten Sätzen und auf nur knapp 110 Seiten gelingt es dem Autor, die Welt eines Menschen zu schildern, der droht, an seinen äußeren und inneren Narben zugrunde zu gehen. 

Ein weiteres, wenn nicht das zentrale Thema in "Durst" ist die Kunst. Schon auf der Berufsschule wurde Kostjas Talent für das Zeichnen entdeckt und von seinem Schulleiter und Mentor gefördert. Nach Jahren, in denen sein Talent brach lag, beginnt Kostja auf der kurzen Reise erneut damit, fast besessen alles und jeden zu zeichnen. Einer der berührendsten Momente im Buch ist der, in dem Kostja seine gefallenen Kameraden zeichnet; samt Familien, die sie vielleicht gehabt hätten. Anhand seiner Motive wird der Selbstheilungsprozess wunderbar subtil deutlich gemacht.

Besonders diese Vielschichtigkeit der Motive fesselt. Gelassimov vermischt die Gegenwart mit Episoden aus der Vergangenheit. Dabei stellt er den wirklich eindringlich geschilderten Kriegserlebnissen Kindheitserinnerungen zur Seite, die auf den ersten Blick lapidar wirken: Der Autor nimmt uns mit auf Familienausflüge an den Strand oder in den Wald. Ein harmonisches Familienleben, wäre da nicht die andere Frau. Im Verlauf des Buches wird deutlich, dass der Bruch seiner Familie bei Kostja ebenso Narben hinterlassen hat, wie der Raketenangriff in Tschetschenien.

Aber Gelassimow geht nie wirklich ins Detail, weil Details für diese Geschichte unnötig sind. Es geht weniger um das Problem, als um die Lösung. Pablo Picasso hat einmal gesagt, das Geheimnis der Kunst liege darin, dass man nicht sucht, sondern dass man findet. Gelassimow würde das wohl unterschreiben.

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