Katzentisch

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 2011, Titel: 'The cat´s table', Seiten: 269, Originalsprache
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Julian Wollny

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Wolfgang Franßen
Alles was neu im Leben war, sollte so sein.

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jan 2012

Obwohl die Schiffspassagen bezahlt sind, auf jeden ein anderes Schicksal  wartet, bewegen sich die drei Freunde Mynah, Ramadhin und Cassius wie blinde Passagiere an Bord. Sie fahren übers Meer von Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, nach England. Als der Ich-Erzähler Michael sich der Oronsay vor der Abreise nähert, beschreibt er den ersten Eindruck, als sei der Küste eine weitere Ortschaft angefügt worden. Das Staunen über das Fremde, das ihn erwartet, wird ihn von nun an durch den Roman begleiten.

Die Freunde schleichen sich nachts vom Touristendeck zum Pool der Ersten Klasse. Sie bedienen sich heimlich an deren Büfetts und speisen genüsslich unter der Plane eines Rettungsbootes. Allmählich tauchen sie in das Leben von Menschen ein, denen sie sonst nicht begegnen würden. Sei es ein merkwürdiger Mitbewohner mit Namen Mr. Hasties, der nach zwölf in der Kabine einen Kartentisch aufstellt, um mit Gleichgesinnten eine Partie zu spielen. Sei es der todkranke Philanthrop und Millionär Sir Hector de Silva, der von einem Fluch gezeichnet ist und mit Hilfe eines ayurvedischen Helfers an Bord am Leben gehalten wird. Sei es ein geheimnisvoller Gefangener, der ab und zu Luft schnappen darf, und nach dem Michael in späteren Jahren auf den Steckbriefen der Welt Ausschau halten wird. Oder die hübsche Cousine Emily, die den Männern an Bord den Kopf verdreht, bis sie sich in einen Wahrsager verliebt. 

Es ist dieser Mikrokosmos, der die Freunde fasziniert und der sie anzieht, weil er ihnen zeitlich begrenzt Zugang gewährt. Sie streunen über die Decks wie durch einen Zoo und verweilen bei jedem, um mehr über dessen Lebensgeschichte herauszufinden. Ondaatje beweist hier, dass er es meisterhaft versteht, Schicksale anzureißen.

Er hat jedoch keinen Reiseroman geschrieben. Hauchdünn durchwebt er seine Geschichte mit Wehmut. Als einen farbenfrohen Rückblick auf Momente in Michaels Leben, die Spuren hinterlassen haben. Wenn Michael am Ende von einem Lotsenschiff geleitet die dunkle Themsemündung erreicht, schrecken ihn die Relikte des frühen Industriezeitalters, die er am Ufer ausmacht. Alles Exotische, alles Schillernde versinkt. Vorbei sind die Zeiten, in denen er sich freiwillig ans Deck fesseln ließ, um einen Sturm zu erleben? Auch wenn die Bruchlandung in der Realität danach hart war, als der Kapitän ihm vorrechnete, was der Einsatz, sie zu retten, seine Eltern kosten würde. Die Zukunft denkt ihn Zahlen, nicht in Abenteuern.

Ondaatje versteht es seine Romane exotisch zu bebildern. Sie mit Gerüchen aufzuladen. Er vermischt in "Katzentisch" einmal mehr Vergangenheit, Gegenwart. Fast ist es so, als beabsichtige er, seinen Lesern vor allem eines nahezubringen, das Leben in allen Momenten zu genießen, es festzuhalten, um sich gegen die Dramen zu wappnen, die unweigerlich auf einen warten.

Innerhalb weniger Sekunden werden die Freunde sich bei der Ankunft aus den Augen verlieren und nur die verklärende Erinnerung an diese Reise wird bleiben. So wie in "Der englische Patient" die Erinnerung an eine große Liebe heraufbeschwört, erzählt der Autor in "Katzentisch" von einem letzten Abenteuer, bevor es Zeit wird, ins eigene Leben zu verschwinden.

Nur für einen kurzen Moment, erlaubt es einem die Zeit, still zu stehen.

Es lohnt sich nicht, zu trauern, dagegen aufzubegehren. Egal, wie viel Geld einer besitzt, ob ihm das Glück an den Fersen klebt, er die große Liebe erfährt oder sich irgendwie durchhangelt, die Zeit rast. Sie bahnt sich auch auf der dreiwöchigen Schiffsreise der Oronsay einen Weg durchs Meer. Es ist für alles gesorgt. Essen, trinken, schlafen und nur selten kommt Langeweile auf.

Michaels Reise von Colombo zu einer Mutter, die ihn vor fünf Jahren zurückgelassen hat, geht mit dem Gefühl eines Verlusts einher. So unbedarft kann er sie kein zweites Mal reisen. In England strandet das, was er einmal war. Doch beneidet wir ihn darum, an Bord gewesen zu sein.

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Letzte Kommentare:
02.09.2012 15:07:40
Stefan83

Schön. Zwischen all den Superlativen der Neuzeit nimmt sich dieses gute, alte Wort mittlerweile irgendwie recht bescheiden und wertlos aus. Aber gerade dieses Wort war es, das mir während der Lektüre von Ondaatjes neuestem Werk, "Katzentisch", immer wieder durch den Kopf ging.

Die Geschichte dreier Jungen, die Anfang der 50er auf dem alten Dampfschiff "Oronsay" gen England reisen, mag an sich auf dem Klappentext keine Begeisterungsstürme auslösen - das Besondere offenbart sich dem Leser jedoch im Detail. Mit feiner Feder, lyrischem Gespür und sicherer Hand skizziert Ondaatje das Leben an Bord, erzählt immer wieder kleine Anekdoten über Passagiere und Besatzung. Von der Frau, mit den Tauben im Mantel über den diebischen Baron bis hin zum mysteriösen Gefangenen. Nach und nach ergibt sich aus diesen vielen Mosaiksteinchen ein stimmiges Gesamtbild, dem allerdings stets ein lockerer Ton anhaftet, schaut der Leser doch von unten, aus der Sicht der Kinder, auf die Welt der Erwachsenen. Durchbrochen sind diese "Reiseberichte" von Rückblenden und Blicken in die Zukunft, welche vermeintlich harmlosen Nebengeschichten plötzlich eine ganz neue Bedeutung und streckenweise gar anrührenden Tiefgang verleihen. Gewürzt wird das Ganze mit einem Schuss Exotik, die für soviel herrliches Kopfkino sorgt, dass man sich bald als Gast am "Katzentisch" glaubt.

Eine ruhiges, aber unheimlich gefühlsintensives kleines Kunstwerk über den Aufbruch ins Erwachsensein und die Wunder der Kindheit. Grandios erzählt, eindringlich, reichhaltig - und, ja, einfach schön.

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