Der Sohn

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Amsterdam: Bezige Bij, 2010, Titel: 'De held', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2012, Seiten: 416

Couch-Wertung:

87
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Jochen König
Die menschliche Existenz ist eine fragile Angelegenheit

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2012

Sara Silverstein glaubt das zwar zu wissen, sind ihre Großeltern doch im KZ umgekommen, während ihr Vater Hermann zum Nachlassverwalter der Toten wurde und zum fürsorglichen Schutzpatron seiner Ehefrau und Nachkommen. Überfürsorglich bisweilen, mit einer Sehnsucht nach Sicherheit, die das reale Leben gar nicht bieten kann. Der sich deshalb in eine Welt der Akribie und Ordnung rettet, in die er seine Frau und Töchter liebevoll aber streng integriert.

Sein Tod als Folge eines Unfalls (oder steckt mehr dahinter?) wirft Sara hinaus in die Welt der Unsicherheit. Der Schutzschild scheint zerbrochen. Sorgt zunächst eine Reise zum Andenken des Vaters für eine intensivere Beschäftigung mit der familiären Vergangenheit und eine Rückkehr in fast kindliches Verhalten. So werden kleinere Zwistigkeiten mit der älteren Schwester provoziert und eine Annäherung an die Mutter gesucht, die die schmerzliche Veränderung nur langsam und unter Zuhilfenahme etlicher Verdrängungsmechanismen akzeptiert.

Doch wie aus heiterem Himmel sieht Sara sich selbst gefordert, möchte sich doch der in den USA geborene und dort studierende Sohn als Marine verpflichten. Eine eilige Reise führt zu keiner Umstimmung. Als auch noch Jacob, Saras Mann, auftaucht, sieht sie sich in einer unterlegenen Position.

Verliert Sara bereits hier den Boden unter den Füßen, kommt es nach der Heimkehr noch schlimmer. Sie wird das Opfer einer fast vollzogenen Vergewaltigung, nur ein zufälliger Zeuge kann den letzten Akt der Penetration verhindern. Spätestens jetzt wird klar, dass etwas Unwägbares, Grauenvolles Einzug gehalten hat in Saras Familiensphäre. Sie sucht und zieht Verbindungen zu ihrer familiären Geschichte, findet sie im Wirken des Vaters, in ersterbenden Worten ihrer Großmutter. Was sie ahnt und was sie glaubt zu wissen, muss sie erst am eigenen Leib erfahren: Was es heißt hilfloses Opfer zu sein. Denn ihre Vergewaltigung war nur der Anfang eines Ereignisstrudels, der im weiteren Verlauf ihre Tochter Tess, ihren Mann Jacob und den titelgebenden Sohn Mitch mit sich reißt.

Dabei muss gar nicht die Weltgeschichte eine Rolle spielen, es reicht in den Fokus eines Menschen zu geraten, der anderen die Schuld am eigenen Versagen gibt. Die Geschichte der Welt widergespiegelt in einem kleinen, verletzten und hasserfüllten Ego.

Jesica Durlacher changiert in ihrem aktuellen Roman geschickt zwischen der Familiengeschichte der Silversteins, den historischen Bezügen, angefangen bei der Judenverfolgung und –Deportation im Dritten Reich und einem Thriller, der sich aber nicht darauf beschränkt die Spannungskurve in kreislaufgefährdende Bereiche ansteigen zu lassen. Ebenso wenig resultiert aus der Ohnmacht Sara Silversteins eine platte "Eine Frau sieht rot"-Variante. So sehr das Verlangen nachvollziehbar ist aus der Ohnmacht heraus zu handeln, sich zu rächen, so sehr stehen die ständigen Reflexionen Saras über all ihre Angehörigen und sich selbst, dem rein gefühlsgesteuerten Handeln entgegen. Auch wenn der Besitz einer geladenen Waffe und genau zu wissen, wer der armselige Gegner ist, Mordgelüste aufkeimen lassen. Letztlich wird sich die Geschichte wiederholen und doch eine Veränderung eintreten. Sara wird sich in einem verloren geglaubten Brief ihres Vaters wiederfinden und Mitch seinen eigenen Weg weiter gehen. Durlacher glorifiziert und verdammt ihn nicht. Seine Entscheidung, Marine zu werden steht fest. Kein Kommentar. Seine Familie muss sich damit arrangieren. Denn frohe Zustimmung wird so wenig passieren wie ein Zerwürfnis.

Im Schildern der sich verändernden Verhältnisse innerhalb des familiären Verbundes und dem Einbruch des Verbrechens in eine scheinbare heile Welt, ähnelt Der Sohn den Romanen Patricia Highsmiths. Doch unterscheidet sich Durlacher vor allem darin, dass ihre Figuren weniger den eigenen Obsessionen und Fehlschaltungen gehorchen als die Protagonisten Highsmiths. Der Zusammenbruch des gewohnten Alltags wird tatsächlich von außen betrieben. Auf den ersten Blick. Denn auf den zweiten wird die Brüchigkeit der internen Kommunikation enthüllt. Durlachers Figuren reden viel miteinander, manchmal zu viel, um die wirklich wichtigen und entlarvenden Dinge nicht sagen zu müssen. Sie denken sie, aber sprechen sie nicht aus. Und hüllen sich lieber in einen Kokon aus Schutzbedürfnis und verzweifelter Suche nach Sicherheit. Die es natürlich nicht gibt. Und weil alle das wissen und trotzdem nicht danach handeln, selbst die vorgeblichen Hoffnungsträger Mitch und Tess nicht, richtet man sich lieber in einer Welt der Geheimnisse und Lügen ein, die man nur manchmal zwangsweise verlassen muss. Dank Liebe und Toleranz arrangiert man sich. Auch mit den Gewalteinbrüchen von außen. Überlebende, die sich lieber einer freundlichen Geste hingeben als dem Versuch die ganze Blase platzen zu lassen. Dafür sorgt vielleicht Afghanistan. Doch vorher noch virtuelle Küsse. Zur Sicherheit. Eine Illusion.

Der Sohn ist ein generationsübergreifender Familienroman, der Welt- und individuelle Geschichte(n) gekonnt bündelt und auch Elemente des Kriminalromans einbaut. Das gelingt, weil Durlacher das Genre (und ihre Figuren) ernst nimmt. Verbrechen sowie die wechselhafte Beziehung zwischen Tätern und Opfern  werden in die Handlung eingebettet und nicht als aufgesetzte Fingerübungen zur reinen Spannungssteigerung missbraucht. 

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