Die Party bei den Jacks

  • Jumbo
  • Erschienen: Januar 2011
  • Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1995, Titel: 'The party at Jack´s', Seiten: 242, Originalsprache, Bemerkung: hg. von Suzanne Stutman & John L. Idol
  • Hamburg: Jumbo, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Matthias Brandt
Die Party bei den Jacks
Die Party bei den Jacks
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Wolfgang Franßen
92

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Jan 2012

Auf dem Vulkan

Fast packt einen der Schrecken, wenn man dieses Buch liest. Die Parallelen sind allzu deutlich. Da lachen die Steinmeiers, die Pofallas, die Obermanns, die berühmten TV-, Kino- und Bühnenstars unserer Zeit uns förmlich ins Gesicht. Auch wenn sie amerikanische Namen tragen. Zumindest einer von ihnen stammt sogar aus Deutschland. Wie bewundern wir doch die goldenen Zwanziger in Berlin oder wie in Thomas Wolfes Roman "Die Party bei den Jacks" The Roaring Twentys in New York. Vielleicht leben wir selbst gerade in goldenen Zeiten, die späteren Generationen mit Verklärung begegnen werden, und merken es nicht einmal. Ähnlich wie damals feiern wir uns am Vorabend des Crashs kräftig selbst, um die Gurus des weltweiten Wirtschaftszusammenbruch eines Besseren zu belehren.

Wie es sich in solchen Zeiten lebt, hat nach F. Scott Fitzgerald auch Tomas Wolfe faszinierend virulent beschrieben. Sein Stil ist allerdings nicht der zynische Seitenhieb, Wolfe ist ganz der aufmerksame Beobachter einer Gesellschaft, die, egal ob arm oder reich, ihren festen Platz in der Glorie der amerikanischen Geschichte gefunden hat. Und sei er wie Jack als Jude aus Koblenz eingewandert und hätte sich ganz dem Klischee entsprechend vom Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet.

Mit "Die Party bei den Jacks", entführt der Autor uns nach Manhattan, in den Geldadel, der sich mit dem Glamour der Theaterwelt umgibt und weiß, wie er sich nach außen hin darzustellen hat. Vor dem Hintergrund der permanenten Euro-Hysterie ein amüsantes Buch, dass zurecht der Vergessenheit entrissen wurde. Leicht könnte das sopisticated Zusammentreffen der Happy Few von Manhattan in einem Berliner Salon unserer Tage stattfinden. Man bleibt unter sich. Man genügt sich. Man befindet sich im Vakuum der eigenen Wichtigkeit und schaut wie Jack aus schwindelerregender Höhe in die Schluchten Manhattans. wo Taxis wie Menschen den Ameisenbau bedienen.

Thomas Wolfe ist ein Menschenfreund. Er entstellt nicht, er beschreibt ganz nach dem Motto "Lass sie sich nur um Kopf und Kragen reden" minutiös die Gymnastikübung, das gemeinsame Frühstück, die Vorbereitungen, die Party selbst. Bis sich etwas Ungeheuerliches einschleicht, den Ablauf stört. Da will die Hausherrin ihre Angestellte zur Rede stellen, weil sie nicht nur trinkt, sondern sich auch noch an der Hausbar der Jacks vergreift. Sie schafft es jedoch nicht und entfesselt lieber einen Streit über ein Kleid, das verschwunden ist. Nicht ohne der Untergebenen zu unterstellen, dass sie es womöglich gestohlen hat. Das Leben scheint sich in den kleinen Dramen, der mittleren Hysterie zu entwickeln. Das große Ganze bleibt außen vor.

Hier stellt ein Autor seine Zeit dar, indem er die Roaring Twentys in ihrer Unbedarftheit, in ihrem naiven Glauben, dass alles Gott gegeben sei, seine Referenz erweist. Er schafft es nonchalant Dummheit nicht nackt sondern voll bekleidet darzustellen. Wenn Jack sich über die Lobeshymnen seiner Frau echauffiert, die Bühnenbildnerin ist, weil er selbst in der Premierenkritik am nächsten Morgen nicht erwähnt wird, zieht sich ein feiner Ton einer Ehekrise ein, zeichnet den Riss in der Festung nach und erzählt zwischen Zeilen davon, wie ein solches Leben überhaupt funktionieren kann. Man braucht sich also nur, auf der Klaviatur der Eitelkeiten zu verstehen, und schon geht alles gut.

Als Thomas Wolfe mit 38 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches Werk und einen Berg an Manuskripten.  Schon mit "Schau heimwärts Engel", hatte er sich einen festen Platz in der Literaturgeschichte gesichert, indem er das Leben und Überleben der Familie Gant und die geniale, alles um sich herum vernichtende Geschichte einer Säuferlaufbahn beschrieben hatte.

Was die Postmoderne an Schnelligkeit in die Literatur einbrachte, fehlt bei Wolfe natürlich. "Die Party bei den Jacks" entstammt dem Roman des 19. Jahrhunderts.  Menschen wie Schicksale entwickeln sich langsam. Der Tanz auf dem Vulkan funktioniert trotzdem ausgezeichnet. Als würden sie dort oben in ihrem Wolkenkratzer unschuldig die Hände heben und fragen: Was können wir schon ändern, wenn die Welt untergeht? Wir haben doch nichts falsch gemacht? Wir haben was geschaffen.

So ist Thomas Wolfes verführerische Geschichte um die Familie Jack und ihre Party ein wunderbarer Einstieg in das Jahr 2012, bei dem viele vorhersagen, dass die Welt laut Maya-Kalender untergehen wird. Lasst uns auf unsere Niederlagen anstoßen, sie als Erfahrung abhaken, lasst uns unsere Siege ausposaunen und unsere Macken pflegen. F. Scott Fitzgerald hat es vorgemacht. In Thomas Wolfe hat er einen wortreichen Tanzpartner gefunden, der sich über Manhattan schwebend genauso gut auskannte, wie am Boden in der Werkstatt seines Steinmetzen Gant. 

Die Party bei den Jacks

Thomas Wolfe, Jumbo

Die Party bei den Jacks

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