Lokalhelden

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • München; Zürich: Piper, 2010, Seiten: 285, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2012, Seiten: 288, Originalsprache

Couch-Wertung:

67

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Andreas Kurth
Der Titel ist Programm

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2012

Schmall, Enni, Wolle und Brownsen – das sind die Lokalhelden in Echterdingen, einem typischen Vorort im Speckgürtel von Stuttgart. Ich-Erzähler Schmall kehrt gerade von einem zweimonatigen London-Aufenthalt zurück, erst viel später erfährt der Leser, dass es sich um ein Geschenk seines Vaters zum bestandenen Abitur handelt. Er wird von Kumpels am Flughafen abgeholt, und erinnert sich nun ausgiebig, wie die Endphase seiner Schulzeit vor einigen Jahren begann.

Der erste Roman von Jörg Harlan Rohleder, Redakteur beim Musikexpress, dürfte die Leser ebenso spalten wie die Kritiker. Es geht um das Erwachsen werden in den 90er Jahren. Es ist die Endphase der bleiernen Ära des Helmut Kohl, den Schmall und seine Kumpel als einzigen Kanzler kennen. In äußerst derber Jugendsprache dieser Zeit schildert der Autor die klein- oder gutbürgerlichen Verhältnisse in "Schwabylon", wie er Stuttgart und Umgebung nennt. Die Väter arbeiten alle "beim Bosch", die Kinder kiffen, saufen, rauchen, machen erste Erfahrungen mit Sex und haben reichlich Erfahrung mit diversen Methoden der Selbstbefriedigung.

In der Fachsprache werden diese Bücher gerne "Adoleszenz-" oder "Coming of age-"Romane genannt. Es gibt derzeit reichlich davon, und sie haben prominente Vorbilder. "Fänger im Roggen" von Jerome D. Salinger ist so ein literarisches Vorbild. Im Gegensatz zu dessen Protagonisten Holden Caulfield, der von grenzenlosem Vertrauen in seine Zukunft geprägt war, suhlen sich Schmall und seine Altersgenossen beiderlei Geschlechts geradezu in ihren jugendlichen Depressionen. Sie wollen sich auf nichts festlegen, ihre Zukunft weiter als für den kommenden Abend zu planen ist ihnen unmöglich. Sie definieren sich nicht positiv, sondern nur in der Abgrenzung zu dem, was sie nicht sein oder haben wollen.

Dabei leben sie in einer Zeit voller Chancen, die sie allerdings kaum wahrnehmen. MTV prägt als neuer Sender ihre Fernsehwelt, Kurt Cobain stirbt unter spektakulären Umständen und verstärkt ihre Depressionen. Sie verehren elektronische Musik und lieben ihr Skateboard – und wer keine Drogen nimmt, ist einfach uncool. Wer diese Zeit als Jugendlicher oder junger Erwachsener selbst erlebt hat, dürfte einiges in dem Roman wiedererkennen. Und vieles ist ja mit der heutigen Zeit vergleichbar. Was für die jungen Menschen damals MTV war, ist für die heutige Generation YouTube. Und der Autor beschreibt eben nicht nur eine Jugend in einer bestimmten Zeit, sondern auch ein Lebensgefühl in dieser speziellen Umgebung. Am Rande der Großstadt Stuttgart, und doch scheinbar hoffnungslos provinziell.

Der erste Urlaub ohne Eltern endet mit einem handfesten Realitätsschock. Im Feriencamp der evangelischen Jugend in Griechenland ist es öde und langweilig, Träume vom großen Abenteuer zerplatzen. Die Mutter des Ich-Erzählers zeigt kein Verständnis für Markenklamotten, er muss seine entsprechenden Einkäufen mit dem Verdienst vom Zeitung-Austragen aufbessern. Vieles erkennt man als Leser eben wieder, auch wenn man selbst kein Kinder der 90er Jahre war. Die zahlreichen Episoden sind durchaus unterhaltsam und teilweise recht amüsant, aber zuweilen übertreibt es der Autor auch. Die ganzen Musiktitel und -gruppen werden irgendwann langweilig, und auch die Gesprächsthemen drehen sich irgendwann im Kreis.

Wer sich auf den Roman und seine Erzählweise einlässt, wird die Lektüre als nostalgische Reise in die Vergangenheit erleben. Allerdings als eine ziemlich lange Reise, die zuweilen auch etwas enttäuschend verläuft. 

Das Buch bietet viel Lokalkolorit, aber die Schilderungen vom Saufen, Kiffen, Mädchen, Schule, Skaten und Onanieren werden dann doch irgendwann eintönig. Einen irgendwie gearteten Spannungsbogen sucht man in dem Roman vergeblich, die Handlung dümpelt schließlich so vor sich hin. Eine Botschaft des Autors ist am Ende jedenfalls nicht erkennbar. Es bleibt unklar, ob Rohleder den Jugendlichen ihre depressive und passive Grundhaltung vorwirft – oder sie auf die Umstände (Zeit und Ort) zurück führt und damit entschuldigt. Ein wenig mehr Tiefgang und Nachdenklichkeit statt nur oberflächlicher Beschreibung hätte man sich schon gewünscht.

Dabei wird auch ein tragischer Drogentod und das Abrutschen in die Kriminalität geschildert, und auch der unterschiedliche Weg nach dem Schulschluss wird thematisiert. Eigentlich ein guter Ansatz, der jedoch teilweise verschenkt wird, weil die sprachliche Kompetenz nicht wirklich genutzt wird. Dennoch ist "Lokalhelden" ein durchaus unterhaltsamer Roman – allerdings auch nicht mehr, und schon gar kein großer literarischer Wurf.

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Letzte Kommentare:
02.08.2014 12:32:52
Andreas Schröter

Es ist kein Meilenstein des Genres "Bücher über das Erwachsenwerden", den Jörg Harlan Rohleder mit seinem Debütroman "Lokalhelden" vorlegt. Die jugendlichen Helden, die in den 90er Jahren im schwäbischen Echterdingen kurz vor dem Abi stehen, sind ein wenig zu oft betrunken oder bekifft, so dass das, was am Anfang erfrischend wirkt, am Ende sogar einen Tick langweilig wird. Die Zwischentöne fehlen. Der Autor reiht in einer Art Parforce-Ritt ein Besäufnis an das andere, einen Drogenrausch an den vorherigen. Auch wirkt das, was Small, Wolle, Enni und ihre Freunde auf gerade mal 276 Seiten während ihrer diversen Rauschzustände erleben, ein wenig überzogen, um noch glaubhaft zu sein: Sie pinkeln in Cabrios, haben mit der Polizei zu tun, landen im Knast, zerlegen eine Wohnung, verdienen 800.000 Mark, bestehen ihr Abi und haben Sex - um nur einiges zu nennen. Da die Figuren jedoch ihr Handeln kaum reflektieren, fehlt so etwas wie Tiefgang.

Man kann "Lokalhelden" zur Unterhaltung ganz gut lesen, eine wirkliche Aussage über die Jugend in der Provinz macht das Buch eher nicht. Die verläuft nämlich meist wesentlich unspektakulärer. Gottseidank, möchte man hinzufügen. Ich schließe aber nicht aus, dass ich mit meinen 47 Jahren vielleicht einfach schon zu weit weg bin von der Zielgruppe für solche Romane.

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