Die Oase

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Beirut: Dar al-Adab, 2008, Titel: 'Wahat al-Ghurub', Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 312, Übersetzt: Regina Karachouli

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Tradition zerstört Fortschritt

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jan 2012

Vom Triumph des Kleingeistes über die Bereitschaft, das Beste zu tun erzählt der Roman "Die Oase" von Baha Taher. Der Autor, der es meisterhaft versteht, Hoffnung und Ausweglosigkeit in einem verbalen Sesseltanz miteinander zu verbinden, stellt in den Mittelpunkt seines Romans den glücklosen Machmud Abdel Sahir. Durch ein Missverständnis – oder bei genauerem Hinsehen wohl aufgrund einer bewussten Falschmeldung – fiel der junge Ägypter bei seinen Vorgesetzten in Ungnade. Schon hier zeigt sich Baha Tahers Geschick, seine Geschichte auf zwei Ebenen zu erzählen: einer sofort sichtbaren und einer, die sich nur bei der vertieften Auseinandersetzung mit dem Text offenbart.

Taher schickt seinen Helden in die Oase Siwa, einer kleinen Stadt mitten in der Wüste, nahe an der Grenze zu Libyen. Dort soll Machmud Abdel Sahir ausstehende Steuern eintreiben und darum besorgt sein, künftige Steuern fristgerecht an Kairo abzuliefern. Die beiden Vorgänger auf diesem Posten wurden von den Bewohnern der Oase ermordet und so ist sich Sahir bewusst, dass er von seinen Vorgesetzten auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wurde. Daran ändert auch die Beförderung nichts, mit der Sahirs Versetzung in die Wüste gerechtfertigt wird. Mehr noch als um sein eigenes Leben fürchtet Sahir jedoch um das Wohl seiner Frau Catherine.

Mit der Irin Catherine stellt Baha Taher seinem Helden eine schillernde wenngleich höchst schwierige Partnerin zur Seite. Nicht nur, dass sich Catherine in den Kopf gesetzt hat, das Geheimnis der Oase zu ergründen, sie steht der Rolle der Frauen in der Oase mit Unverständnis gegenüber. Der ungestüme Forschergeist der Europäerin und ihr Streben nach Freiheit werden von den Einheimischen mit Argwohn bis hin zur offenen Ablehnung verfolgt. Machmud Abdel Sahir sieht sich bald einmal in einer ungemütlichen Lage. Einerseits steht er zwischen den Fronten der beiden mächtigen Clans der Oase, die sich seit Generationen bekriegen, er wird auch mit dem Verhalten Catherines konfrontiert, das ihm in Kairo nicht in diesem Ausmaß vor Augen geführt hat, dass er mit einer Ungläubigen verheiratet ist.

Höchst eindrücklich schildert Baha Taher, wie der von Liberalismus durchdrungene Geist Sahirs sich unter dem Druck der Tradition langsam wandelt und sein Bestreben, den Menschen mit Würde und Anstand zu begegnen, an den Feindseligkeiten in der Oase zerschellt. Gleichzeitig legt der Autor seinen Finger auf die Wunde der Andersartigkeit. Was zunächst exotischen Charme versprühte, wird je länger je mehr zur gesellschaftlichen Belastung. So brechen sich Gefühle Bahn, die zunächst nur im Verborgenen existieren konnten. Der Schritt von der Faszination bis hin zur Ablehnung ist so folgerichtig wie das Misstrauen und später der schwelende Zorn der Bevölkerung über den neuen Verwalter und dessen Frau.

Um seine Leser in die Oase zu entführen, bedient sich Baha Taher der orientalischen Kunst des Geschichten Erzählens. Dabei verzichtet er zwar auf ausufernd üppige Beschreibungen, lässt aber kleine Details sichtbar werden und sich zu einem sinnlichen Portrait formen. In der Gestalt seiner beiden grundverschiedenen Protagonisten hat Taher gute Transporteure einer sich stark unterscheidenden Sichtweise. So vermag etwa Catherine die wilde Schönheit der Wüste zu sehen, während ihr Ehemann die Wüste einzig als bedrohendes Elemente wahrnimmt. Obwohl von seiner Herkunft in der ägyptischen Tradition verwurzelt, schafft es der Autor, Catherines irische Seele ohne Wertung darzustellen und ihr eine zugleich reife wie naive Persönlichkeit zu lassen, die sie als Kind ihrer eigenen Kultur ausweist. Ohne dabei wertend zu werden, stellt Taher die Irin in einen Kontext zum ägyptischen Alltag und lässt die Konflikte, die dabei entstehen weitgehend unkommentiert.

Die Oase ist schonungslos und berührend zugleich, es ist die Sicht eines Ägypters auf sein eigenes Volk und gleichzeitig die Sicht eines welt- und sprachgewandten Mannes auf den Triumph der Tradition über den Fortschritt. Trotz allem bleibt das Buch aber in seinem Grundsatz ein Stück wundervoll erzählte Hoffnung.

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