Als ich im Sterben lag

Erschienen: Januar 1961

Bibliographische Angaben

  • New York: J. Cape and H. Smith, 1930, Titel: 'As I lay dying', Seiten: 254, Originalsprache
  • Zürich: Fretz & Wasmuth, 1961, Seiten: 242
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1963, Seiten: 212
  • Zürich: Diogenes, 1973, Seiten: 173
  • Berlin: Volk und Welt, 1984, Seiten: 247
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 247, Übersetzt: Maria Carlsson

Couch-Wertung:

98

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
1 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
1 x 11-20
0 x 1-10
B:41.5
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":1,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":1,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Wolfgang Franßen
´Hat es je einen solchen Unglücksvogel gegeben.´

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2011

Wer sich noch die Frage stellt, was William Faulkner für die moderne Literatur geleistet hat, auf welchen Feldern er sie verändert, gar mitgerissen hat, sollte Cormac McCarthy, einen Verschlüsseler wie Thomas Pynchon, Toni Morrisson, Javier Mariás, Antonio Lobo Antunes lesen. Faulkners County Yoknapatawapha spuckt in sprachlichem Cinemascope jene Kauze, jene Mieslinge, jene Verlorene aus, ohne die viele ihrer Nachkommen nicht denkbar wären.

In dem 1930 erschienen Roman stirbt eine Mutter, eine Ehefrau, eine Frau, die vom Leben aufgerieben wurde. Nicht sie erzählt über sich, bis auf eine kurze Passage in der Mitte, es sind die anderen, die ihr Leben einfangen. Immer wieder wechselt die Perspektive.  Ihre Kinder Dewey Dell, Darl, Jewel, Cash, der jüngste Vardaman versuchen jeder für sich, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Die Mutter ist tot. Sie muss in Jefferson beerdigt werden. Der Vater will das so.  Er ist ein Hallodri, ein sturer Bock, ein nur an sich selbst denkender Mann ohne Zähne. Addie Bundren ist als Familienoberhaupt von jener ehernen Autorität, die eine Familie einfach zu Grunde richten muss. Was er sich in den Kopf setzt, setzt er auch durch.

Eine Geschichte aus dem letzten Jahrhundert. Eine Gratwanderung an der Armut vorbei. Eine Familie, die es in unseren Breiten so kaum noch gibt. Bei uns sind zwei Kinder ein Luxus, ab drei stellen sie eine Belastung dar. In Faulkners Welt sichern Kinder die Arbeit auf der Farm. Man muss ihnen nicht gerecht werden. Etwas, über das Addie Bundren herzlich lachen würde. Kinder kommen ins Leben, um auf der eigenen Wanderung mitgenommen zu werden, um sie bei der kleinsten Schwierigkeit sich selbst zu überlassen.

Da mag die 17jährige Dewey Dell schwanger sein und verzweifelt nach einem Mittel Ausschau halten, um das Kind abzutreiben. Da mag Darl allmählich dem Wahnsinn verfallen, sich Cash das Bein brechen und falsch in Gips eingepackt werden. Erst muss der Vater die Dinge für sich so regeln, wie sie halt geregelt werden müssen. Selbst Jewel, die dem Vater in seiner Halsstarrigkeit nacheifert, hält diese Familie letztlich auf ihre ganz eigene Weise zusammen und karrt die tote Mutter gegen alle Widerstände nach Jefferson.

Und weil Addie Bundren keine Hilfe annehmen mag, weil ihm dann auch niemand dreinzureden wagt, entwickelt sich jene archaische Tragik, auf die William Faulkner sich so glänzend verstand. Die Menschen vermögen nicht wirklich, sich gegen das ihnen erlittene Unrecht zur Wehr zu setzen. Und sollten sie sich einmal nicht selbst zur Hölle werden, greift die Natur ein. Lässt das Wasser soweit anschwellen, dass Brücken unpassierbar werden, reißt der Strom auf einer Furt gleich ein ganzes Gespann mit sich in den Tod. Oder ein Feuer vernichtet eine Scheune. Oder ein widerlicher Apothekerhelfer missbraucht die 17jährige Dewey Dell, indem er ihre Not für eine schnelle Nummer im Keller ausnutzt.

Bei Faulkner stellt sich oft die Frage, warum laufen seine Figuren nicht einfach weg, warum brechen sie nicht aus, um sich eine Chance zu geben? Selbst Jewel, der sich durch einen nächtlichen Nebenverdienst ein Pferd erarbeitet hat, wird es verlieren, weil Addie Bundren ein neues Gespann braucht. Sein Sohn wird halt hergeben müssen, was er liebt. Und doch nicht gehen. Wie Faulkners Menschen so haben werden können, davon erzählt er am Rand. Er kennt seinen Süden, das Leben auf den Farmen, die Familien, die sich beistehen und doch fremd sind.

Es ist das Paradies, aus dem Gott seine Geschöpfe ausgestoßen hat. Das Land liegt vor ihnen und während sie versuchen, es sich zu unterwerfen, unterwirft es sie. Gut vorstellbar, dass die Welt nach einem globalen Zusammenbruch, nach einem allumfassenden, zweiten "Schwarzen Sonntag" an den Börsen sich plötzlich nicht mehr aufs Jammern versteht, sondern im Überlebenskampf wie bei Faulkner verstrickt ist. Die Menschen rücken in ihm zwar enger zusammen, aber wie unter einem Brennspiegel werden alle ihre Schwächen mit einmal zu Wegkreuzungen.

Es wird immer einen Addie Bundren geben, der sich hindurch laviert. Einen Schmarotzer, einen Taugenichts, einen Arbeitsscheuen. Der allein durch sein Leben bereits das Leben seiner Kinder brandmarkt. Gegen Ende des Romans, der mit einer absurd komischen Pointe aufwartet, haben wir das Gefühl, das weitere Schicksal der Familie Bundren zu erahnen. Es werden keine Glücksritter in die Welt hinaustreten, wenn die Kinder es denn überhaupt  schaffen. Der eine wird ein Bein kürzer als das andere haben, die andere womöglich ein uneheliches Kind im erzreligiösen Amerika der 30er aufziehen. Jewels Hang zu Wutausbrüchen werden immer wieder durch den Gedanken an ein verlorenes Pferd neue Nahrung bekommen.

William Faulkner erzählt in diesem glühenden Roman von Menschen, denen sich das Glück und die Liebe verwehren, denen im biblischen Sinne ein Stempel auf die Stirn gedrückt wird. In ihm dürfen sich selbst Tote zu Wort melden. In ihm wird stellenweise die Zeichensetzung zugunsten des Tempos aufgelöst. Die Geschichte jedoch bleibt der Wahrheit verpflichtet. 

Die renommierte Übersetzerin Maria Carlsson begibt sich mit Faulkner auf die Suche nach einer Sprache, die eine irrlichternde Welt für uns einfangen soll. Zwei, die sich kongenial gesucht und gefunden haben, und denen wir wünschen, dass sie weiter beieinander bleiben.

Faulkner zu lesen, heißt, sich selbst zu begegnen. Dem Wahnsinn im alltäglichen Strudel zu verfallen. Warum wir leben? Nicht mal Faulkner behauptete, er wüsste es. Das macht ihn zu jenem Autor, der sich immer und immer wieder zu Wort melden kann, ohne an Kraft zu verlieren.

Deine Meinung zu »Als ich im Sterben lag«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Schreibe den ersten Kommentar zu diesem Buch.