Freitisch

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011, Seiten: 135, Originalsprache
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Freitisch
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Wolfgang Franßen
80

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2011

Zahlen, bitte.

Am Ende dieser vergnüglichen Novelle wartet Uwe Timm mit einem Bubenstreich auf, der hier nicht verraten sei, aber dessen augenzwinkernde Unverfrorenheit dazu führt, dass eine ersehnte Begegnung tatsächlich stattfindet. Mit jenem Arno Schmidt, jenem Überliteraten der Bundesrepublik Deutschland. Jener Schriftsteller, der mit "Zettels Traum" sich aufmachte, in die Sphären eines "Finnegans Wake" einzubrechen. Jener schreibende Mythos, der den Zettelkasten der Realität vorzog und sich in sein Mausoleum nach Bargfrede zurückzog. In ein Haus, in dem er höchstens seine Jünger empfing, aber die meiste Zeit unsichtbar blieb. Allein dem eigenen Werk zugetan. Was für ein Titan. Muss man so jemandem nicht verfallen sein? Ihm wenigstens nicht einmal im Leben die Hand schütteln?

Eigentlich dreht sich die Geschichte um zwei Männer, die sich zufällig in Anklam wiedertreffen- In München nahmen sie gemeinsam mit zwei anderen an einem Freitisch Platz. Jener spendablen Erfindung einer Versicherung, die in die Stipendiaten der Universität investierte und ihnen kostenlos Tag für Tag ein Drei-Gänge-Menü servierte. Das kulinarisch weit über dem Mensaessen lag. Es musste allerdings ein Notfall vorliegen. Eine unerhörte Mieterhöhung, die Auszahlung des Stipendiums verzögerte sich oder eine jener geschickten Ausreden, die schnell gefunden waren. Die Versicherung lud ein. Zukünftige Kunden, zukünftige Besserverdienende, Lebensversicherungsinteressenten, etwaige Hausbesitzer müssen halt gepflegt werden, der Name einer Versicherung ihnen mittels Dessert - würden wir neudeutsch sagen – gebrandet werden.

Dann Jahre später. Wir kennen das. Wir sehen uns wieder, erkennen uns wieder und versichern uns immer wieder, dass wir uns kaum verändert haben. Wir schwelgen in Erinnerungen. Natürlich wird erst die Gegenwart abgeklärt, was aus einem geworden ist, ob einer geschieden oder verheiratet ist. Danach tasten wir uns allmählich zum Eingemachten vor: Was der andere womöglich aus sich gemacht hat. Um uns zufrieden zurückzulehnen und zu denken, na ja, viel besser als ich, hat er es auch nicht hinbekommen.

Der Erzähler ist Lehrer für Geschichte und Deutsch, eher in Anklam gestrandet. Einer Stadt, die die wechselhafte deutsche Geschichte zwischen dreißigjährigem Krieg, Besetzungen von links und rechts und Weltkriegen ins sich trägt. Sie ist nicht gerade sozial ausgewogen im vereinten Deutschland gelandet. Der Erzähler hat harte Jahre in der Fremde hinter sich, wirkt jedoch gesettelter als sein Freund Euler.

Der ist Mathematiker und mit der wunderbaren Aufgabe betraut, eine Mülldeponie zu errichten. Allein wie Timm Eulers Umschwung zum Müllfachmann, zum Optimierer beschreibt, als er als Mathematiker herausfindet, wie man die Route eines Müllwagens am besten berechnet, um die Kosten geringzuhalten, ist es wert, zu dieser gerade mal 135 Seiten langen Novelle zu greifen. Sie zeigt Timms Talent, das Leben in absurde Fügungen zu splitten. Das große Ganze mag da vielleicht erdrücken oder trostlos wirken, wenn es um die entscheidenden Fragen des Lebens geht, besitzt es seinen eigenen Witz.

Die Zeiten haben sich seit damals geändert. Die Freiheit wird nicht mehr vom Vietcong verteidigt, Damenbesuche nach Zehn führen nicht mehr automatisch dazu, dass einem das Zimmer gekündigt wird. Und auch nicht dazu, dass die Entehrte auf der Straße die Frage nach der Verlobung stellt. Haben sich die beiden Freunde aus München, die sich nun in Anklam über den Weg laufen, geändert? Wollen wir nicht immer hören, dass wir noch die Alten sind und nur unsere schlechten Eigenschaften abgelegt haben? Timm lässt seinen Helden das nicht durchgehen. Sie sind längst in ihrem Mausoleum angekommen. Allerdings ohne eigene Jünger.

Und so ist "Freitisch" pure Nostalgie. So diskussionsfreudig wie die vier Mitglieder beim kostenlosen Mittagessen werden sie nie wieder sein. Eine falsch übersetzte Zeile in "Außer Atem" von Goddard, in der es nicht heißt: "Du bist wirklich zum Kotzen.", sondern: "Es ist wirklich zum Kotzen", verwandelte damals schlagartig einen zuvor vergötterten Film in ziemlichen Kitsch. Was Sprache bewirkt, nicht nur wegen des Zerhackers Arno Schmidt, wie Literatur einen durchs Leben begleitet, auch davon erzählt diese privatwirtschaftlich finanzierte Absicherung studentischer Unbekümmertheit.

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