Schmidts Einsicht

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 2012, Titel: 'Schmidt steps back', Seiten: 384, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011, Seiten: 414, Übersetzt: Christa Krüger

Couch-Wertung:

76
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Wolfgang Franßen
Außerhalb der Schutzzone

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2011

Was wünscht ein Mann sich im hohen Alter von 78 Jahren, der alles gehabt hat: Erfolg, Liebe, Niederlagen, Geld und der doch nicht zur Ruhe kommt, weil ihn seine Libido weiter antreibt. Louis Begley ist seit langem zum Romancier geworden. Seine Geschichten strömen dahin, als würde er sie einem bei einem Abendessen gerade erzählen. In Albert Schmidt hat der Autor sein Alter Ego gefunden, das rein gar nichts mit der Verfilmung "About Schmidt" und dem alerten Jack Nickolson zu tun hat. Albert Schmidt besitzt bei Begley nur einen Hauch jener verfilmten Skurrilität. Er ist ein übriggebliebener Rentner, der sich nicht einzureihen versteht, der im Grunde seines Herzens nichts mit sich anzufangen weiß und deswegen nach erotischen Abenteuern Ausschau hält.

Schmidt ist als wohlhabender Spießer um tiefere Einsichten ins Leben bemüht. Seine Herausforderungen findet er zumeist bei jüngeren Geliebten, denen er sich andient.  Begleys Held fordert etwas vom Leben. Er ist durch jahrzehntelanges Berufsleben als Anwalt verwöhnt. Die späten Frauen in seinem Leben liegen ihm allerdings nur scheinbar zu Füßen. Sie verfolgen ihre eigenen Ziele, während er glaubt, die Dinge in seine Richtung zu bewegen.

Warum also nicht daran glauben, dass die große Liebe Alice seinen Heiratsantrag annimmt. Obwohl er schon 78 ist. Für solche Männer gibt es keine Grenzen. Sie nehmen sich, was sie wollen. Sie halten ihre Sicht auf die Welt für richtig. Ihr Charme öffnet den Damen die Türen, führt sie zum Essen aus und hilft ihnen in den Mantel. Er langweilt sie beim Essen nicht mit Small Talk und selbst auf die Nächte mit ihnen verstehen er sich so gut, dass sie ihn gerne noch einmal aufsuchen. Geld ist eh in Fülle da, so dass eine Entfernung New York-Paris sich ohne weiteres als Fernbeziehung leben lässt. Es kommt nur darauf an, den Terminkalender so zu gestalten, dass es für beide passt und man nicht ungelegen kommt.

Doch trotz der über 400 Seiten in Begleys neuem Roman "Schmidts Einsicht" geschieht nicht mehr viel in seinem Leben, was der Autor uns nicht längst schon erzählt hat. Ein großer Teil des Anfangs dreht sich um Alice Lebensgeschichte und ihrer Ernüchterung, mit einem Mann verheiratet gewesen zu sein, den es zu anderen Männern hinzog. Begley entreißt ihr das familiäre Geheimnis um einen gemeinsamen Freund, der an AIDS gestorben ist, so wie man sich die Trauergeschichte der Nachbarin aneignet. Scheinbar mit Mitgefühl, doch nicht ohne Hintergedanken. Schmidt ist im Alter zum Zuschauen verdammt, gerade dann, wenn er mit Verve Änderungen in seinem Leben herbeizuführen wünscht.

Ein Leben so blass und grau wie das Leben eines Anwalts halt ist, der in erster Linie die Anliegen seiner Klienten betreut. Obwohl er zum Direktor einer Stiftung aufgestiegen ist, bleibt er ein Dienstleister.  Besaß der erste Roman "Schmidt" - der bis lang zu einer Trilogie angewachsenen Alterstragödie - noch den Charme der Orientierungslosigkeit, in der der Verlust der Ehefrau und die frühe Pensionierung durch einen Amour fou aufgewogen wurde, drehte sich der zweite Teil "Schmidts Bewährung" um familiäre Eskapaden, ist nun in "Schmidts Einsicht" vor allem der Stillstand in der Flucht vor sich selbst beschrieben. Mag da auch geschehen was will, Begley beschreibt in erster Linie einen Mann, der sich dauernd beweisen muss, dass er noch lebt. Wie immer das auch aussehen mag. Eine Frau an der Seite allein kann es wohl nicht sein.

Es sind Variationen des Altbekannten bei Begley. Und ob nun Schmidts verflossne Carrie  oder seine Tochter fast zeitgleich ein Kind bekommen, einmal mehr der Familienzwist mit dem Schwiegersohn hoch gekocht wird, wir kennen das schon aus den früheren Romanen. Es fehlt das überraschende Moment, das nicht kompositorisch nahe liegt. Schmidts Alltag besteht aus Verabredungen zum Essen, Gesprächen über Abwesende und Liebespläne, die dem hochbetagten Alter trotzen sollen. 

Wer die Welt Albert Schmidts erst mit diesem Roman betritt, mag von "Schmidts Einsicht" betört werden. Als Leser seiner beiden Vorgänger drängt sich der Eindruck auf, einen Aufguss vorgesetzt zu bekommen. Was womöglich Louis Begleys Konzept sein mag: Einen alten Mann zu zeigen, der nichts anderes kann, als das so zu sein, wie er immer schon war. 

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