Ein altes Haus am Hudson River

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: D. Appleton, 1929, Titel: 'Hudson river bracketed', Seiten: 559, Originalsprache
  • Zürich: Manesse, 2011, Seiten: 612, Übersetzt: Andrea Ott

Couch-Wertung:

89

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:86
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":1,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Christine Ammann
Glückssuche in New York

Buch-Rezension von Christine Ammann Dez 2011

Edith Wharton war eine Frau mit vielen Facetten. Als erste Frau überhaupt erhält die amerikanische Autorin 1921 den renommierten Pulitzerpreis. Einen Großteil ihres Lebens verbringt sie in Paris, sozusagen Tür an Tür mit Gertrude Stein, F. Scott Fitzgerald oder Ernest Hemingway kürzlich in Woody Allens ´Midnight in Paris´ zu erleben. Aber sie hält Distanz zum Pariser Kreis der amerikanischen Avantgarde. Als sie 1937 stirbt, gilt sie als Grande Dame der amerikanischen Literatur, doch schon bald gerät ihre Literatur in Vergessenheit. Zu konservativ lautet das Urteil.

Es bedurfte wohl erst Neuverfilmungen wie Zeit der Unschuld von Martin Scorsese 1993 und gesellschaftlichen Entwicklungen wie "Neuer Bürgerlichkeit" und "Cocooning", um ihre kluge, heiter-kunstvolle Literatur in neuem Licht erscheinen zu lassen.

Die deutsche Erstveröffentlichung von Hudson River Bracketed im Manesse Verlag bietet nun eine wunderbare Gelegenheit, die Autorin Edith Wharton in all ihren Facetten neu zu entdecken.

Die Story

Auf der Suche nach seinem persönlichen Glück zieht es den jungen, etwas tölpelhaften Vance Weston aus der amerikanischen Provinz ins New York der Roaring Twenties. Dort will er seinen Schriftstellertraum vom Guten,Wahren und Schönen leben.

Seine Lehrjahre führen ihn zunächst in ein altes, leerstehendes Haus am Hudson River, im historisierenden Stil der untergegangenen Aristokratie erbaut. Hier begegnet Vance dem Geist der einstigen literaturliebenden Besitzerin des Hauses und spürt erstmals die Schönheit der Beständigkeit angesichts einer Welt, die ´tagtäglich eingerissen und neu aufgebaut´ wird.

Und er begegnet Halo Spear, einer Wahlverwandten im Geiste, die ihn, wie Vergil in Dantes Göttlicher Komödie, an die Hand nimmt und ins Reich der Kunst und Literatur einführt. Doch das Schicksal hält für die beiden eine schwere Prüfung bereit. Unversehens finden sie sich an andere Partner gebunden.

Mit leisem Humor entfaltet Edith Wharton eine spannende und bewegende Geschichte, in der sich die Lebenswege der beiden Paare immer wieder kreuzen und Vance versucht, sich im New Yorker Literaturbetrieb zu behaupten.

Die Modernität

Dass Ein altes Haus am Hudson River, 1929 erschienen, so überraschend modern wirkt, verdankt es nicht nur dem klaren, präzisen Stil der Autorin, den Andrea Ott wunderbar ins Deutsche übertragen hat. Als kluge Beobachterin gesellschaftlicher Normen und Regeln führt Edith Wharton dem Leser auch überaus plastisch die bis heute gültige ´Religion des Geschäftslebens´ vor Augen. ´Das Wichtigste im Leben war der Fortschritt und das Oben-Ankommen, und oben hieß immer und ausschließlich: wo Geld war.

Auch das Geschäft mit der Literatur, in dem Vance Weston unbeirrt von materieller Not und gesellschaftlichen Forderungen Fuß fassen will, scheint nicht so anders zu sein als heute. Knebelverträge, zweifelhafte Literaturpreisvergaben, moderne Bohème und gebildete Elite sind die Realitäten, an denen er sich abarbeiten muss. Von den Publikumserwartungen ganz zu schweigen.

Zeitlose Charakterstudien

Unvergleichlich aktuell wirkt der Roman auch, weil Edith Wharton weniger an realistischen Schilderungen interessiert ist, sondern in erster Linie an der Darstellung der ´menschlichen Komödie und Tragödie´. Sie versteht es, ihren Figuren eindringliche, lebendige Konturen zu verleihen. Beeindruckend, was sie dem heutigen Leser über die emotionale Intelligenz ihrer Charaktere, etwa die Bedeutung von ´feinfühliger Teilnahme´ und ´aufmerksamem Verstehen´ zu sagen hat.

Malerische Schilderungen 

Überaus lesenswert macht den Roman zudem Whartons betörend bildhafter Stil. So scheint Halo Spear einem impressionistischen Gemälde entsprungen: ´In seiner Erinnerung wurde sie wieder zu einem dunkelhaarigen Mädchen mit nachdenklichen Augen und lebhaften Lippen, das sich zurücklehnte, den Hut beiseitewarf, die nackten Arme hinter dem Kopf verschränkte und ihm mit freundlichen Fragen zusetzte´.

Und wenn Vance ganz im kreativen Flow aufgeht, entsteht vor dem inneren Auge des Lesers ein Gesamtkunstwerk aus Meeresrauschen, Beethovens Schicksalssymphonie und romantischem Naturerleben: ´Die sprachlosen Tiefen erwachten beim Aufbranden dieser Töne, so wie damals beim Aufbrausen des Meeres oder bei dem leidenschaftlichen Gemurmel, das Liebende einander in die beglückten Herzen wispern ... Wieder schloss er die Augen, und die vielgestaltigen Fluten schlugen über ihm zusammen.´

Ein altes Haus am Hudson River ist ein kluger, kunstvoller und mit leisem Humor erzählter Roman. Genau das richtige Buch also, um es sich an kalten Winterabenden auf dem Sofa oder im Sessel vorm Kamin gemütlich zu machen und die überraschend moderne Welt der Edith Wharton neu zu entdecken. 

Ein altes Haus am Hudson River

Ein altes Haus am Hudson River

Deine Meinung zu »Ein altes Haus am Hudson River«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
23.01.2015 18:13:25
cl.borries

Edith Wharton hat mit ihrem 1929 erstmals erschienenen Roman ein Künstlerleben erfasst. Es geht um Kunst, Kunstkritik und Dichtung im weitesten Sinn. Wie es in einem Nachwort von Rüdiger Görner heißt, waren sich Künstler in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in New York uneins, ob und wie man mit den zivilisatorischen Veränderungen fertig werden könnte. In der Figur des Vance Weston versinnbildlicht die Autorin den Kontrast zwischen friedlicher Idylle auf dem Land und der schnellen und rasanten Entwicklung in der Stadt der Künste par excellence: New York.

Was soll man tun, wenn man aus einfachen Verhältnissen stammt aber leidenschaftlich für Literatur und Malerei schwärmt?
Nach einer schweren Erkrankung wird Vance Weston zur Erholung aufs Land zu entfernten Verwandten geschickt. Hier lernt er Héloise Spear kennen! Auch sie ist sehr entfernt verwandt mit ihm. Sie ist belesen und gebildet und merkt schon bald, dass Vance begabt und der Dichtung zugewandt ist.
Beide erleben einen wunderschönen Sonnenaufgang mit einander, denn Halo, wie sie genannt wird, ist ebenso schnell zu begeistern wie Vance.
Die Familienverhältnisse aller Parteien sind etwas schwierig zuzuordnen. Halo ist verlobt mit Lewis Tarrant, einem ichbezogenen Intellektuellen, der seine Ideen nicht, wie sie erhofft hatte, mit ihr teilt. In New York betreibt er eine kultivierte Zeitschrift, und durch allerlei Verbindungen stellt sich Vance Weston eines Tages als Redakteur bei ihm vor.
"The Willows" ist das alte Landhaus am Hudson River,in dem sich Vance und inzwischen Tarrants Ehefrau Halo mehrmals zum Austausch über Bücher einfinden. Hierarchien nach Herkommen und Bildung lassen jedoch ahnen, wie schwer es war, die Leiter nach oben zu erklimmen. Vance Weston scheint es zu gelingen! Er heiratet die entfernte Cousine Laura Lou und freut sich auf ein auskömmliches Leben als Dichter in New York. Doch entwickelt sich nicht alles so günstig, wie er erhofft hat. Seine einfältige aber hübsche Frau Laura Lou bleibt weit hinter seinen Lebensambitionen zurück. Dem jungen Dichter macht die Geldnot arg zu schaffen, denn so schnell geht es mit dem Ruhm nicht voran. Er ist zudem hin und her gerissen in seiner Verehrung für Halo, mit der er in geistigem Gleichklang verkehrt, während ihn die öde Langeweile mit seiner tatenlosen und kränkelnden Frau nervt.

In epischer Breite und mit zahlreichen eindringlichen Details entwickelt die Autorin Edith Wharton die Charaktere ihrer Figuren. Mit ausgedehnten Landschaftsbeschreibungen, im Schwelgen der Natur und anlässlich freundschaftlicher Begegnungen und Gespräche breitet sich das Bild einer illustren und besonderen Gesellschaft vor uns aus.

Kunstvoll und akribisch gestaltet Edith Wharton ihren Entwicklungsroman. Die New Yorker Künstlergesellschaft zeigt den Reichtum, den Ruhm und die Armut in allen Bereichen. Jeder einzelne Charakter zeigt Qualität, Kraft und Originalität.
Dürftige Unterkünfte oder prächtige Wohnräume beleben die Szenen, und gelegentliche Intrigen zeigen die Menschen, wie sie mit allen Facetten nun einmal sind: eifrig, freundlich, missgünstig, liebend, enttäuschend und immer auf der Suche nach dem wahren Glück und dem richtigen Weg. Ein gekonntes und wunderbar den Zeitgeist spiegelndes Meisterwerk liegt mit diesem Roman von Edith Wharton auf Deutsch zum ersten Mal vor.
Sehr lesenswert!