Rücken an Rücken

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 10, Übersetzt: Julia Franck

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Britta Höhne
Klagen zwischen Klinikdienst

Buch-Rezension von Britta Höhne Dez 2011

Was ist die Geschichte? Eine Tragödie? Oder nur ein Einzelschicksal, geschehen in den Wirren des Mauerbaus 1961? Sicher beides, weil die deutsch-deutsche-Grenze mehr zu Tage förderte, als nur den Freitod einzelner. Julia Franck hat einen ganz eigenen Blick auf das Deutschland der 50er und 60er Jahre geworfen. Mit ihrem neuen Roman "Rücken an Rücken" gelingt ihr ein Gesellschaftsbild, das grauenvoller und widerwärtiger kaum sein könnte. Wären da nicht ein wenig Liebe und das Geschwisterpaar Ella und Thomas. 

Es gibt viele Bücher über den Bau der Mauer. Über das Entstehen der DDR. Über "Ulbrichts Affenhaus". Aber wenige gute Romane zum Thema. Solche etwa, die aus Sicht Heranwachsender berichten. Die die erste Liebe einbinden und sich entlang hangeln, an der fehlenden Liebe der Mutter und des nicht-vorhanden-Sein des Vaters.

Thomas, geboren 1944, und seine ein Jahr ältere Schwester Ella wachsen bei der Mutter auf. Käthe, verlassene Bildhauerin und überzeugte Kommunistin, interessiert sich nicht für ihre Kinder. Ihr Desinteresse geht so weit, dass die nach Ella und Thomas geborenen Zwillinge im Heim versorgt werden, wenn Käthe in den Steinbruch nach Leuna fährt. Thomas, Käthes "Goldkind", klug, unbeirrbar und voller Zweifel hadert mit dem Leben in der aufstrebenden DDR. Fluchtgedanken hegt er keine, weil er fürchtet, einen Grenzwächter zum Mörder machen zu müssen. Ella lebt das Leben. Liebt es aber nicht. Missbraucht wird sie: Erst vom Freund der Mutter, dann vom Untermieter und von wem wer weiß noch. Sie flüchtet sich in eine Form des Wahnsinns. Wird krank, verzweifelt, schafft die Schule nicht und zieht sich am Ende zurück.

Julia Francks neuestes Buch macht verrückt. Der Roman schmerzt beim Lesen körperlich. Franck lässt kein Detail aus, verzichtet aber – gerade bei den Vergewaltigungsszenen – auf Beschreibungen. Der Leser kann nur ahnen – und eben dieses ahnen schmerzt. Franck deutet an. Verwischt. Vermischt: Das traurige Leben der Kinder mit dem der Mutter. Mit ihren eigenen idealistischen Vorstellungen des Lebens im Kommunismus.

Käthe ist Künstlerin. Sie hat Geschwister in den Vereinigten Staaten und in London. Ihr Leben scheint mit dem Bau der Mauer nicht vorbei. Aber das von Ella und Thomas. Thomas verzweifelt. Schießt auf ein Portrait des SED-Chefs Walter Ulbricht. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", verkündet er und beginnt Hauseingänge, die Ost und West voneinander trennen, von jungen Männern zumauern zu lassen. Thomas beginnt im Steinbruch zu arbeiten. Geht dort kläglich unter. Er ist intelligent, nicht kräftig, scheut die Dunkelheit unter Tage, scheut die dunklen Stollen, in denen er Sprengstoff anbringen soll. Ella indes beendet ihr Leben, bevor es beginnt. Sie scheint verbraucht und ist letztendlich doch diejenige, die, obwohl die Situation der aufstrebenden DDR anders einschätzend als ihr Bruder, am besten mit der Situation umzugehen weiß.

Julia Franck hat ein schnörkelloses Buch geschrieben. Ihre Sprache ist durchgängig sachlich. Die Figuren bleiben ihrer selbst immer treu. Franck scheut sich nicht zu kritisieren, tarnt Kritik und Gefühle zuweilen in Gedichten, die sie Thomas in den Mund legt. Eine kluge Form hat die 1970 geborene Schriftstellerin somit gewählt. Sie bringt Lyrik im Roman unter und lässt den Leser erst am Ende des Buches wissen, dass all die Zeilen aus dem Nachlass von Gottlieb Friedrich Franck (1944-1962) stammen. Und da liegt der Knackpunkt: Thomas scheint zu jung für all das Wissen, zu unreif und unerfahren für die Gedanken, die er durch die gedichteten Zeilen mitteilt. Der Qualität des Buches allerdings, schadet es in keiner Weise. 

Der Roman schildert das Unfassbare scheinbar am Rande. Inmitten wilder Jugendgedanken kehrt Realität ein. Die Jugendlichen reflektieren was geschieht. Erleben, dass Menschen käuflich werden und für gewünschte Spitzeldienste mit gewünschten Studienplätzen bedacht werden. Er zeigt die Blindheit derer auf, die nicht glauben wollen, vielleicht keine Fantasie haben oder einfach nicht hinsehen. Thomas sieht hin - zeigt auf -  und scheitert kläglich.

Die Geschichte schmerzt. Auch dann, wenn die DDR für viele nur ein Konstrukt der Schulgeschichtsbücher bleiben wird. Eine realistische Schilderung ist das Ziel Julia Francks nicht. Aber darum geht es nicht. "Rücken an Rücken" kann sowohl Fiktion als auch Realität sein. Was sie ist: Ein großartiger Roman. Sachlich verfasst – mit unglaublich viel Gefühl. In jede Richtung...

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Letzte Kommentare:
31.07.2015 10:49:00
Kathrin Becker

Was mich auf den ersten Seiten schon irritiert hat ,die Spracher zweier Kinder im Alter von 10 und 11 und Ihr Erwachsensein imHoffen, dafür die ersehnte
Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen.
Erschütternd die Gefühlskälte und Bindungslosigkeit der Mutter ....kaum auszuhalten ,diese Eindimensionale Perspektive auf sie. Das Buch bleibt für mich auf dem Erlebnis -und Gefühlslebens der Kinder hängen,die wiederum einen zu erwachsenenUmgang damit pflegen....ich hab nach dem 1. Drittel nicht mehr weiterlesen wollen....Ich bin, ebenso wie die Autorin in der DDR geboren,1972. Mein Interesse an der Geschichte der Elterngeneration und meine persöhnlichen Erfahrungen spielen wahrscheinlich in meine Kritik hinein.