Der gute Psychologe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Henry Holt, 2010, Titel: 'The good psychologist', Seiten: 238, Originalsprache
  • Berlin: DAV, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Matthias Brandt

Couch-Wertung:

97
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Kathrin Plett
Wenn das wahre Leben die Theorie aushebelt

Buch-Rezension von Kathrin Plett Dez 2011

Angst. Gibt es etwas, was mächtiger ist als Angst? Etwas, dass die Stärke und den Mut hervorruft, sich gegen sie zu wehren und den Kampf gegen ein scheinbar übermächtiges und unüberwindbares Gefühl aufzunehmen? Ja! Noam Shpancer, selbst Professor für klinische Psychologie und Psychotherapeut zeigt, dass Hoffnung, Zuversicht und Liebe ermöglichen, was vielen in Krisensituationen unmöglich scheint. Sein Roman gibt Einblicke in die menschliche Seele und zeigt, egal wie individuell und kompliziert der  Lebensweg eines Menschen auf den ersten Blick auch scheinen mag: Wenn man sich unabhängig macht von dem, was von der Gesellschaft erwartet wird,  ist es gar nicht so schwer, den eigenen Weg zu finden und für seine eigenen Ideale und Werte zu kämpfen. 

Noam Shpancers Roman ist eine raffiniert konzipierte Erzählung, in deren Mittelpunkt die Psychologie steht. Der "gute Psychologe", der Protagonist der Handlung, ist morgens als Psychotherapeut auf dem Spezialgebiet der Angst tätig und gibt abends Vorlesungen an der Universität und versucht, Studenten in die Geheimnisse der Psychologie und der Psychotherapie einzuführen. So einfach die Theorie in den Vorlesungen scheint, so schwierig entpuppt sie sich im realen Leben, wie der Psychologe am eigenen Beispiel erfahren muss. Shpancer schreibt seinen Roman aus der Perspektive des Psychologen und ermöglicht dem Leser auf diese Weise, die Gedanken und Gefühle des Protagonisten zu verfolgen und Gedankengänge nachzuvollziehen und das komplexe menschliche Verhalten besser zu verstehen. Scheint der Psychologe in den Sitzungen mit seinen Klienten und als Dozent unerschütterlich und vollkommen selbstsicher, wird dem Leser deutlich, dass hinter der Fassade eine Person steckt, die, auch wenn es nach außen anders scheint, genauso mit menschlichen Problemen wie unerwiderter, asymmetrischer Liebe, Selbstzweifeln und der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt ist wie die meisten anderen Menschen auch. Besonders deutlich wird die Empfindlichkeit der Seele in den Gesprächen des Psychologen mit seinen Klienten und Studenten, die zeigen, dass es oft gar  nicht so einfach ist, die Probleme und Krisen nüchtern zu analysieren, ohne selbst von den Geheimnissen und Krisen berührt zu werden. Während der Behandlung einer neuen Patientin, einer Stripperin, die nicht mehr in der Lage ist, ihren Beruf auszuführen, stößt der Psychologe an die Grenzen seiner beruflichen und persönlichen Identität. Auch die Kontakte zu seinen Studenten machen deutlich, wie Wünsche und Ziele in der Lage sind, Berge zu versetzen und Zuversicht neuen Lebensmut und Kampfgeist zu geben.

Shpancer ist eine Story gelungen, die den Leser sowohl Einblicke in die Geheimnisse der Psychologie ermöglicht, ohne dabei zu überfordern oder trocken zu werden. Ganz im Gegenteil: Durch die Perspektive, die der Leser einnimmt, indem er in die Position des Psychologen versetzt wird, wird man förmlich in die Handlung hineingesogen und mitgerissen. Durch die ständigen Handlungswechsel - Shpancer beschreibt in seinem Roman die psychotherapeutische Arbeit des Psychologen, seine Dozententätigkeit und sein privates Leben -  bekommt die Geschichte eine eigene Spannung. Man ist als Leser nicht nur am Schicksal der Patientin interessiert, sondern auch gespannt, wie sich die persönliche Situation des Protagonisten und die seiner Studenten entwickeln wird. Da der Autor ein besonderes Talent dafür aufweist, die Gedanken und Gefühle seiner Figuren zu beschreiben, bekommt der Roman eine eigene Tiefe, die dem Leser auch Fragen an sein eigenes Leben stellen lässt, ihn mit Inhalten konfrontiert, für die es nicht immer leicht ist, die richtige Lösung zu finden, für die es vielleicht auch gar nicht "die" richtige Lösung, sondern nur die eigene Lösung gibt.

"Der gute Psychologe" von Noam Shpancer, ist ein Roman, der berührt, nachdenklich macht und zeigt, dass Achtsamkeit im Umgang mit sich und seinen Mitmenschen und Mut, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu leben nicht immer einfach zu verwirklichen sind, es sich aber lohnt, für seinen eigenen Weg zu kämpfen und eine eigene Sicht der Dinge zu entwickeln!

Der gute Psychologe

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