Karte und Gebiet

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Paris: Flammarion, 2010, Titel: 'La carte et le territoire', Seiten: 428, Originalsprache
  • Köln: DuMont, 2011, Seiten: 416, Übersetzt: Uli Wittmann

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Wolfgang Franßen
L'agent provocateur

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Apr 2011

Was, wenn ein Skandalautor mit seinem neuen Roman, keinen Skandal abliefert? Wenn seine Kritiker, wie seine Leser einen von ihm erwarten? Was, wenn er ihn so fein gestrickt hat, dass wir ihn überlesen? Das Lob, das Houellebecq in Frankreich trotz "Prix Concourt" entgegen schlug, klang verhalten, etwas enttäuscht, als sei man nicht bereit, ihn in den Eisschrank des Modernen Klassikers einzusperren. Mit Karte und Gebiet erfüllt der Autor stilistisch die hochgesteckten Erwartungen, die ihn zum führenden Literaten Frankreichs küren. Ein Künstlerroman. Wo ist der Sex, die Provokation, die messerscharfe Analyse? Wo sind die Abgründe, das Ausschweifen von Konsum und Kleinbürgertum?

Stattdessen wird ein Mann zum Künstler, der sich nie als solcher gesehen hat, der durch Zufall mit seiner Vorliebe zu Karten und ihrer kunstvollen Gegenüberstellung mit Satellitenbildern den Nerv der Zeit trifft. Sogleich saugt ihn der Kunstmarkt auf. Es greifen Markstrategien, Positionierung und die Gier von Kunsthändlern, wie Käufern nach dem Neuen. Augenzwinkernd, sich über der kostenlose Werbung  freuend, steht ausgerechnet Michelin Pate bei der Geburt eines neuen Genies und bedient sich seiner Fähigkeiten.

Seit Jahren betreibt Michel Houellebecq das literarische Vexierspiel mit sich selbst. Allerdings ist er noch nie soweit gegangen, sich als Autor umzubringen. In Karten und Gebiet trifft das erfundene Ich des Künstlers Jed Martin auf das Alter Ego des Autors Houellebecqs  und ist zugleich vom ihm fasziniert, wie gelangweilt.

Jed Martins Welt erschließt der Zufall. Er beschreitet die Wege darin nur solange, wie sie ihn ablenken. Egal ob in Elementarteilchen, Niemand ist eine Insel oder einem seiner anderen Romane, Houellebecqs Helden stehen vor sich wie vor einem Rätsel. Es treibt sie weniger die Neugier als die Verwunderung um. Diesmal überdies die Frage: Wo ist die Substanz der Kunst? Was bleibt übrig, wenn alles Leben kartografiert, fotografiert, durchdacht ist?

Jed Martin fällt in dieses Gedankengespinst eher hinein, als dass er sich ihm unweigerlich stellen will. Er läuft mit, er fließt mit, und wenn er es nicht mehr aushält, schließt er sich ein. Als ihn seine Portraits von erfolgreichen Menschen zum Durchbruch verhelfen, ist er längst dabei, seinen Abgang zu betreiben. Selbst in der Liebe zu seiner Förderin Olga bewahrt er Abstand. Er entsagt ihr, als sie nach Russland geht und ihn auffordert, sie zu begleiten. Trotz allem Überfluss leiden Michel Houellebecqs Figuren an der Melancholie. Sie wollen sich nicht aufs Spiel setzen, sie drehen die Flamme mal auf, mal ab, die ihre Gemüter erhitzt. Je nach Bedarf.

Es wird ein Mord geschehen. Wir werden uns zwischendurch fragen, ob Jed Martin der Täter ist. Oder war der Mord vielleicht ein geschickt inszenierter Selbstmord? Als letztes Farewell an eine Welt, die den ständigen Event sucht?

Wenn der Künstler gegen Ende Jean Jacques Rousseaus Devise "Zurück zur Natur" folgt und sich selbst aus der Welt sperrt, um sich der Naturbetrachtung hinzugeben, interessiert ihn vor allem der Verfall. Die Menschheit wird verrotten, egal, was sie auch geschaffen hat. Wir können noch so viele Karten von der Welt, der Natur anlegen, noch so viele Bücher lesen und schreiben. Keiner interessiert sich dafür. Außer wir selbst. Und wenn wir nicht mehr da sind, wer dann?

Michel Houellebecq ist das Kunststück gelungen, von der Angst vor dem Vergessen werden zu erzählen, ohne das Sterben zu erwähnen. Karte und Gebiet ist die Geschichte des misslungenen Festhaltens an einer Welt, die sich dem Wandel als Maxime verschreibt, um sich den Verfall schön zu schminken.

Was für ein Skandal.

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