Das Orchideenhaus

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Simone Kabst
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 544, Übersetzt: Sonja Hauser

Couch-Wertung:

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Britta Höhne
Weiniger ist zumeist mehr. Auch in der Literatur.

Buch-Rezension von Britta Höhne Dez 2011

Als junges Mädchen verbrachte Julia Forrester jede freie Minute bei ihrem Großvater, einem bekannten Orchideenzüchter, im Gewächshaus von Wharton Park. Nach einem schweren Schicksalsschlag führt der Zufall Julia Jahre später noch einmal zu dem Anwesen zurück. Der jetzige Besitzer Kit Crawford überreicht ihr ein altes Tagebuch, das bei den Renovierungsarbeiten gefunden wurde und womöglich Julias Großvater gehörte. Als Julia ihre Großmutter Elsie mit dem Tagebuch konfrontiert, drängt ein jahrelang gehütetes Familiengeheimnis ans Licht, das auch Julias Leben komplett verändern wird …

Blumen verbinden offensichtlich. Selbst dann, wenn es sich um Schmarotzer wie farbenprächtige Orchideen handelt. Orchideen, überwiegend im südamerikanischen und asiatischen Raum beheimatet, haben es schwer im oft kalten und nassen England. Nicht aber im Gewächshaus des herrschaftlichen Anwesens von Wharton Park. Dort allerdings spielt nur ein Teil der recht opulenten  Geschichte, die die irische Autorin Lucinda Riley unter dem Romantitel Das Orchideenhaus veröffentlicht hat. 

Der Roman beginnt mit einer Geschichte in der Geschichte. Mit der über eine schwarze Orchidee - die es nicht gibt. Das Märchen ist schön, sinnlich, klingt nach 1001 Nacht, ist mit dem Titel Siam, vor vielen Monden überschrieben - und endet letztlich nur in Norfolk, England. Dort ist die junge Konzertpianistin Julia Forrester unter gekommen, nachdem ein schwerer Schicksalsschlag sie aus ihrer Wahlheimat Frankreich vertrieben hat. In einem kleinen Cottage versucht sie, zu sich selbst zu finden. Was ihr gelingt, nach exakt 539 - zum Großteil - interessant zu lesenden Seiten

Während Julia Forrester um Mann und Kind trauert, die bei einem Autounfall (scheinbar) ums Leben gekommen sind, lernt sie Kit kennen. Kit Crawford, Erbe des ansehnlichen Familiensitzes. Er überreicht Julia ein erst jüngst aufgetauchtes Tagebuch. Eines, das ihrem Großvater gehörte, der über viele Jahre Gärtner im Herrenhaus von Wharton Park war. Julia geht mit den neu erworbenen Aufzeichnungen zu ihrer Großmutter Elsie und wird in ein Familiengeheimnis eingeweiht, wie es aufregender und verwirrender kaum sein könnte.

Lucinda Riley schont ihre Leser nicht. Die Protagonisten stolpern von einem Schicksalsschlag in den nächsten. Kaum ist eine Geschichte ausgestanden, geht es mit der nächsten im rasanten Tempo weiter. Die irische Autorin nutzt dabei geschickt das Spiel der zwei Zeitfenster. Nicht nur, dass sie unterschiedliche Zeiten nutzt, nein, zuweilen liegen viele Tausend Kilometer zwischen den Spielorten: Norfolk und Bangkok. Dort nämlich erfährt Julia die eigentliche Geschichte ihres Daseins. Erfährt, dass sich ihr Großvater nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in eine junge Thailänderin verliebt hat. Die Geburt des Kindes, seines Kindes, hat er nicht mehr erlebt, weil er längst wieder in England war, um das Herrenhaus vor dem Verfall zu retten. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, der leider all zu oft vorhersehbar ist.

Lucinda Riley reiht sich ein in die Liste derer von Charlotte Link und Kate Morton. Sie ist eine mehr von den Schreiberinnen, die die Melancholie und das Drama der Welt in sich zu tragen scheinen. Dabei hat Riley – was ihr bei der Länge des Buches anzurechnen ist – eine Sprache gewählt, die verständlich ist, lesbar, sich nicht im Satz-Wirrwarr verliert, wie sich die Geschichte selbst zuweilen verliert. Auch regt die Theater- und Fernsehschauspielerin an, wieder Klassiker in die Hand zu nehmen, die ihr offensichtlich auch als Vorbilder dienten: Jane Austen etwa oder die Bronte-Schwestern.

Das Umfeld des Geschehens könnte ebenfalls einer Austen-Passage entspringen: Klassisch, leicht kitschig, stets britisch, selbst dann, wenn Szenen in Thailand beschrieben werden. Aber es geht immer wieder zurück nach England, mit seiner tragend schweren Stimmung und den oft melancholischen Menschen. Melancholie ist nichts Schlechtes, nur zuweilen stellt sich die Frage, wie viel Schicksal einer Romanfigur zugemutet werden kann, damit sie nicht unglaubwürdig wirkt? Riley hat manchmal zu dick aufgetragen. Besonders Julias wirklicher Großmutter Lidia hat sie eine schwere Last auf die schmalen thailändischen Schultern gelegt.

Doch am Ende, wie sollte es auch anders sein, wird alles gut. Das Geheimnis ist gelüftet, das Familienschloss gesichert und die kleine, alte Dame aus Thailand schließt ihren Frieden mit der Grausamkeit des Lebens.

Ein Schmöker. Einer, der Geschichte beinhaltet, Reiseberichte, Pflanzenkunde, schön erzählt ist und die Gedanken abschweifen lässt. Nur, ganz ehrlich: Manchmal ist weniger mehr. Auch in der Literatur. Da hallen gerade die kurzen, knackigen Passagen nach, die es bei Riley unweigerlich gibt. Nur sind sie verpackt in die Endlosschleife der Familiensaga. 

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Letzte Kommentare:
21.01.2017 19:35:20
kritikaster

du meine güte!!!
hedwig courts-mahler ist gegen diese altertümliche schnulze ja geradezu modernistisch!
ich las zuvor: die sieben schwestern, die gefielen mir ganz gut. aber dieses buch.....
wer ging den 1940 noch mit korsett zu einem ball! und hockte daheim, bis einer kam, der sie freite..
und welcher junge mann, verschmäht wochenlang eine hübsche junge frau, wenn er nicht schwul ist.
plötzliche bekehrung zum hetero, ja sowas...
wo hat riley denn diesen altbackenen schmarrn her.
und die zwei erzählstränge, die der rezensent so lobt, sind zwar gerade große mode, dienen aber eigentlich meist nur dazu, den leser zu verwirren, bzw. ihn nicht merken zu lassen, wo die geschichte hinten und vorne nicht stimmt.
gut zum einschlafen, wenn man es als hörbuch hat. sonst nur 10 punkte

29.07.2014 07:11:07
nicigirl85

Dieses Erstlingswerk von Lucinda Riley ist einfach große Klasse. Ein wahrer Schmöker, der einem die Zeit komplett vergessen lässt.

Das Buch hat 2 Erzählstränge, die Gegenwart (Julia Forresters Leben) und die Vergangenheit (das Leben der Crawfords früherer Generation). Julia Forrester muss großen Schmerz überwinden, denn sie hat 2 Menschen verloren, die sie sehr liebte. Über Monate schließt sie sich ein, um keiner Menschenseele begegnen zu müssen, bis der neue Besitzer von Wharton Park ihr ein altes Tagebuch überreicht, das Julias Familie zu gehören scheint und Julia damit über ihre Großmutter Elsie die Geschichte der Crawfords erzählt bekommt. Beide Erzählstränge waren gleich spannend, wobei mir die Vergangenheit noch ein klein wenig besser gefallen hat, da man dort ins England des 2. Weltkrieges versetzt wird, sowie in das Thailand der Nachkriegszeit. Ebenfalls toll beschrieben ist das Anwesen Wharton Park, in dem sich zahlreiche Geheimnisse versteckt halten, die nach und nach das Tageslicht erblicken.

Fazit: Klasse Buch, deren Geschichte ich noch lange im Kopf behalten werde. Für Fans von Familiengeschichten genau das Richtige. Wer Bücher von Kate Morton und Sarah Lark mag, der wird dieses Buch lieben. Ich kann nur meine absolute Kaufempfehlung aussprechen.