Hinter dem Paradies

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 189, Übersetzt: Hartmut Fähndrich

Couch-Wertung:

76
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Wolfgang Franßen
Von der salzigen Flut der Erinnerungen

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Nov 2011

Gegen Ende des vierten Kapitels erfahren wir, dass Salma zu einer Psychiaterin geht, die ihr geraten hat, einen Roman zu schreiben, und nun befürchtet, dass ihre "Fantasterei" sich zur "wahrer Manie" entwickelt. Menschen, die sich in Therapie begeben, kennen diese Gefahr. Man lernt zu viele Dinge über sich kennen, die man gar nicht kennenlernen will. Es sind die verschlossenen Türen in sich, die man mit sich durchs Leben schleppt und die man oft genug lieber geschlossen hält.

Was ist erfunden, was ist gelebt? Der Traum spielt in Mansura Eseddins Roman eine wichtige Rolle. Angeblich versucht das Unterbewusstsein nachts, all das zu verarbeitet, was in uns wuchert. So ist es doch eine glänzende Idee nach Hause zu gehen, um sich seinen Erinnerungen an die Kindheit zu stellen, den Ursachen nachzuforschen, sich von einer Last zu befreien. Und sei es dadurch, dass Salma einen Roman darüber schreibt. 

Mansura Eseddin ist 1976 im Nildelta geboren worden. Sie kennt das Land und die Leute. Wenn die Journalistin Salma ihr Dorf dort aufsucht, in dem sie mit Gamila aufgewachsen ist, wirft sie wie die Autorin einen Rettungsanker, in dem sie die verblassten Geschichten von damals mit neuem Leben füllt. Irgendwo in der Vergangenheit liegt die Lösung für die Probleme mit sich, der Liebe, dem Leben. Salma wird vielem begegnen, was sie schreckt, was ihr unveränderbar erscheint.

Sie ist privilegiert. Die Familie ist durch eine Geschäftsidee des Vaters zu Geld gekommen.  Er ließ den Lehm abtragen, um ihn in seiner Fabrik zu Ziegeln zu verarbeiten. Das brachte nicht nur ihm einen gewissen Reichtum ein, es sorgte auch bei den Bauern der Umgebung für einen bescheidenen Wohlstand. Sie schürften ihr Land ab, lockerten die Erde, schaufelten den Lehm in Tragekörbe und trugen ihn zur Fabrik. Sie glaubten, sich absichern zu können, indem sie nur die oberen Erdschichten verkauften, aber Eigentümer ihres Landes blieben. Sie bauten sich Häuser, legten Gärten an, und eine Zeitlang sah es wie im Paradies aus. Doch nachdem ihr Land ausgebeutet war, mussten die Bauern ein Visum für die Golfstaaten beantragen und arbeiten gehen, um sich vor dem Ruin zu retten.

So geht vieles in diesem Nildelta schief. Nichts findet die rechte Erfüllung. Beim Sex bleibt Gamila mit zuckendem Unterleib und Krämpfen zurück, weil der Mann jedes Mal verschwindet , nachdem er sich bedient hat. So kettet ein Vater seine schwachsinnige Tochter ans Bett an, um zu verhindern, dass sie keine Schande über sich und ihn bringt. Erst als er sie verliert, sie spurlos verschwindet, spürt er den Verlust. So heiratet ein Mann, obwohl er bereits verheiratet ist, einfach eine zweite Frau, weil ihn die Versuchung überkommt und er nicht widerstehen kann. Nichts ist von Bestand. Hinter dem Paradies fängt das nackte Überleben an.

Wie im Rausch folgt die Autorin den Schicksalen. Sie nimmt sich vor, falsche Lebensläufe für die Menschen zu erfinden, die sie kennt, statt wir ihre Psychiaterin hofft, übers Schreiben zu jenem Punkt zu gelangen, um das auszusprechen, was Salma nicht über die Lippen bringt.

Es werde viele Geschichten erzählt, viele Namen tauchen auf. Der Verlag hängt extra ein Personenverzeichnis an, damit man die Verbindungen untereinander nicht aus den Augen verliert. Doch das eigentliche Drama reibt sich wund an der Vorstellung, es käme nur darauf an, sein Leben besser zu verstehen, um sich sein Scheitern zu verzeihen. 

Wenn Salma am Ende ihren Romanentwurf kopiert und Gamila zeigt, wird sie anschließend angefahren werden und wacht mit einem eingegipsten Bein an der Seite ihrer Psychiaterin auf. Knochenbrüche kann man heilen, Seelen nicht. Die Träume schleppen mitunter die Ketten so real die Treppen hinauf, dass man den Klang vermutlich ein Leben lang hört.

Mansura Eseddin hat kein Hohelied auf die Psychotherapie geschrieben, deren Ratschlägen man nur zu befolgen braucht, um seelisch zu gesunden. Ihr ist etwas weit Eindringlicheres gelungen, die Geschichte einer Frau, die sich den Stimmen um sie herum stellt, die ihr böse Gedanken ins Ohr flüstern.

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