Das junge Kairo

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 253, Übersetzt: Hartmut Fähndrich

Couch-Wertung:

70
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Don Pachur
Männerfreundschaft in Zeiten der Vetternwirtschaft

Buch-Rezension von Don Pachur Nov 2011

Vier junge Männer, befreundet seit ihrer gemeinsamen Universitätszeit in Kairo, treten leidenschaftlich für ihre Version eines veränderungswürdigen Ägyptens und für ihre persönlichen Zukunftsträume ein. Diese Darstellung gelingt Nagib Machfus so plastisch, dass man sich seine Protagonisten jederzeit bei einem TV-Interview auf dem Tahrir-Platz in Kairo bildlich vorstellen kann.

Der Clou des Buches verbirgt sich in dem Umstand, dass es sich bei dieser Präsentation um die Zeit von König Faruk handelt. Dieser dürfte in der Regel lediglich älteren Lesern und Historikern etwas sagen; wir schreiben die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Erst der  Sturz des Königs und das Ende der Monarchie machen den Tahrir-Platz zum "Platz der Befreiung".

Der Autor beschreibt das zentrale Dilemma der jungen Generation, die ertragen muss, dass die eigene Qualifikation gar nichts, persönliche Beziehungen aber alles zählen. Bestenfalls verfügt man über die entscheidenden Kontakte zu den Türöffnern der Macht. Schlimmstenfalls warten Armut oder auf Zeit geduldete Nischen. Er herrscht ein Klima der vollendeten Günstlingswirtschaft.

Vier gebildete junge Männer treten auf ihre Weise für eine Gesellschaftsveränderung ein und suchen ihr persönliches Fortkommen zu realisieren.

Da ist Mamun Radwan, der humorlose Mann Gottes, der alle richtungsweisenden Antworten im Islam verankert sieht. Als Traditionalist lehnt er Parteien und Regierungen ab, ist aber empfänglich für die nationalistischen Strömungen des Arabertums. Ihn erwartet eine glänzende Universitätskarriere in Paris mit abschließender Professur.

Sein Widersacher ist Ali Taha. Für den überzeugten Sozialisten liegt die menschenwürdige Zukunft der verarmten Massen in der Umverteilung gesellschaftlichen Vermögens. Kommt er zeitweilig etwas verträumt daher, ist ihm dennoch wohl bewusst, dass ihn seine Überzeugungen in den Kerker bringen können.

Achmad Badir hat sich ganz dem Journalismus verschrieben. Somit ist er existentiell davon abhängig, wie viel Meinungsfreiheit ihm die jeweiligen Machthaber zugestehen. Gleichwohl widmet er sich als Überzeugungstäter voll und ganz der Berichterstattung.

Der vierte im Bunde, Machgub Abdaldaim, ist als Egomane ausschließlich seinem eigenen Wohlergehen verpflichtet. Er will seiner ärmlichen Herkunft entfliehen. Als skrupelloser Zyniker wird er zum Macher seiner Selbst. Die Spielregeln der Vetternwirtschaft sind für den gewissenlosen Karrieristen fatal, da er über keine tragfähigen Beziehungen verfügt.

Alle Studenten des Wohnheimes himmeln die bildhübsche Ichsan, Tochter eines verarmten Zigarettenverkäufers, an. Sie schenkt dem vom Sozialismus träumenden Ali Taha ihr Herz, bricht aber unter dem Druck ihrer vielköpfigen Herkunftsfamilie ein und sichert deren Einkommen, indem sie zur Konkubine eines hohen Regierungsbeamten wird. Dieser wiederum sucht zur Tarnung einen Scheinehemann für seine Mätresse und findet ihn über Mittelsmänner in Machgub, der zum hochdotierten Staatsdiener mutiert.

Machgub und Ichsan bilden fortan eine strategische, pragmatische Allianz, deren Zielsetzung das Ende der Armut und das Leben in Wohlstand und Glamour ist.

Machgub lehnt den gängigen Generationenvertrag, der ihn verpflichtet für seine Eltern zu sorgen, strikt ab, obwohl diese sich in besseren Tagen die Finanzierung seines Studiums vom Munde abgespart haben. Trotzdem plagen ihn zeitweilig die bösen Geister und Gewissensbisse, wenn er sich seine Eltern als Bettler vorstellt.

Zusätzlich ergreift Eifersucht von ihm Besitz, wenn er seine Ehefrau in den Armen des mittlerweile zum Minister aufgestiegenen Finanziers weiß.

Nach nur drei Monaten des kometenhaften Aufstiegs, lässt die Ehefrau des Ministers das Liebesnest und die Karriere ihres Mannes spektakulär auffliegen. Machgubs komfortable Stellung ist unwiderruflich dahin.

Die Sprache von Nagib Machfus, seines Zeichens Literatur-Nobelpreisträger, hat sicherlich ihre eigene, sprich arabische Ästhetik. Sich darauf einzulassen, ist zweifellos ein Gewinn. Allein der Umstand, dass er die verbliebenden Freunde, ob ihrer unterschiedlichen ideologischen Positionen als Freundfeind tituliert, ist eine Wahrnehmungsebene, die vielleicht nur Arabern zugänglich ist.

Der fast auf den Tag, 11.12.1911, genau vor hundert Jahren geborene Nagib Machfus hat mit "Das junge Kairo" ein beachtlich zeitlos daher kommendes Buch verfasst.  Es lässt sich als aufrüttelndes Plädoyer gegen Vettern- und Günstlingswirtschaft lesen. Diese sind wörtlich zu nehmende Armutserzeuger, die Moral, Liebe und Verantwortungsgefühl ganzer Generationen auffressen. 

Zweifelsohne lesenswert.

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