New York machen wir das nächste Mal

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 218, Originalsprache

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Daniela Loisl
Wo Erwachsene den Tod fürchten wie Kinder den Wauwau

Buch-Rezension von Daniela Loisl Nov 2011

"New York machen wir das nächste Mal" – Wie kommt bloß auf so einen Titel? Diese Frage stellt sich einem unweigerlich, wenn man in Stadlers Buch zu lesen beginnt. Nimmt man das erste Mal ein Buch von Stadler zur Hand, meint man, vielleicht etwas falsch verstanden zu haben, denn von Geschichten war doch die Rede, nicht von Fragmenten, hingeworfenen Textpassagen und Gedankennotizen.

Man muss sich näher befassen mit Arnold Stadlers Buch und dann, erst dann wird einem das Außerordentliche, das so gänzliche Andere, auch wagemutig Unübliche, so richtig einfangen. Stadlers unkonventionelle Art Geschichten zu erzählen sucht seinesgleichen. Er schreibt keine kohärente Erzählung, nicht Seite für Seite und nicht Schritt für Schritt, sondern episodenhaft. Wie hingeworfen wirken manche Absätze, die schon eine ganze Einheit zu einer Geschichte ausmachen sollen. Wie ein Puzzlespiel, das – richtig - zusammengesetzt ein Ganzes ergibt. Zehn Geschichten finden sich auch laut Inhaltsangabe in diesem Buch. Aber diese zehn Geschichten, bestehen wiederum aus Geschichten, aus Fragmenten, quasi aus Geschichten in Geschichten.

In diesem Geschichtenbuch erzählt Stadler unter anderem von einem Onkel, der eigentlich kein Onkel war, sondern lediglich die Tante geheiratet hat. Der Onkel, der ja keiner war, hieß Anton und Roland, eine sehr zentrale Figur in Stadlers Geschichten, wurde von ihm manchmal mit dem Motorrad abgeholt und empfand die Welt als groß und rund. Und einmal machten alle, auch der vermeintliche Onkel, einen Ausflug nach Kloten und standen alle auf der Aussichtsterrasse, um zu sehen, wie die Passagiere warteten, das Flugzeug getankt wurde und schließlich wieder weiterflog. Und Roland bekam das erste Mal eine Ahnung wie es sein müsste, nach New York zu fliegen. Und dann schnitt der Onkel wieder seine Grimassen und drehte sich im Auto nach hinten um, um mit den Kindern Spaß zu machen. Und so ging es über den Klausenpass wieder ab nach Hause. Und eines Tages war die Tante tot und der Onkel auch.

Diese Erinnerung kommt einem jungen Kinderarzt der im Flugzeug sitzt von New York und auf dem Weg in die alte Heimat ist.

"Kaum hat der Mensch seinen Schreibtisch aufgeräumt, so glaubt er schon, es sei Ordnung möglich."

sagt Stadler. So unaufgeräumt bei manchen der Schreibtisch, so unaufgeräumt auch Stadlers Buch. Nichts ist dort wo es scheinbar hingehört und doch ist System dahinter, das aber nur derjenige entdecken wird, der genauer sucht und auch das eine oder andere Blatt mal hochhebt, um zu sehen, was darunterliegt und das Darunterliegende auch näherer Betrachtung wert findet.

Manche von Stadlers Geschichten sind skurril, andere wieder heiter amüsant und wieder welche unterschwellig melancholisch bedrückend. Aber alle haben sie eine subtile und feine Botschaft, die jeder Leser entschlüsseln kann, kennt er solche Geschichten nicht selbst, doch hat er sich aber nie die Mühe gemacht, sie zu zergliedern, zu hinterfragen und den psychologischen Hintergrund zu analysieren. Sie wirken so locker und leicht, Stadlers Geschichten und bergen doch so viel Bekanntes, schon Erlebtes, nur kennt wir viele der Geschichten nicht von uns selbst, sondern von der älteren Generation und die Menschen haben andere Namen.

Stadler streift  aber auch außenpolitische und soziale Themen und so verwundert es nicht, dass man von der Größe von Steinen bei einer Steinigung ebenso liest wie von Henry Kissinger der die Festrede zu Altbundeskanzlers Geburtstag hielt.

Ein Buch, bei dem es sich lohnt, sich darauf einzulassen und sich davontragen zu lassen von den Gedanken eines gar nicht so weit entfernten Unbekannten.

Und um es letztendlich mit Stadlers Worten zu sagen

"Was lernen wir daraus? Wir lernen aus dieser Geschichte, dass wir nichts aus dieser Geschichte lernen. Das ist schon fast alles."

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