Das Bastardbuch

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Bertelsmann, 2011, Seiten: 511, Originalsprache

Couch-Wertung:

85
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Wolfgang Franßen
Jetzt hänge ich wieder in mir rum

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Nov 2011

In Hans Neuenfels autobiographischen Stationen erscheint uns der Bastard nicht mehr länger als jemand, der mit einem Kainsmal versehen, sich in der Welt zurechtzufinden versucht. Sie hat ihn längst ausgestoßen und ihn belächelt. Sie nimmt ihn nicht ernst. Der Autor jedoch stattet ihn mit den inneren Flügeln der Neugier aus. Er ist süchtig nach Erleben. Eine Unrast, der sich immer wieder aufs Neue erproben muss und sich der Literatur, dem Spiel, der Musik und der Poesie verschreibt. Vor allem der Liebe.

An vielen Stellen dieser Stationen erweckt Neuenfels den Eindruck, dass mit diesem Mensch eher etwas geschieht, als dass er die Fäden in der Hand hält. Eben macht er noch eine abfällige Bemerkung über Hans Arp, da führt diese verbale Entgleisung dazu, dass er Max Ernst und mit ihm eine ganz andere Welt kennenlernt. Selten hat ein Autor so hingebungsvoll über Literatur, Malerei und Musik geschrieben. Er lebt sie. Er findet sie in seinen Schauspieler, hört sie in seiner Lyrik und wagt sich sogar an einen Roman heran. Sprache ist bei Neuenfels etwas, das keinen Selbstzweck erfüllt, vielmehr der Vermittlung dient. Bei ihm säumt das Unaussprechbare das Leben ein, um sich im Spielraum zwischen den Zeilen auszutoben.

Wer sich, wie er auf eine Reise begibt, kommt an Niederlagen nicht vorbei, doch selbst in ihnen versucht er, Erfahrungen zu sammeln, und setzt sich dem Schmerz aus. In Trier bekommt er gar, nachdem er provokante Zettel an Passanten verteilt hat, die sie ins Theater locken sollten, erst die Missachtung seiner Kollegen zu spüren, dann gar Hausverbot und unterläuft als Zuschauer den Bann, seine eigene Inszenierung nicht sehen zu dürfen. Da lässt sich jemand nicht abschrecken. Nicht mal von der Welt des Theaters, die unter dem Deckmantel der Kunst alle Biederkeit menschlichen Umgangs versammelt.

Weil, da gibt es diesen Zauber, diesen einen Moment, der nicht zu planen ist, der entsteht, ohne dass man damit rechnen darf. Wie wenn Elisabeth Trissenar an der Seite von Gottfried John die ersten Schritte zu August Strindbergs "Fräulein Julie" probt und mit einer kleinen Handbewegung ein ganzes Stück aufreißt. Wer Das Bastardbuch liest, bekommt eine Antwort auf die Frage, warum einer Künstler wird. Neuenfels erzählt dies munter in beschleunigtem Tempo, in kurzen Sätzen, die das Glück wie die Mutlosigkeit vor sich hertreiben.

Die Verzweiflung, die Versagensängste sind allgegenwärtig. Oft unterliegt er dem Gefühl, das er es diesmal nicht schafft, obwohl alle um einen herum wissen, dass er sich nur wieder seine Krise nimmt, sich selbst in Frage stellt, weil es zum künstlerischen Schaffungsprozess dazu gehört. Der Mensch hinter der Inspiration, dessen Familienlieben zu kurz kommt, weil er wie ein Zigeuner durch die deutsche Theaterlandschaft wandert, wirkt gelassen, obwohl er häufig in die Abgründe menschlicher Lügen schaut.

Scheitern, wie niemand zu scheitern wagt, dieser Ausspruch wird Samuel Beckett zugeschrieben. Wenn Neuenfels uns tief in die Umstände seiner Zusammenarbeit mit den bekanntesten deutschen Schauspielern blicken lässt, verhehlt er nicht, dass es vor allem auf eines ankommt: Ein Stück zu inszenieren, bei dem nach dem letzten Vorhang etwas hängen bleibt. 

Ein Regisseur kann noch so gut vorbereitet seine Proben beginnen, letztendlich hängt es von einem magischen Moment ab. Der Funke zwischen Bühne und Zuschauerraum löst manchmal Empörung, manchmal Gleichgültigkeit, gelegentlich auch Langeweile aus. Neuenfels Inszenierungen, sein Ringen um sich selbst, geht nie davon aus, dass es ihm auch gelingt.

So ist dieses Theaterbuch voll gespickt mit Namen auch eine Geschichte der Bundesrepublik und nicht zuletzt eine Parabel aufs Leben an sich. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Wer nichts sucht, der nichts findet. Am Ende seiner vorläufigen Stationen wirkt Hans Neuenfels immer noch wie jemand, der nicht zum Stillstand gekommen ist, dessen Reise weiter geht.

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