Eine Frau bei 1000°

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Tropen, 2011, Seiten: 400, Übersetzt: Karl-Ludwig Wetzig

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Wolfgang Franßen
Modell 1929

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Nov 2011

Eine alte Frau lebt in einer Garage, mit einem Laptop, einer Handgranate und mischt über Facebook die User auf. Gefangen zwischen Katheder und Bettpfanne wartet sie auf die Mails, die sie mit der Außenwelt verbinden, und ist auf die Hilfe der Mädchen vom Häuslichen Pflegedienst Reykjavík angewiesen. Sie gibt sich via Internet als Linda Pétursdóttir, Miss World 1988, aus. Sie sammelt Liebesbeweise ein und erteilt Ratschläge unter falschen Profilen an den Rest der Welt, während sie dem Gott Nikotin alle Ehre erweist und gleichzeitig mit Nasensonde und Pressluftflasche am Leben gehalten wird.

Eigentlich sollte sie sterben. Sie fällt den "Nichtbegrabenen" zur Last. Aber der Tod lässt auf sich warten. Und weil alte Menschen nun mal gern mangels neuer Erfahrungen in Erinnerungen schwelgen, schweift auch der Autor ab, um ein ganzes Jahrhundert aus isländischer Sicht zu umschreiben. Seine Herbjörg María Björnson kommt 1960 gar zur rechten Zeit in Hamburg an und lernt die Beatles kennen und lieben. Spätestens hier, zeigt sich der erste Riss in einem erzählerischen Konzept, das mittels einer durchs Leben gestählten Kratzbürste, Zeitreisen unternimmt. 

Nicht nur, dass der überaus erfrischende Ton aus der Garage, die skurrile Anlage des Beharrens auf Unabhängigkeit mittels moderner Kommunikation abhanden kommt, man nimmt an vielen Stellen Hallgrímur Helgason den Ton seiner jungen Heldin nicht ab. Wenn die Neunjährige das angebliche Gespräch zwischen Mutter und Vater belauscht, als das Familienoberhaupt als Isländer und Nazi-Anhänger in die deutsche Armee eintreten will, hört man allzu sehr den Autor heraus, der ein zerrüttetes Jahrhundert in eine Lebensgeschichte einbindet.

Wer Helgasons Roman 101 Reykjavík und die wunderbar überdrehte Familie um seinen Helden Hlynur kennt, den erwartet in Eine Frau um 1000° ein eher zwiespältiger Eindruck. Einerseits witzig in vielen Passagen, wenn Herbjörg María zum Beispiel, den Termin für ihre eigene Einäscherung selber bestimmen will und sich mittels Handy mit der zuständigen Behörde verbinden lässt. Oder wenn sie Bakari Matawu in Harare so den Kopf verdreht, dass er nach ihrem "krebsmarinierten Weiberfleisch" verrückt ist und ihr Liebesmails schreibt. Oder wenn sie einem überzüchteten Bodybilder zu immer härteren Training antreibt und ihn nach einem Wettbewerb in London zu einer heißen Liebesnacht in einem Hotel empfangen will. Da spielt Helgason seine Schlagfertigkeit um Wahrheit, Erfindung und Dichtung aus, die er nicht zuletzt dem Umstand verdankt, dass er zuweilen auch als Stand-Up Comedian aufgetreten ist. Von leichter Hand verstrickt er da Lügen mit Wunschdenken und entwirft Geschichten daraus.

Wäre er nur der Garage treu geblieben. Seine Einlassungen über die Frau an sich:

 

Ich habe immer gesagt, eine normale Frau braucht zwanzig Jahre um ihre Bettapparaturen richtig in den Griff zu kriegen... Man erkennt es ganz deutlich, welche Frau auf der Matratze tüchtig ist und ihre Maschinchen an der Steckdose angeschlossen hat.

 

ist doch zu sehr Altherrenphantasie, die sich mit Kalauern über die Runden zu bringen versucht. Und wenn sie Dana das Versprechen abzuringen versucht, nie eine Frau sondern ein Mensch zu werden, dann läuft der Roman in die Gefahr das Skurrile zu überdrehen, und ihm somit den Witz zu rauben.

Die 80jährige Herbjörg Mariá Björnsson, die Enkeltochter des ersten Isländischen Staatspräsidenten lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Vor allem die Männer sind eine Last. Als widerborstige Zynikerin im Alter ist sie endlich frei. Unerschrocken. Zuvor jedoch läuft sie zu sehr am Gängelband des Autors. 

Zum Schluss, halb umnachtet, sagt sie:

 

Der Tod. Er ist sehr gesellig. Und jeder seiner Auftritte ausverkauft.

 

Nur sind die Sterbenden dabei zumeist ihr einziges Publikum. Das durchweht den Roman mit einem Hauch von Tragik, auch wenn Herbjörg Mariá am Ende glaubt, den alles sehenden Blick bekommen zu haben, allwissend geworden zu sein. Hallgrímur Helgasons Heldin wird wie von ihr geplant am 14. Dezember sterben.

Wenn das keine Punktlandung für ein ereignisreiches Leben ist.

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Letzte Kommentare:
10.12.2014 08:54:54
leserattebremen

'Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.'

Wem dieser Anfang schon skuril erscheint, der wird im Laufe der Lektüre feststellen, dass der Autor dies noch um einiges weiter treiben kann. Herbjörg ist 80 Jahre alt, sie ist die Enkelin eines ehemaligen isländischen Präsidenten und hat eine bewegte Lebensgeschichte, auf die sie in diesem Roman zurückblickt. In Island, Dänemark, Deutschland und Argentinien hat sie Zeit verbracht, die furchtbaren Seiten des Zweiten Weltkriegs am eigenen Leib miterleben müssen, vier Kinder geboren, von denen nur drei überlebt haben. Besuch bekommt sie jetzt mit 80 in ihrer Garage aber kaum noch, nachdem die Kinder ihr Haus verkauft haben und versuchten, sie in ein Pflegeheim abzuschieben, aus dem sie abgehauen ist. Und so liegt sie jetzt da, mit ihrem Laptop und der Handgranate, die ihr Vater ihr vor Jahren gab, um sich im Notfall verteidigen zu können, und lässt ihr Leben für uns Leser Revue passieren.

All dies beschreibt Hallgrímur Helgason mit einer bildhaften und gleichzeitig harten Sprache, die einen beim Lesen immer wieder schlucken lässt, wenn die krebskranke Frau den Angriff der Krankheit auf ihre Organe mit dem Vorrücken der deutschen Wehrmacht vergleicht und von Vergewaltigungen während ihrer Flucht im Krieg berichtet. Herbjörg ist ganz sicher keine nette ältere Dame von nebenan, im Gegenteil, sie ist ziemlich durchtrieben, wenn sie zum Beispiel das Mailpostfach ihrer Schwiegertochter hacken lässt, um rauszufinden, ob die ihren Sohn betrügt. Dennoch fühlt man mit ihr auf ihrer Reise durchs Leben, die skurile alte Dame wächst einem während der Lektüre ans Herz und um so stärker wirken ihre Erlebnisse. Der Stil des Autors ist einzigartig und die sprachlichen Elemente, der Reichtum an Bildern und Metaphern beeindruckend. Obwohl die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird sondern wild durch das 20. Jahrhundert springt, kann man ihr problemlos folgen.

Die Geschichte von Herbjörg ist sicher kein Buch, dass man beendet hat, wenn die letzte Seite gelesen ist, sondern eines, das einen begleiten kann und in dem bei erneutem Lesen immer neue Dinge ins Auge springen, so facettenreich ist das Leben dieser isländischen alten Dame.

21.08.2013 22:14:33
anyways

Alt, faltig, bettlägerig, vulgär, scharfzüngig und mitleidlos – so in etwa könnten eine kurze Auswahl an ein paar Attribute der 80 jährigen Herbjörg Maria Björnsson lauten.

Eine erst uneheliche Enkelin des ersten Präsidenten Islands, mit einer Mutter aus einem einfachen Stand, weswegen sich ihr Vater auch erst in ihrem siebten Lebensjahr an die Zeugung und die damit einhergehende Verantwortung erinnert. Der Vater hatte aber nicht nur diese charakterliche Schwäche sondern trat als einer der wenigen der Wehrmacht bei. Ein Umstand der Herr( wie sie von allen gerufen wird) ein Leben lang begleiten wird. (Hier erhebe ich schon den ersten Einwand, angeblich sollen authentische Biographien mit eingebaut worden sein, nur lässt sich bis auf ersten Präsidenten nichts recherchieren. Schade.)



Sie ist und war alles, alte Frau auf einem Abstellgleis, wohnhaft in einer umgebauten Garage mit Internetzugang und Pflegedienst, glückliches Kind, behütetes Kind, plötzlich neureiches und angesehenes Kind in der politischen Welt Islands, verzogene Göre, verunsicherter und später geschändeter Teenager, verruchte Hure, liebevolle und lieblose Mutter mit ebenso lieblosen Kindern und geldgierigen Schwiegerkindern. Sie hat ein multiples Leben hinter sich und den Tod vor sich. Achtzigjahre reflektiert, wovon ein Großteil die Kriegsjahre 1941-45 einnehmen. Alle anderen kommen ein wenig zu kurz. Eine Person die Länder und Männer bereiste. Aus einem unglücklichen Zufall in den Kriegswirren von ihren Eltern getrennt ist sie danach mehr als zwei Jahrzehnte auf einer Odyssee- nur nach was oder wem erschließt sich mir nicht.

Der Sprachstil des Autors ist ebenso schwer einzuordnen. Mal ist er distanziert und nur auf Fakten versessen, dann appelliert er an mein Mitgefühl, meist jedoch ist er laut, schnell, sprunghaft, vulgär und obszön. Genauso bin ich seiner Geschichte um die, wie mir zu Anfang schien, recht toughe Großmutter, gefolgt, angezogen von Neugier, die nie wirklich ganz befriedigt wurde, meistens jedoch abgestoßen von der sehr gossenhaften Sprache. Viele Erzählstränge wurden für mein Empfinden zu schnell abgebrochen und bei der Wiederaufnahme wurde die Geschichte nicht wirklich zu Ende erzählt sondern blieb im Dunkeln. Einzig die Einflechtung von Begegnungen mit Zeitzeugen, wie Marlene Dietrich und John Lennon, politischen Aspekten der damaligen und heutigen Zeit fand ich interessant und gut umgesetzt.

Ganz ehrlich eine Frau die wirklich alles Schöne und alles Schlechte auf dieser Welt gesehen hat, die schon zu Lebzeiten in der Hölle war, hat ein Recht auf eine bildhafte Sprache, nur diese Frau deren Geschichte der Autor erzählt, ist keine Frau sondern ein Mann und als solches handelt, denkt und agiert er/sie und aus diesem Grund hat mich die Geschichte wenig berührt, sie wirkt nicht ehrlich.

Ein Sache fiel mir noch auf, ohne zu viel zu verraten ,den Vorgang den der Autor auf der letzten Seite beschreibt ist schlichtweg Blödsinn, denn die Leichenstarre beginnt nach 24-48 Stunden sich wieder zu lösen, dann wäre der Gegenstand leicht zu entfernen gewesen.