Eine Dorfgeschichte

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 125, Originalsprache

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Myra Wehbrink
Hinter der Fassade

Buch-Rezension von Myra Wehbrink Nov 2011

Katharina Hackers "Eine Dorfgeschichte" kommt daher als dünnes Büchlein mit idyllischem Einband und einem Klappentext, der viel verspricht. Schon der erste Eindruck lässt uns an Sommertage im Garten, Bienen in der Luft und kühle Stunden im Schatten denken.

Hacker lebt seit 1996 als freie Autorin in Berlin und bekam für ihren Roman "Die Habenichtse" 2006 den Deutschen Buchpreis. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und wechselte 1990 an die Hebräische Universität Jerusalem. Sie veröffentlichte neben weiteren Romanen auch Erzählbände und nun eine Dorfgeschichte.

Idylle?

Die Ich-Erzählerin der Geschichte beschreibt ihre Sommer auf dem Dorf. Dort kommt die ganze Familie zusammen. Ihre beiden Brüder, Großmutter und Großvater sowie ihre Eltern. Die Kinder sind frei und müssen sich nicht an die Regeln, die in der Stadt gelten, halten. Der Garten, die Wege zu den anderen Höfen und der Wald dienen den Geschwistern als Erlebnisorte. Doch in diese Sommertage flicht sich ganz vorsichtig immer wieder etwas Unheimliches.

Die Erzählungen und die Vergangenheit der Großeltern sind durch eine Flüchtlingsgeschichte gekennzeichnet und lassen erahnen, was sie durchgemacht haben müssen. Oft leihen die Geschwister sich den alten Leiterwagen, der im Keller steht und spielen Flucht, um der Unheimlichkeit zu entkommen.

Auch die dunklen Keller der anderen Höfe, das "Teufelsgrab" und die allgemeine Rätselhaftigkeit der Erwachsenen schaffen eine Atmosphäre, die nicht zu den lichtdurchfluteten Tagen auf dem Land passt.

Die Geschwister leben in den Sommern zwar räumlich mit den Erwachsenen zusammen, sind aber sonst vollkommen von ihnen getrennt. Sie schaffen sich eine eigene Welt, die von der Erwachsenen wenig berührt ist. Auch die anderen Dorfbewohner spielen selten eine Rolle, außer sie bieten Stoff für interessante Geschichten.

"Eine Dorfgeschichte" wird in eher losen Prosastücken erzählt. Der eigentliche Text ist immer wieder durch Einschübe unterbrochen, die inhaltlich Einfluss auf die Ich-Erzählerin nehmen und sich mal mehr, mal weniger in die Geschichte einfügen.

Diese Einschübe dienen als Sammelplatz für Gedanken und Gefühle ganz unterschiedlicher Art und bereichern die Geschichte, um eine weitere Ebene. Zusätzlich lassen sie die Zeitebenen verschwimmen. Die Ich-Erzählerin kehrt als Erwachsene mit ihren eigenen Töchtern zurück und nimmt die Gefühle ihrer Kindheit wieder auf. Sie knüpft an, an das was gewesen ist, obwohl die Großeltern und Eltern sowie auch der große Bruder längst tot sind.

Keine traditionelle Dorfgeschichte

Hacker lehnt sich mit dem Titel ihres Buches an die Tradition der Dorfgeschichte an. Doch hinter der Fassade des Idyllischen, kommt zu häufig die schroffe Realität zum Vorschein, als das man es ohne Kommentar in die Reihe traditioneller Dorfgeschichten stellen könnte.

Ein Sammelplatz der Geschichte

Hackers Erzählstil, ihre Beschreibungsgabe, die Möglichkeiten, die sie dem Leser eröffnet teilzuhaben an der Geschichte, sind so gut gelungen, dass man schnell gefesselt ist.

Die fast miniaturmäßig anmutende Dorflandschaft bietet Platz, um sich mit den wichtigen, großen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Die Dorfgemeinschaft als Sammelplatz der Geschichte, auf dem der Leser mit den Figuren der grausamen Vergangenheit ins Gesicht schaut.

Hacker nimmt den Leser mit aufs Land, aber ohne je kitschig oder romantisch zu werden. Auf jeden Fall ein zu empfehlendes Buch.

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