Liebe Isländer

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Bjartur, 1998, Titel: 'Góðir Íslendingar', Seiten: 182, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2011, Seiten: 224, Übersetzt: Gisa Marehn

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Becker
Roadtrip ins Ungewisse

Buch-Rezension von Kathrin Becker Nov 2011

Huldar Breiðfjörðs Roman wurde in Island bereits 1998 veröffentlicht und erschien, passend zum diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, im Frühjahr 2011 im Aufbau Verlag auf deutsch. Der 1972 geborene Huldar beschreibt in Liebe Isländer einen Roadtrip durch sein Heimatland, den er als 25-jähriger in einem alten und eher eigensinnigen Lappländer-Jeep unternommen hat. Vor dem Beginn der Reise hat die Auswahl des richtigen Wagens für Huldar Priorität: Er möchte ein Auto mit Charakter, einen Gefährten für das große Abenteuer, das ihn zum Mann machen soll. Nachdem Huldar mit dieser Wunschliste bei Reykjavíks Gebrauchtwagenhändlern nur verständnisloses Kopfschütteln erntet, findet er über Umwege endlich sein Traumauto und es ist Liebe auf den ersten Blick. 

Schon wenige Seiten später verflucht der Protagonist jedoch seine Entscheidung, sich einen Wagen zwar mit Charakter, aber dafür ohne grundlegende Sicherheitsstandards angeschafft zu haben. "Lappi" wird seinem Fahrer während der zweimonatigen Reise durch Islands windige Fjorde einige Schweißausbrüche und Nahtoderfahrungen bescheren, so dass sich sowohl der Erzähler als auch der Leser vor der nächsten Höllenetappe der Reise zu fürchten beginnen. Man sitzt sozusagen neben Huldar im Beifahrersitz und hofft, dass das Auto die nächste vereiste Steigung auch ohne Spikes schaffen wird - und teilt seinen Schrecken, als der Wagen plötzlich anfängt, rückwärts auf den Abgrund zuzurutschen.

Wer schon einmal selbst einen Roadtrip ins Ungewisse gemacht hat, wird sich in Huldars treffend formulierten Beobachtungen, Ängsten und Erfolgsmomenten wiederfinden. Wie komme ich möglichst unverkrampft mit den verschlossenen Einheimischen ins Gespräch? Bringt mich diese Reise in irgendeiner Weise persönlich weiter oder ist sie nur purer Tourismus? Und was ist das für ein merkwürdiges Geräusch unter der Motorhaube? Mehrere Male ist der Held kurz davor, die Reise abzubrechen und unter Zeitverschwendung zu verbuchen, und fährt letztendlich doch immer weiter. Der Protagonist ist nicht einfach ins Blaue hineingefahren. Er hat sich so viel für diese Reise vorgenommen und sich so viel schon vorher ausgemalt, dass die Realität natürlich nicht anders kann, als ihm einen Strich durch all seine Rechnungen zu machen. Diese typischste aller Reiseerfahrungen wird in Liebe Isländer so treffend beschrieben, dass man der Geschichte einige Längen gerne verzeiht.

Natürlich begegnet der Reisende auf seinem Weg den unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Unkommunikative Einsiedler, betrunkene Seemänner und resolute Landwirte lassen den jungen Reykjavíker sein Heimatland mit anderen Augen sehen. Und immer wieder trifft er auf die Verkäuferinnen in den vielen Tankstellenkiosken, welche zugleich Supermarkt, Café und Klatschzentrale der isländischen Dörfchen darstellen. Als Huldar eines Tages eine dieser Verkäuferinnen aus schlechter Laune heraus beschimpft, wagt er es nicht weiterzufahren, ohne zuvor bei ihr zu Kreuze gekrochen zu sein. Die Verkäuferinnen der Tankstellenkioske erscheinen ihm als leicht erzürnte Reisegottheiten: wer ihnen nicht huldigt, riskiert auf der nächsten Reiseetappe eine gebrochene Achse oder einen Schneesturm mitten im Nirgendwo.

In einer unverbrauchten und originellen Sprache und mit einem unaufdringlichen Humor beschreibt der Autor sein Land und dessen eigenbrötlerische Bewohner. Huldar muss selbst als Isländer (oder gerade deswegen?) erst lernen, Island hinter die sagenumwobene und von romantischen Geysiren überzogene Maske zu schauen. Auf seiner Reise beginnt er, seine Heimat als das anzunehmen, was sie ist: ein Land voller beeindruckender Naturgewalten, die für die Einheimischen jedoch längst zum Alltag gehören. Es ist spannend und lehrreich, ihm dabei über die Schultern zu schauen. 

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