Auf den Inseln des letzten Lichts

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • München: Hanser, 2010, Seiten: 540, Originalsprache
  • München: dtv, 2012, Seiten: 544, Originalsprache

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Hein Quast
In fremden Gewässern

Buch-Rezension von Hein Quast Okt 2011

Der Roman ist in drei Teile gegliedert und beschreibt im ersten Teil die Suche eines irischen  Mannes mit Drogenproblemen, nach seiner Schwester. Anhaltspunkte bieten ihm Briefe, die Tobey regelmäßig von Megan erhalten hat. Ihre Spur führt ihn nach einer abenteuerlichen Reise auf zwei kleine philippinische Inseln. Dort befindet sich eine getarnte Forschungsstation der Pharmaindustrie, die Experimente an Primaten mit Viren testen, aber davon weiß der Ankömmling noch nichts. Er wird wie ein Eindringling behandelt und mehrfach gefangen genommen und geschlagen. Tanvir, ein alternder Pakistani - oder ist er Inder -  jedenfalls ist er Arzt und Alkoholiker. Er kümmert sich um den Iren und gewinnt langsam dessen Vertrauen. Nach eigener Aussage ist er seit vierzehn Jahren auf der Insel und betrieb anfangs mit mehreren Wissenschaftlern und Assistenten ein Forschungslabor, das die Kommunikation unter Primaten erforschte. Mittlerweile sind die Forschungsgelder fast ganz eingestellt und noch zwei Primaten und ein paar Angestellte und Einheimische leben, mit Tanvir als eine Art Nachlassverwalter, auf der heruntergekommenen Anlage. In langen Gesprächen erzählt Tanvir Tobey "seine eigene Geschichte", wie Megan auftauchte, und wie sie zu Tode kam.

Tobey findet ihr Grab. Das es gar nicht seine Schwester ist, die er in einem rasenden Wutanfall ausgräbt, sondern die halb verkohlte Leiche einer Freundin, mit der Megan ihren Ring getauscht hatte, sagt ihm niemand. Er will fliehen, aber es gibt keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen, und so lebt er lethargisch unter der Hitze, zwischen den Primaten Montgomery und Chester und unternimmt heimlich Streifzüge. Er entdeckt ein unterirdisches Labor, findet Drogen, beobachtet, wie heimlich Kisten von der Insel geschafft werden, stürzt dabei und verletzt sich schwer am Fuß. Der undurchsichtige Arzt bietet ihm an, die Insel mit ihm in einem Ruderboot verlassen zu können, doch Tobey versucht, es allein mit einem mehr als provisorisch gebauten Floß und schafft es nicht mal über die ersten Wellen hinaus. Beide versuchen es später auf einem Ruderboot und erreichen die offene See, wo in einem schwereren Sturm das Boot kentert und Tanvir verschwunden bleibt. Tobey treibt mit seinem Koffer auf dem Meer und wird bei einer "Haiattacke" gerade noch von einem fremden Boot gerettet. Die Besatzung stellt sich als eine Gruppe Islamisten und Drogenschmuggler heraus, und Tobey wird als Geisel zurück auf die Insel gebracht. Schließlich befreit ihn einer der Primaten und mit ihm gelingt eine halsbrecherische Flucht auf einem Motorboot. Als der Sprit ausgeht, treiben sie auf dem Meer. Irgendwann wird Tobey wach und der Primat ist verschwunden und er triebt allein auf offener See.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ist der erste Teil auf jeden Fall jetzt endlich geschafft.

Der zweite Teil ist "ein gutes Stück Lappert", unnachahmlich. Er erzählt, wie ein guter neuer Bekannter, so wie man ihn in seinem letzten Roman "Nach Hause schwimmen", kennen gelernt hat, die Erlebnisse und Versuche des jungen Tobey und seinen Freunden, als Rockband, in der irischen Musikszene Fuß zu fassen, und schildert den einfühlsamen Rückblick in die Kindheit der beiden Geschwister. Leider mit nur etwas über fünfzig Seiten, im Gegensatz zu den beiden anderen Teilen, viel zu kurz.

Der dritte Teil ist quasi die Wiederholung des Ersten, diesmal aus der Sicht von Megan beschrieben. Um nicht alles vorweg zu nehmen, man erfährt auch noch was ganz Neues.

In "Auf den Inseln des letzten Lichts" von Rolf Lappert hat man es mit zwei unterschiedlichen Geschichten zu tun, die sich wie in einem Gespräch, unter sehr verschiedenen Menschen, oft gegenseitig unterbrechen und den Fluss der Kommunikation behindern.

Zum einen ist es die Geschichte und das Leben zweier irischer Geschwister auf der Suche nach einem letzten Stück Familie.

Zum anderen eine Abenteuergeschichte im philippinischen Meer, im Stile von "Lost", mit Affen, seltsamen Personen verschiedenster Nationalitäten, geheimnisvollen Begebenheiten, dramatischen Fluchtversuchen und der Ohnmacht  gegenüber Tierversuchen.

Die Versuche, beide Geschichten durch die gleichen Hauptpersonen miteinander zu verknüpfen, gelingen nicht wirklich. Irgendwann löst sich die Zeitfolge der Begebenheiten auf und leider bewegt sich die Story erzähltechnisch durch große sprachliche Flauten. Der Kontrast, über lange Strecken triviale Erzählformen im Gegensatz zu seiner genialen Erzählersprache zu benutzen, ist wohl ein eigenes Geheimnis des Autors. Ihr dramatischer Tiefgang wird durch "thrillerharte" Darstellungen hervorgerufen und lässt den Roman in seichter Sprachform mehr als einmal auf Grund laufen. Zwischenzeitlich hat man das Gefühl, ganz vom Kurs abgekommen zu sein. Dabei bewegt sich der Autor scheinbar durch fremde Gewässer und versucht, mit einem, künstlich konstruierten Rettungsring aus Effekthascherei - manchmal schon ein wenig trivial - das Buch über Wasser zu halten und den Roman an Land zu retten. 

Dagegen steht wie eine Entschuldigung an den enttäuschten Leser, die Darstellung und die Sicht auf die Welt, durch Megan, die der Autor in deren Briefen aufzeichnet, die höchst sensibel beschriebenen Rückblenden auf die irische Kindheit des Geschwisterpaares und die Gehversuche des Rockmusikers Tobey. Etwas, was er wie Musik, in sprachlichen Melodien, wie kein zweiter zu vermitteln weiß, und ihm augenscheinlich weitaus näher liegt, als auf große Fahrt zu gehen. Schade, dass es in diesem Roman nur von kurzer Dauer ist.

Bleibt zu hoffen, dass er bald wieder nach Hause schwimmt!

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