In Zeiten des abnehmenden Lichts

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2011, Seiten: 10, Übersetzt: Ulrich Noethen

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92

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Daniela Loisl
Facettenreich, tiefsinnig und mit einem gutem Blick fürs Wesentliche

Buch-Rezension von Daniela Loisl Okt 2011

Die vergangenen 50 Jahre bieten die Grundlage dieses Romans, in dem das Leben der Familie Umnitzer dargestellt wird. Eine Familiengeschichte über vier Generationen in einer Welt die viele zu kennen glauben und von der im Grunde doch nur die Ahnung haben, die sie erlebten. Die Welt des Kommunismus, das Leben in der DDR.

Distanziert unaufdringlich – und doch so intensiv 

Von Mexiko in die DDR, von Moskau ins Straflager nach Sibirien, vom Kommunismus in die Demokratie - an allen Stationen macht Eugen Ruge halt und lässt den Leser verweilen, um ihm die Möglichkeit einzuräumen sich umzusehen und Dinge wahrzunehmen von denen er bis jetzt nur wenig bis gar keine Vorstellung hatte.

Ruge beginnt leise zu erzählen, führt den Leser durch verschiedene Stationen und wechselt sowohl Perspektive als auch Schauplatz in scheinbar unzusammenhängenden Szenen und bietet so ein Kaleidoskop, ein Memory-Spiel in dem stets mehrere Akte zusammenpassen, sich aber erst nach richtiger Anordnung auch zusammenfügen lassen. Wilhelm und Charlotte bieten den Auftakt, den Ursprung zum erlebnisreichen, tragischen, aber im Ostblock wohl zu der Tagesordnung zählenden Familiengeschichte.

Der Autor hat einen scheint´s eher distanzierten Erzählstil, der jedoch das Geschehen so noch plastischer, noch greifbarer zeichnet. Seine glatte und schnörkellose Sprache passt ideal zur nüchternen Sachlichkeit des DDR-Regimes. Ein paar falsche Worte, leichte Kritik am Hitler-Stalin-Pakt und schon sind Kurt und sein Bruder Werner, die Söhne Charlottes und Wilhelms, auf dem Weg ins sibirische Straflager. Ruge beschönigt nichts, beschreibt aber dramatische Szenen nicht reißerisch oder effektheischend, wodurch die ganze Kälte der Machthaber, die Nichtachtung der Menschen und die immens straffe Hand der Politik erst recht zur Geltung kommt.

Vom Straflager und anschließender Verbannungszeit kehrt nur Kurt zu den Eltern zurück, die aus dem mexikanischen Exil heimkehren bzw. zurückgeholt werden, um ihren Anteil zum Aufbau der DDR zu leisten. Wilhelm, der im Grunde nichts alleine zustande bringt, schafft es dennoch, dass ihm stets Orden verliehen werden. Charlotte, die eigentlich für den ganzen Zusammenhalt der Familie sorgt und der bei der Rückkehr in die DDR ein ansehnlicher Posten als Direktorin versprochen wird, findet es nur ungerecht, dass jemand wie Wilhelm Auszeichnungen verliehen bekommt und im Grunde nichts geleistet hat. Den inneren Kampf Charlottes, die all ihre Zuneigung nun auf ihren einzigen Sohn Kurt und den Enkel Alexander projiziert, stellt Eugen Ruge auf immens empathische und einfühlsame Weise dar. Ebenso die Verzweiflung Irinas, Kurts Frau und Alexanders Mutter, die mit der Realität und auch Charlotte nicht zusammenkommt und immer mehr Zuflucht im Alkohol sucht, ist erschreckend authentisch.

Psychogramm einer Familie in der Politik allgegenwärtig ist

Der 90ste Geburtstag Wilhelms wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und so bunt durcheinander gewürfelt die einzelnen Kapitel auch zu sein scheinen, letztendlich kehrt man immer wieder zu dieser Feier zurück. Die verschiedenen Exkurse der einzelnen Personen dienen einfach zum leichteren Verständnis der Ereignisse.

Erzählt Ruge auch leicht und – so scheint es – sehr locker, so ist der Leser dennoch gefordert alle Ereignisse akribisch genau wahrzunehmen, will er alle Feinheiten und versteckten Zusammenhänge erkennen, die sich einem oft erst viele Kapitel später erschließen. Durch den ständigen Perspektivenwechsel – mal betrachtet man die Ereignisse aus Charlottes Blickwinkel, mal aus Alexanders, dann aus Kurts oder auch aus Irinas – wird der Leser aufgefordert seine eigenen Schlüsse aus den Geschehnissen zu ziehen. Ruge gibt nicht vor, urteilt nicht und bezieht auch keine Stellung. Er zeigt auf, führt an die Szenerien heran, lässt den Leser verweilen und ihm seine eigenen Gedankengänge zu Ende führen.

Nicht was Ruge erzählt ist so außergewöhnlich und bemerkenswert, sondern das Wie. Die Herangehensweise dem Leser den Blickwinkel sämtlicher Figuren sehen zu lassen, ihm quasi die Möglichkeit zu bieten, Szenen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu veranschaulichen, kombiniert mit einer perfekt angepassten Sprache, macht dieses Werk zu dem was es ist: Ein wunderbares, außergewöhnliches und menschliches Buch, bei dem weder Humor noch der Ernst der Sache zu kurz kommen.

Einzig das auf der Rückseite des Buches vermerkte Zitat von "Die Zeit" – "Der große DDR-Buddenbrooks-Roman" hätte man sich wirklich sparen sollen. Das einzige was dieses Buch mit Manns Werk gemeinsam hat ist die Familiengeschichte. Ruges Buch ist anders. Nicht besser – nicht schlechter – aber eben gänzlich anders.

In Zeiten des abnehmenden Lichts

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Letzte Kommentare:
12.06.2017 19:53:07
kritikaster

Ein unglaublich gutes buch! aber nichts für liebhaber leichter kost oder leseanfänger. der autor verlangt dem leser viel ab. zeitsprünge hin und her und manches muss man sich dazudenken. ich empfehle, es nicht zu lesen, sondern zu hören. ulrich nöthen liest es auf so geniale weise, dass man mitunter glaubt, mehrere sprecher wären am werk und er macht viele längen, die das buch unbestreitbar hat, sehr kurz. das beste buch, das ich im ganzen vergangenen jahr las. aber auch ich halte es für unverfilmbar, trotz bruno ganz. ich schau mir ihn nicht an

02.01.2015 15:28:59
Anke Przybilla

Mit Buchpreisträgern in den letzten Jahren bin ich nicht immer warm geworden: so fand ich "Du stirbst nicht" von Kathrin Schmidt annehmbar und "Der Turm" von Uwe Tellkamp sogar sehr lesenswert, tat mich aber schwer mit "Die Mittagsfrau" von Julia Franck und "Die Habenichtse" von Kathrin Hacker lies mich recht ratlos zurück.

Nach all den lobenden Rezensionen und Kritiken habe ich nun den neuesten Buchpreisträger gelesen. Schon allein das Thema reizte mich, handelt es sich doch um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen und ihr individuelles Verhältnis zum Thema Sozialismus und DDR-Diktatur. Dies gelang bereits Tellkamp recht gut, wenn auch ein wenig zu spröde und intellektuell.

Ruges Werk liest sich bei Weitem geschmeidiger. Man folgt den Figuren auf einem recht eigenen Weg. Dies liegt wohl vor allem daran, dass Ruge in den Zeiten laufend springt und seine Figuren an ein paar Ereignissen teilhaben läßt, diese wiederum aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So wird zum Beispiel der 90. Geburtstag des (Stief-Ur-)Großvaters aus Sicht desselbigen, aus Sicht des Sohnes Kurt und des Urenkels beschrieben. So geschieht dies auch mit anderen Fixpunkten. Zu Wort kommen auch noch Charlotte - die (Ur-)Großmutter, Irina - Kurts Frau und Alexander, genannt Sascha - das Alter-Ego von Eugen Ruge selbst.

An dieser Figur hangelt sich dementsprecht auch der Roman. Denn Alexander hat Krebs und keine Aussicht auf Heilung. So erlebt man die Geschichte irgendwie als Rückblick, auch wenn die anderen Familienmitglieder zu Wort und Gedanken kommen.

Wilhelm ist der alte Verfechter des Regimes, mit (vermutlicher) Stasi-Vergangenheit und Betonkopf-Ansichten. Kurt - die mittlere Generation - spiegelt die Widersprüchlichkeit der meisten heute älteren, in der DDR groß gewordenen, Generation wieder. Im Internierungslager in Russland lange verbracht, hat er ein gespaltenes Verhältnis zum Unrechtsstaat, schafft es aber nicht, gegen diesen zu rebellieren. Als sein Sohn Alexander kurz vor Maueröffnung in den Westen geht und nach der Wende diese verteidigt, kommen bei Kurt all die indoktrinierten anti-kapitalistischen Ideologien wieder hervor und bringen ihn gegen den Sohn auf.

Der (Ur-)Enkel am Ende hat gar keinen Bezug mehr zur Ost-West-Dramatik und kämpft vielmehr mit den Problemen eines Trennungskindes, wie sie zu allen Zeiten und in allen Welten vorkommen.

Für mich ein rundum gelungenes Buch zum Stimmungsbild der untergegangenen DDR. Vieles erinnerte mich auch an meine eigene Geschichte. Ich werde dieses Buch gern weiterempfehlen: 2011 in meinen Augen ein würdiger Buchpreisträger.

20.03.2014 14:59:41
Darix

Ruge beschreibt das Leben einer "priviligierten deutschen Familie" im Arbeiter und Bauernstaat. Es umfasst die Zeitspanne ihres mexikanischen Asyls bis zum Ende der DDR. Das Leben dreier Generationen, eingepackt in die Geschehnisse der Stalinära, des real existierenden Kommunismus, hin bis zur Wende. Hier wird das Leid, die Freude und politisches agieren der vier Generationen reflektiert.
Das Geschehen umkreist Wilhelm und Charlotte Powileit, er eher der „Basisorientierte Werktätige“, hochdekoriert im SED Staat, sie die intelligente, feinfühlige Kommunistin, Ihre beiden Söhne werden in Straflager der UDSSR verschleppt, Kurt kehrt nach langen Jahren der Verbannung zurück, mit Irina, seiner russischen Frau und deren Mutter Nadjesda Iwanova. Alexander, Kurts Sohn flüchtet in die BRD, trennt sich von seiner Frau Melitta. Alexander erkrankt schwer und folgt den Spuren seiner Großeltern in Mexiko. Der Grundton zum Schluss des Buches ist ein resignierend, traurig, etwas langatmig geschrieben. Kritik am "System" erfolgt kaum, der Vergleich mit den Buddenbrooks hinkt.
Ruge beschreibt ein wenig augenzwinkernd das Leben im Kleinbürgertum in der DDR. Die ‚Menschen arrangieren sich mit den sozialistischen Umständen, machen Karriere. Dem Enkel von Wilhelm und Charlotte wird das Leben in der DDR zu eng, am 90. Geburtstag, des "Großkommunisten"flüchtet er in den Westen.
Das große Lob von den vielen Kritikern kann ich nur bedingt nach vollziehen, denn die Geschichte, das Leben in der DDR wird mit sehr großer Freundlichkeit, Humor sehr positiv dargestellt. Besser im Vergleich um TURM, wo das Leben der DDR Privilegierten beschrieben wurde.

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