Liebesnähe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Hanns-Josef Ortheil

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Britta Höhne
Liebe ist Literatur. Und Literatur ist Liebe

Buch-Rezension von Britta Höhne Okt 2011

Nein, eine Kupplerin ist sie nicht. Auch keine, die im Internet nach Männern sucht und an Speed-Datings teilnehmen würde. Nein. Katharina ist einfach da. Für zwei erwachsene Kinder. Sie, Jule, hat ihren Vater verloren, und er, Johannes, seine Mutter. Katharina, selbst Witwe, lädt nur auf die stille Insel ein und überlässt alles andere – ja wem eigentlich? Dem Zufall? Dem Fälligen, wie der schweizer Autor Max Frisch zu sagen pflegte? Dem Zeitgeist? Der Verwirrung? Nein, alles falsch! Der Liebe. Schlicht und einfach der Liebe.

Hanns-Josef Ortheil ist mit Liebesnähe ein ganz besonders vorsichtiger Roman über das eine große Thema gelungen: Die Liebe. Sie kommt ganz leise daher, in Figur der trauernden Tochter, der Künstlerin, der Zuhörerin, der Gespielin, der Schwimmerin, der Sekttrinkerin... Jule ist alles und doch nur eins in Person: Eine Suchende. Wie auch Johannes: Ein Trauernder, ein Schriftsteller, ein Einsamer, ein Genießer, ein Mensch, der Gedanken mit sich trägt, für deren Skurrilität alleine er gemocht werden muss. Nicht zu vergessen, die kleinen japanischen Bücher, die großen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Das "Kopfkissenbuch" etwa, geschrieben von der japanischen Hofdame Sei Shonagon, "Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland" und das Tagebuch eines japanischen Dichters aus dem achtzehnten Jahrhundert, der über Wochen das Sterben seines Vaters beschreibt.

Die Insel ist ein Hotel - im Alpenvorland gelegen - im Abseits der Großstadt München. Dort nämlich wohnen Jule und Johannes eigentlich und nur Katharina – die dritte im Bunde, das Verbindungsglied – weiß, um die Existenz der beiden "Kinder" wie sie sie nennt. Sie, die Ruhige, Buchhändlerin in der Oase der Stille, des Hotels, mit Hang zu asiatischen Schriftstellern und dazu, aus Gesprächen Geschichten zu schreiben. Liebesgeschichten. In schlichter Folge. Puristisch, gelöst und doch mit Verbindung.

Katharina macht nichts anderes, als die beiden jungen Leute zeitgleich ins Hotel zu bitten. Und dann beginnt die wortlose Romanze. Nein mehr noch, innige Liebe, die zu Beginn gänzlich ohne Worte auskommt. Und da kommt Ortheil ins Spiel. Er lenkt! Natürlich mag man denken, dass er lenkt, er ist schließlich der Autor! Aber Ortheil lenkt so geschickt, so leise und doch folgenschwer.

Ohne Worte findet das Paar zueinander. Verfolgt von wirren Träumen, wie ein Boris Vian sie nicht surrealistischer schreiben könnte. Und mittendrin Katharina. Die nicht in einer Zeile dem Glück des jungen Paares zürnt. Nein, wieder ein nein. Ganz anders. Sie sieht deren Schritte voraus. Wird zur Mitwisserin, ohne das Jule und Johannes ahnen, wohin die Geschichte sie führt.

Kurzum: Liebesnähe verdient es gelesen zu werden und dabei ist es "nur" der dritte Band einer Trilogie. Der Autor, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus nimmt das Tempo aus dem Alltag. Lässt eintauchen in Kunstwelten, die zum Teil nur aus japanischer Flötenmusik bestehen. Selbst dann, wenn die Geschichte insgesamt ins nicht Mögliche abrutscht, weil so viel nicht ausgesprochenes Verständnis zwischen zwei Menschen wirklich nur der Romanfigur gebührt, bleiben Ortheils Charaktere sich treu. Sie – wie er auch – sind exzellente Beobachter. Solche, die sogar Definitionsweisen für Wein- und Biertrinker zu Tage fördern. Oder eben die Literatur ziselieren, in all ihren Feinheiten. Und was Johannes, also Ortheil, besonders interessant macht: Ein gewisses Maß an Größenwahn. Denkt Johannes doch darüber nach, "Ulysses" von James Joyce einen neuen Anfang zu verpassen. Oder gleich die Bibel umzuschreiben.

Liebe ist ein Stück Literatur, lässt Ortheil seine Protagonistin sagen.

 

...es ist ein Stück aus Szenen, Notaten, Aufzeichnungen, Inszenierungen. Es ist sogar das reichste und vielfältigste Stück Literatur, das es gibt.

 

Eine Literatur, die der 1951 geborene Autor in eine wunderbare Sprache bringt – sofern überhaupt gesprochen wird. Denn, die eigentliche Liebe kommt ohne Worte aus.

 

Man möchte sich sofort verlieben, auf der Stelle, man möchte mit einem geliebten Menschen sofort auf und davon ziehen, bei Sonne, bei Regen, egal...,

 

Ortheil fasst Ortheils Liebesnähe zusammen. Ausgesprochen von Johannes, der die Texte von Katharina, der Aufzeichnerin, der Sammlerin, auf den Punkt bringt: Man möchte sich nach dem Lesen des Buches umgehend verlieben. Und zwar so wortlos und doch so gewaltig wie Jule und Johannes.

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Letzte Kommentare:
10.02.2015 10:49:08
Engeser Ute

"...einer ungewöhnlichen Liebe, für die nur die Liebe selber zählt."
So wird es auf dem Cover zusammengefasst. Ich würde meinen, "....für die nur die Selbstliebe zählt". Eine fast unerträgliche Beschreibung zweier Selbstinszenierungen, für die sowohl der "Geliebte" als auch die Bediensteten des natürlich elitären Hotels als Handlanger dienen.
Die Reisebeschreibungen von Ortheil ( Moselreise), die er als Kind aufgezeichnet hat, sind hingegen wunderbar. Sie haben mich verleitet, das Liebesbuch zu lesen. Ich werde aber von Ortheil ganz gewiss keinen Liebesroman mehr lesen.

30.08.2014 23:24:52
Jutta Gehrold

Endlich! Geschafft!
Ein Buch, das auf jeder Seite etwas verspricht, das es nicht halten kann. So habe ich mich von Seite zu Seite mit der Hoffnung auf etwas mehr Realität entlanggehangelt. Und schließlich die große Ernüchterung: " Das Pochen des warmen Gliedes in ihrem Leib kommt ihr vor wie das Luftschnappen eines schweren, regungslosen Fisches auf dem Grund eines dunklen Basins."
Dieser Satz hat mich nahezu erschlagen. Kann man die geschlichtliche Liebe noch geschmackloser beschreiben, noch furchteinflößender? Schwer vorstellbar!
Überhaupt: Die Personen handeln wie Marionetten, die von fremder Hand gesteuert werden. Eigentlich nicht wirklich menschlich! Die Protagonisten lassen wahre menschliche Wärme vermissen, sie sind einfach nur "nette" langweilige Menschen, die sich zu interessanten Menschen hochstilisieren, indem sie Gefühlsregungen strategisch planen.
Nach der Lektüre war ich einfach nur wütend: auf diese Typen, auf denjenigen, der sie in die Welt gesetzt hat und auf mich, die ich doch tatsächlich so naiv war schlussendlich etwas "Großes" zu erwarten.

18.01.2013 22:14:12
Heinrich Baumgarten

Liebesnähe

Wer Hanns-Josef Ortheils wundervolles Buch "Die Erfindung des Lebens" gelesen hat, gewinnt den Eindruck, daß "Liebesnähe" eines anderen Autors Werk ist.
Gleich drei Protagonisten betreten die Bühne: Katharina, Buchhändlerin und Fast-Stiefmutter von Jule, ihrer Fast-Stieftochter sowie Johannes, Schriftsteller.
Georg, Jules verstorbener Vater und Fast-Ehemann von Katharina, taucht immer wieder als Stichwort- und Assoziations-Spender in beider Frauen Gedanken und Gesprächen auf. Quasi dreieinhalb Dei ex machina tummeln sich bereits zu Beginn in den Kulissen des Geschehens, einem exklusiven Hotel im schlaraffenländlichen Irgendwo des Voralpengebiets.
Die drei hauptamtlichen Protagonisten weben einen Beziehungsteppich, zu dem der Verstorbene die eine oder andere Farb-Nuance aus dem Off hinzufügen darf. Dieser Georg war ein bekannter, erfolgreicher Galerist gewesen, der seine jüngste Tochter Jule von klein auf vergötterte und beizeiten darauf einstimmte, einst erfolgreiche Projektkünstlerin zu werden. Er sammelte alles, was sie seit Kindesbeinen an Kreativem von sich gab, und also wurde sie auch plangemäß Produzentin neuartiger genre- und mittelübergreifender Installationen mit Video, Foto, Audio. Eben globale Spielerin auf dem Weltmarkt der Eitelkeiten.
Nun läßt Ortheil diese Figuren - jede für sich - den Teppich gestalten. Keine weiß, was die andere vorhat, aber die andere tut das Erwartete, und alles stimmt. Trotz vieler erkennbarer Webfehler stimmt, vor allem am Schluß, wirklich alles so peinlich, daß es quietscht, dem Leser ganz seltsam zumute wird und er sich immer wieder wie Mutter Kempowski fragen möchte: "Wie isses nur möglich?"
Jule und Johannes sind während eines ganzen Wochenendes non-verbal, nur per SM-Mitteilungen ("The artist is present" - "The writer is present") und durch zufällig "gefundene" Zettelchen natürlich bereits füreinander bestimmt.
Geht das? Darf einer das schreiben? Kann man, muß man das lesen?
Und bei dieser Fragerei kommt schon mal gelegentlich ein wenig Zorn auf, so daß das 394seitige Buch Gefahr läuft, an der Zimmerwand zu landen.
Damit nicht genug. Manieriert und gelegentlich mariniert mit dem Ekelgeschmack des zähntötenden Pfefferminzbruchs, den wir Kinder der Nachkriegszeit als Süßigkeit bekamen, schrammt der Stil des Autors an der Kitschmauer entlang und verbeult sein erzählerisches Vehikel. Das schnöde Wort "Fremdschämen" paßt hier ausnahmsweise einmal wie angegossen.
Kann es sein, daß "Publish or perish", der Veröffentlichungs-Wahn, nun auch Treibsatz der Belletristik geworden ist?
"Weniger wäre mehr gewesen" meint nicht den zeitlichen Abstand zweier Werke voneinander.
Peinlicher Lapsus eines begabten Erzählers.

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